Spiegel | Ein Körper, zwei Geister - Warum viele indigene Gruppen mehr als zwei Geschlechter kennen
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Yvette-Q
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Spiegel | Ein Körper, zwei Geister - Warum viele indigene Gruppen mehr als zwei Geschlechter kennen

Post 1 im Thema

Beitrag von Yvette-Q »

"Männer in Frauenkleidern, mutige Kriegerinnen: In etlichen indigenen Gruppen Nordamerikas waren Geschlechtsidentitäten weniger starr als im Westen. Die europäischen Invasoren hielten das für »Sodomie« – und gingen brutal dagegen vor."

Ein interessanter Artikel darüber, wie die First Nations mit "Two-Spirits" umgegangen sind, ihnen wurden teilweise sogar überirdische Kräfte zugesprochen oder sie hatten exponierte Rollen in der Gemeinschaft.

"Two-Spirits existierten in der Vergangenheit in etwa 150 bis 200 indigenen Gruppen, jede hatte unterschiedliche Begriffe und Konzepte: Bei den Blackfoot gab es die Aakii'skassi (»benimmt sich wie eine Frau«) beziehungsweise Saahkomaapi'aakiikoan (»Jungsmädchen«). Bei den Omaha hieß der biologische Mann in der Frauenrolle Mixu'ga (»vom Mond unterrichtet«), bei den Navajo Nadleeh (»jemand, der sich in einem ständigen Prozess des Wandels befindet«). Die Cherokee kannten abseits der eindeutigen Männer- und Frauenrolle drei, die Navajo vier und die Cree gar sechs weitere Geschlechter."

Demgegenüber der Umgang der weißen Eindringlinge mit diesen Menschen.

"Auch in Nordamerika, so Smithers, bestraften die Eroberer Two-Spirits mit drakonischen Mitteln. »Die christlich sozialisierten, aus patriarchalischen Strukturen stammenden Kolonisatoren nahmen die Indigenen mit ihren matrilinearen Gesellschaften und fluiden Geschlechteridentitäten als Bedrohung wahr, die es auszumerzen gelte«, sagt der Historiker."

Leider hinter der Paywall der gesamte Artikel:
https://www.spiegel.de/geschichte/ein-k ... 0208364221

Interessant finde ich die Bewertung der "matrilinearen Gesellschaften und fluiden Geschlechteridentitäten". Aus meiner Sicht nimmt ein Großteil der Gesellschaft diese Lebensweise nach wie vor als Bedrohung war. Es gab offensichtlich bereits Gesellschaftsformen, die an dieser Stelle progressiver waren.
Yv. J'existe.
Vicky_Rose
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Re: Spiegel | Ein Körper, zwei Geister - Warum viele indigene Gruppen mehr als zwei Geschlechter kennen

Post 2 im Thema

Beitrag von Vicky_Rose »

Yvette-Q hat geschrieben: So 19. Mär 2023, 07:49 Es gab offensichtlich bereits Gesellschaftsformen, die an dieser Stelle progressiver waren.
Moin,

das ist aber auch wieder eine Kulturaussage des "Westens". Gerade bei indigenen Völkern, auch in unseren Regionen, ging es vor allem um das Überleben, so dass möglichst jede Fähigkeit eines Menschen genutzt werden musste. Es mag Tendenzen in den Geschlechtern geben, aber eine "kriegerische Frau" ist eben in Bereichen mit höherem Aggressionspotential nützlicher als in anderen Bereichen. Es war schlichte Notwendigkeit. Ich würde das nicht "progressiv" im Sinne einer Kulturleistung sehen, wie wir sie kennen. Interessant ist in diesem Zusammenhang der Podcast:
https://www.ardaudiothek.de/episode/wil ... /12163843/

Ich enke, es gibt den Begriff Mann und Frau im Sinne der Biologie, grob gesagt, der Vermehrung und es gibt eine kulturelle Betrachtungsweise. Aber gerade die kulturelle Betrachtung ist in weiten Bereichen von den Randbedingungen der jeweiligen Situation abhängig. Stellvertretend würde ich für den Westen Simone de Beauvoir oder Judith Butler zählen. Aber auch Alice Schwarzer und J.K.Rowling gehören dazu. Hier kann man von mehr oder weniger progressiv sprechen.

Was wirklich two spirits sind, dürften nur die wenigsten wirklich wissen. Die Gefahr ist groß, dass wir unsere Sichtweise der anderer Kulturen (wieder einmal) überstülpen. Dieses Überstülpen passiert ja sogar in unserer Kultur intern, wenn ich die Meinungen der genannten Personen betrachte.

Ich meine, wir sollten von der Kulturleistung anderer Menschen und Völker lernen, aber sie nicht auf unsere Vorstellungen projezieren.
Viele Grüße
Vicky

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Nora_7
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Re: Spiegel | Ein Körper, zwei Geister - Warum viele indigene Gruppen mehr als zwei Geschlechter kennen

Post 3 im Thema

Beitrag von Nora_7 »

Vicky_Rose hat geschrieben: So 19. Mär 2023, 10:10 as ist aber auch wieder eine Kulturaussage des "Westens". Gerade bei indigenen Völkern, auch in unseren Regionen, ging es vor allem um das Überleben, so dass möglichst jede Fähigkeit eines Menschen genutzt werden musste.
Gilt das nicht für alle Völker? Fortpflanzung und Überleben unter widrigen Bedingungen - Klima, Unwetter, wilde Tiere, aggressive Nachbarn, aufwendige Nahrungsveschaffung - gab und gibt es überall. Auch im asiatischen Raum ist die Toleranz höher, auf dem Balkan gibt es ein umgekehrtes Bild der Mann-Frauen. Das alte Testament zeigt die Entwicklung der patriarchalischen abend- und morgenländischen Welt klar auf, die alle Abweichungen von der biologischen Geschlechtsidentität und -verhalten nicht toleriert. Christentum und Islam setzen dies konsequent fort. Abgeschiedene Kulturen waren wohl geschützer. Und von Testo-gesteuerten Machtverhalten kaum beinflußt. Wahrscheinlich war ein bisschen Wohlfühlen im alltäglichen Überlebenskampf wichtiger.

Liebe Grüße Nora
Schönheit ist weiblich, und ich bin auch gerne schön.
Ich kann alles tragen, wenn ich ein Mädchen bin
Vicky_Rose
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Re: Spiegel | Ein Körper, zwei Geister - Warum viele indigene Gruppen mehr als zwei Geschlechter kennen

Post 4 im Thema

Beitrag von Vicky_Rose »

Nora_7 hat geschrieben: So 19. Mär 2023, 11:31 Das alte Testament zeigt die Entwicklung der patriarchalischen abend- und morgenländischen Welt klar auf,
Das ist für mich im wörtlichen Sinn eine relativ unsichere Quelle und deren Interpretation unterliegt heutuger Sichtweise. Wenn Du auf 5. Mose 22:5 abzielst:
Ein Weib soll keine Männertracht tragen, und ein Mann soll keine Weiberkleider anziehen; denn wer solches tut, ist dem Herrn, deinem Gott, ein Greuel.
dann ist dmit nichts über den Alltag gesagt. Wir wissen nicht, wie im Altertum Geschlecht wirklich definiert wurde. Von den Griechen ist ja z.B. gelebte Homosexualität bekannt, aber wahrscheinlich nicht im Sinne, wie es heute gelebt werden kann. Wenn biol. Männer konsequent als Frau gelebt haben, hatten sie vielleicht ihre Nische. Ich bin mit Bibel-Aussagen vorsichtig.

Du spricht eine höhere Toleranz im asiatischen Raum an. Ich sehe das nicht so. Als Transmensch kannst Du in Europa friedlich leben, auch wenn es derzeit von einigen mehr Intoleranz gibt. Ich gehe noch einen Schritt weiter. Es gibt mMn nur wenige Regionen, in denen die allgemeine Akzeptanz höher ist als bei uns.
Christentum und Islam setzen dies konsequent fort.
Das würde ich nicht über einen Kamm scheren. In beiden Religionen gibt es sehr tolerante, aber auch intolerante Strömungen. Nehme ich z.B. die evangelische Kirche als eine Vertreterin des Christentums, ist es gerade sie, die sich sehr für Transmenschen einsetzt.
Abgeschiedene Kulturen waren wohl geschützer. Und von Testo-gesteuerten Machtverhalten kaum beinflußt.
Wie kommst Du darauf, dass es nur in wenig abgeschiedene Kulturen "Testo-gesteuertes Machtverhalten" gäbe ? "Abgeschiedene" Naturvölker sind kein Paradies auf Erden. Hier kommt es genau so zu Rivalitäten.
Viele Grüße
Vicky

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