Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz
Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz - # 2

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Lana
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Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Post 16 im Thema

Beitrag von Lana »

Jaddy, ich bin weitestgehend bei dir, und möchte mal Danke sagen für all die von dir aufgezählten Beispiele, die den Grund auch für meinen Frust sehr schön illustrieren.
Jaddy hat geschrieben: Di 18. Jan 2022, 11:14 Klar könnte quasi über Nacht das TSG selbst entkernt werden, sprich: Alle Bestimmungen bzgl gerichtlichen Verfahren streichen und durch die Abgabe einer Erklärung beim Standesamt ersetzen. Ond_oder im §45b PStG den Artikel 3 (ärztliche Bescheinigung) streichen. Dann bleiben aber, s. Cybill, zahnloses Offenbahrungsverbot, fehlendes Diskriminierungsverbot, Elternschaft, usw. weiter schlecht.
Hier verstehe ich die Logik des Vorgehens aber nicht. Was ist der Vorteil, wenn alles in einem großen Gesamtpaket geregelt wird? Warum fängt man nicht einfach damit an, die Dinge, die leicht umzusetzen sind, einfach mal zu machen.
Das bedeutet ja nicht dass der Rest vergessen wurde, sondern nur, dass es damit länger dauert, weil es komplexer ist. Das sind aber Dinge wie Abstammungs-, Familien- oder Erbrecht. Die gehen teilweise noch auf die Nazizeit zurück, sind also ohnehin längst überfällig. Das ist ein großer Brocken, verstehe ich.
Offenbarungs- und Diskriminierungsverbot fallen da meiner Meinung nach aber nicht drunter und könnten mit einem einfachen Gesetz ausgestaltet werden.

Meine Sorge ist konkret, dass man zu viel will, und das soll auch noch perfekt sein, und am Ende bekommt man nichts, weil man sich mit dem großen Gesamtpaket übernommen hat.

Ich wäre dafür, erstmal kleine Brötchen zu backen, dass man überhaupt mal wieder was zu kauen hat :wink:

LGL
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Jasmine
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Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Post 17 im Thema

Beitrag von Jasmine »

Hi Jaddy, danke für deine Ausführungen. Du hast vollkommen recht. Danke das du dir die Arbeit gemacht hast, das so genau auszuführen. (he)

Ein kleines aber muß ich dann doch anbringen: Wir haben den größten Bundestag aller Zeiten und die Anzahl der Bundesbeamten und Angestellten ist sehr groß geworden. Da muß es doch möglich sein mehr zu tun als nur "Warme Worte". Andere Staaten schaffen das doch auch, warum nicht wir in Deutschland? Warum muss hier alles zerredet werden bis zum St. Nimmerleinstag? Also darf ich die Frage stellen, wie handlungsfähig ist unser Staat wenn es um Menschenrechte oder Minderheiten geht? Warum nicht einmal etwas tun gegen die Politikverdrossenheit. Das ganze System muß deutlich verbessert werden um handlungsfähig zu sein, um zukunftsfähig zu sein. Aber der Stillstand nutzt doch nur den rechten Kräften hier und in Europa. Es muß mehr passieren als nur Regenbogenflaggen vor die Parteizentralen zu hängen. Menschenrechte sind nich verhandelbar, sie sind unveräußerliche Grundrechte zumindest meiner Meinung nach.
Liebe Grüße Jasmine
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Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Post 18 im Thema

Beitrag von Jasmine »

Lana hat geschrieben: Di 18. Jan 2022, 11:49 ........
Ich wäre dafür, erstmal kleine Brötchen zu backen, dass man überhaupt mal wieder was zu kauen hat :wink:

LGL
Genau so sehe ich das auch. Step by Step, das wäre ein guter Anfang.

Liebe Grüße Jasmine
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Jaddy
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Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Post 19 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Lana hat geschrieben: Di 18. Jan 2022, 11:49 Hier verstehe ich die Logik des Vorgehens aber nicht. Was ist der Vorteil, wenn alles in einem großen Gesamtpaket geregelt wird? Warum fängt man nicht einfach damit an, die Dinge, die leicht umzusetzen sind, einfach mal zu machen.
Genau kann ich das nicht beantworten, dazu fehlt mir Detailwissen. Wäre also mal ein Thema für eine öffentliche Veranstaltung zum Beispiel von dgti oder BV-T mit Menschen, die da drin stecken (*hint hint, nudge nudge* :D ).

Ein Gedanke ist, dass jedes Gesetz erst mal einen Grundaufwand hat, wie von Nyke und Freddy beschrieben. D.h. irgendeine Stelle, Ministerium, Fraktion, o.ä. beginnt zu texten, macht abgleichende Runden mit mglw weiteren betroffenen Ressorts, lässt alles rechtlich von den Stellen in den Minsterien und anderen prüfen, etc. Dann Parlament, ab in einen Ausschuss, dort diskutieren, Anhörungen, Änderungen, Lesung 2, Lesung 3. Alle das bedeutet Termine zu finden in Gremien und Leute zu beauftragen, die ja auch andere Arbeiten haben, das also in persönliche und institutionelle Pipelines zu geben, die gewisse Durchlaufzeiten haben.

Machst du das Ding zu klein, erzeugst du den gleichen Aufwand - auch bei dir als MdB und deinen Mitarbeitys - für weniger Effekt - oder es scheitert an der Durchführbarkeit(*). Machst du es zu groß, dauern die Details länger. Die Crux ist also, die Absichten so zu bündeln, dass es bei minimalem Aufwand möglichst großen Effekt hat.

(*) Beispiel: "Ab morgen ist Cannabis legal" - OK, also wird ab sofort jegliches Zeug ohne Qualitätskontrollen überall verkauft, ohne dass irgendwas dagegen unternommen werden kann. Wäre doof. (Das wäre zugegebenermassen bei TSG und §45b wohl nicht der Fall, jedenfalls sehe ich da keine solchen Folgen)
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Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Post 20 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Jasmine hat geschrieben: Di 18. Jan 2022, 12:02 Hi Jaddy, danke für deine Ausführungen. Du hast vollkommen recht. Danke das du dir die Arbeit gemacht hast, das so genau auszuführen. (he)

Ein kleines aber muß ich dann doch anbringen: Wir haben den größten Bundestag aller Zeiten und die Anzahl der Bundesbeamten und Angestellten ist sehr groß geworden. Da muß es doch möglich sein mehr zu tun als nur "Warme Worte". Andere Staaten schaffen das doch auch, warum nicht wir in Deutschland? Warum muss hier alles zerredet werden bis zum St. Nimmerleinstag?
Jepp. Sehr dafür! Also: Für progressivere Gesetze und handlungsfähiges System. Allerdings bin ich auch skeptisch bei allzu viel "Handlungsfähigkeit". Das kann nämlich auch nach hinten losgehen, wie in Präsidialsystemen a'la USA oder Türkei (oder Frankreich), autokratischen wie in Russland oder solchen mit kalt gestellter Kontrolle wie in China, Ungarn, Kuba, Polen, ... - wo eine Stelle erst mal "durchregieren" kann, ohne ggf demokratisch kontrolliert und rechtzeitig eingebremst zu werden. Sprich: Wäre - für uns - toll, solange die "richtigen" Leute das tun, aber auch sehr schlecht, wenn die falschen am Ruder stehen. Jede Macht braucht Kontrollinstanzen.

Ich bin also nicht sicher, welche anderen Staaten du meinst, die "das" schaffen, und an welchen Stellen diese Staaten gar nicht so funktionieren, wir "wir" uns das wünschen würden.

Grundsätzlich _kann_ unser System schon eine ganze Menge. Und gar nicht mal so schlecht, sondern durchaus mit Augenmass, zum Beispiel abgesichert durch die Länder, die auf regionale Besonderheiten achten und das BVerfG, dass die Grundrechte im Auge behält (ja, kommt auch drauf an, wie Beschwerden da formuliert werden und so).

Es kommt aber vor allem darauf an, progressive Menschen ins System zu bringen, sprich: zu wählen udn zu unterstützen! Nur die regen die richtigen Dinge an und bringen sie durch die Mühle. Da bin ich bei demokratisch gewählten Gremien zuversichtlicher, als bei zu kleinen Strukturen a'la Präsidialsystemen, denn je kleiner, desto mehr Gefahr, dass einzelne Personen zu viel Unfug machen.

Eine Reform in Richtung Handlungsfähigkeit finde ich also bedenkenswert, ist aber gleichzeitig ein riesiger Brocken und sollte ganz besonders intensiv diskutiert werden. Für alle Strukturen gibt es Gründe und Hintergründe, weshalb die so sind und was ggf passieren kann, wenn es anders geregelt würde. Da wünsche ich mir, dass (sich) viel mehr über diese Hintergründe informiert würde, bevor scheinbar naheliegende Lösungen gefordert werden.
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Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Post 21 im Thema

Beitrag von Jasmine »

Es geht hier um die Frage wieviel Zeit noch? Wann ist genug auch genug? Nur mal zur Erinnerung:
https://dserver.bundestag.de/btd/19/295/1929595.pdf
Zitat:
.....Seit 2015 empfiehlt der Europarat seinen Mitgliedstaaten über die Resolution 2048, dass Personen „schnell und transparent“ eine Änderung der Geschlechtsangabe und des Namens in offiziellen Dokumenten vornehmen lassen können sollen. Das Verfahren solle allein auf der selbstbestimmten Entscheidung der jeweiligen Person beruhen – ohne Zwang zu vorherigen psychologischen Begutachtungen, medizinischen Behandlungen oder Operationen. Zahlreiche Staaten haben in jüngster Zeit die Vornamens- und Personenstandsänderung reformiert, indem sie die Begutachtungspflicht abgeschafft haben..................

Das sind doch schonmal 7 Jahre in denen bitte "WAS" passiert ist?

weiteres Zitat:
................Das Transsexuellengesetz (TSG) ist fast 40 Jahre alt und entspricht nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Es stellt für die Änderung der Vornamen und die Berichtigung des Geschlechtseintrages entsprechend der selbst bestimmten Geschlechtsidentität unbegründete Hürden auf, die das Selbstbestimmungsrecht in menschenunwürdiger Weise beeinträchtigen. ..................

Und jetzt wird mit riesigem Verwaltungsaufwand argumentiert, tut mir leid und das klingt für mich unglaubwürdig. Welche Werte werden also von unseren Politikern vertreten?

Liebe Grüße Jasmine
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Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Post 22 im Thema

Beitrag von Jasmine »

Jaddy hat geschrieben: Di 18. Jan 2022, 12:32 ............Ich bin also nicht sicher, welche anderen Staaten du meinst, die "das" schaffen, .....................
Nehmen wir doch die Schweiz oder andere europäische Länder. Das sind Demokratien die bei der Selbstbestimmung Schritte machen wo bei uns nur geredet und geredet wird. 42 Jahre TSG verbunden mit viel Leid müssen ein Ende finden. 7 Jahre nach einer Empfehlung des Europarates müssen doch genug Grund sein schnellstmöglichst etwas bei dem Gesetz zu ändern! Ich kann es nur immr wieder wiederholen: Eine Demokratie muss sich daran messen lassen wie sie mit Minderheiten umgeht. Insbesondere wenn Deutschland bei anderen Ländern den Finger mahnend hebt.
Liebe Grüße Jasmine (he)
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Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Post 23 im Thema

Beitrag von Mirjam »

Ja, ich hatte mal Hoffnung. Nach der Wahl, weil die Bremser aus der Union nicht mehr die stärkste Fraktion stellen und auch nicht mehr in der Regierung vertreten sind. Nach Unterzeichnung des Koalitionsvertrages, weil dort explizit steht, dass ein Selbstbestimmungsgesetz kommen wird (nicht "soll" oder "wir würden gerne" oder so ähnlich!). Aber wieder mal stirbt meine Hoffnung. Wenn ich dann noch solches lese
Cybill hat geschrieben: Di 18. Jan 2022, 10:10 An sich schreibe ich das nicht gern, aber wir müssen auch einsehen, dass wir nur eine verschwindende Minderheit sind und dass unser Land und unsere Gesellschaft derzeit andere Probleme haben, als uns den Weg zu einer niedrigschwelligen Vornamens-und Personenstandsänderung zu ebnen.
dann frage ich mich wirklich, wann soll es denn so weit sein? Wenn Corona vorbei ist? Wenn dann die Wirtschaft wieder richtig rund läuft? Wenn diese und jene Schwierigkeiten überwunden sind, an die wir im Moment noch nicht mal denken? "Andere Probleme" finden sich bestimmt immer wieder. Und in nicht mal vier Jahren wird ein neuer Bundestag gewählt, mit möglicherweise anderen Mehrheiten ...

Mirjam (wo)
Jaddy
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Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Post 24 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Jasmine hat geschrieben: Di 18. Jan 2022, 12:48
Jaddy hat geschrieben: Di 18. Jan 2022, 12:32 ............Ich bin also nicht sicher, welche anderen Staaten du meinst, die "das" schaffen, .....................
Nehmen wir doch die Schweiz oder andere europäische Länder. Das sind Demokratien die bei der Selbstbestimmung Schritte machen wo bei uns nur geredet und geredet wird.
Du meinst bei Frauenwahlrecht, non-hetero Ehe, dritter Option? Oh, sorry, die gibt's ja entweder noch nicht oder noch nicht sehr lange :) Und jetzt bitte nicht "direkte Demokratie". Da würden wir mit TSG & Co ziemlich schlecht dastehen.

Sorry, das sind so Beispiele, wo Nebenbedingungen nicht mitgedacht werden.
Die Schweiz hat 8,6 Mio Menschen, DK 5,8, Belgien 11.
Zum Vergleich: D 83 Mio, NRW 18, Bayern 13, BaWü 11,3, Niedersachsen 8.

Die kleinen europäischen Länder und die Bundesländer haben für sich und in sich relativ geringe regionale Unterschiede, auch was Einstellungen der Bevölkerungen angeht, unterscheiden sich aber tw stark _von_einander. So stark, dass deutsche Politikys aus einer Region häufig keine Ahnung haben, was in anderen tatsächlich Phase ist.

Mein Lieblingsbeispiel dafür ist A.Scheuer, dem erst live an der maroden Schleuse Kiel-Holtenau erklärt werden musste, dass dies und der Nord-Ostsee-Kanal keine Folklore ist, sondern ein Milliarden-Wirtschaftsfaktor von weltweiter Bedeutung und deshalb ein paar Millionen aus seinem Etat bitte _nicht_ in bayrische Autobahnen umgelenkt, sondern sofort hier investiert werden müssen, bevor die gesamte Ostsee-Region logistisch und wirtschaftlich praktisch abgehängt ist.

Ich finde das übrigens ein sehr überzeugendes Argument _für_ regionale Regierungen großer Staaten (statt zentralistisch wie zB Frankreich), inkl Subsidiaritätsprinzip (national und europäisch).
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Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Post 25 im Thema

Beitrag von EmmiMarie »

Cybill hat geschrieben: Di 18. Jan 2022, 06:56 Ich habe mir die Tage einen veritablen Shitstorm eingefangen, als den Entwurf meiner Freundin Julia Steenken in die Diskussion gebracht habe, die weg von der Erklärung vorm Standesamt hin zur Erklärung vor dem Familiengericht will - also weg vom Verwaltungsakt als rechtlichem Ergebnis hin zu einem Gerichtsbeschluss.
Da würde von den obersten Bedenkenträgern sofort eine Begutachtung durch die Hintertür getwittert - ohne die Vorteile überhaupt nur in Betracht zu ziehen.
Ihr seht, das Ganze wird noch viele Diskussionen erfordern und dabei ist noch nicht einmal der Gegenwind aus der konservativen Ecke eingepreist.
Hallo Cybill...

tatsächlich muss ich sagen, das ich das für eine ziemlich gute Idee halte..

ich war mir von vorne weg nicht sicher, ob das bei den Standesämtern richtig aufgehängt wäre
und hatte oft das Szenario im Kopf in dem ein junger oder vielleicht sich selbst unsicherer Mensch
im Standesamt sitzt und sich erklären möchte..es aber nicht schafft weil die Chemie auf
den beiden Seiten des Tisches nicht stimmt.

Und das es viel Unsicherheiten bei Betroffenen gibt, sieht man hier im Forum auch oft genug.
Ja und das ist auch der Grund warum ich ein passendes, einfühlsames Beratungsangebot
für sehr wichtig halte-das brauchen lange nicht alle, aber es muss da sein-zur Not mit
einem "Empfehlungsschreiben" was bei der Klarstellung sonst wo unterstützend in der Tasche ist.

Ich kann immer nur wieder sagen, mir hat die Begleittherapie und kein Gespräch wegen anderen
Angelegenheiten auf dem Weg jemals geschadet, kein bisschen.

Hmm..ich betreibe hier kein Gatekeeping, aber es ist nicht alles schlecht, was wir gerade an
Werkzeugen zur Verfügung haben.
Und bin ich mit mir im Reinen und klar, kann ich sie sogar sinnvoll für mich nutzen.

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Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Post 26 im Thema

Beitrag von Vicky_Rose »

Lana hat geschrieben: Di 18. Jan 2022, 11:03 das sehe ich komplett anders. Meine Politiker*innen-Verdrossenheit ist real und nicht herbeigeredet. Und dafür gibt es nachvollziehbare Gründe.
Deshalb schrieb ich auch "kann". Bei falschen Randbedingungen kann eine Schlussfolgerung nicht stimmen.

Das würde ich auch nicht behaupten. Deshalb habe ich "kann" geschrieben. Wenn man von falschen Randbedingungen ausgeht, kann die Schlussfolgerung nicht passen.
Lana hat geschrieben: Di 18. Jan 2022, 11:03 Es sollte für Fachleute doch möglich sein, einen Entwurf vorzulegen, der die Belange der Länder nicht berührt und somit nicht Zustimmungspflichtig ist.
Das Personenstandsgesetz unterliegt der konkurrierenden Gesetzgebung. Die Länder sind immer im Boot.
Lana hat geschrieben: Di 18. Jan 2022, 11:03 Was ist denn an den Entwürfen von Grünen und FDP aus dem letzten Jahr auf einmal so schlecht,
Die Frage stellt sich so nur bedingt, da offensichtlich noch Änderungen erfolgen sollen.
Lana hat geschrieben: Di 18. Jan 2022, 11:03 dass die Verweise auf Formalien und Abstimmungsprozesse nicht mehr sind, als Ausreden, die nur verschleiern sollen, dass man nicht vorankommt oder womöglich vorankommen möchte.
Na ja, die Rechtslage ist zu verschachtelt als dass eine ad hoc Lösung möglich wäre. Der Gesetzesentwurf des letzten Jahres ist höchstwahrscheinlich nicht in seine Tiefen durchdacht, da davon ausgegangen werden konnte, dass es abgelehnt wird.
Lana hat geschrieben: Di 18. Jan 2022, 11:03 dass die Anträge der Opposition abgelehnt werden,
Das ist bei den meisten Gesetzen so. Ist die Regierung pro, dann ist die Opposition dagegen und umgekehrt. Bestenfalls gibt es eine Ennthaltung bei einer Zustimmung. Das ist leider so. Man glaubt dem poitischen Gegner nicht zustimmen zu können. Das lässt sich nicht vertreten. Leider.
Lana hat geschrieben: Di 18. Jan 2022, 11:03 so langsam umgesetzt wird,
Nochmals, die aktuelle Regierung hat gerade erst angefangen. Das zu ignorieren, halte ich für ungesund. Bisher war der politische Willen für eine Veränderung nicht gegeben. Wir leben nicht in einer Diktatur, in der man schnell mal eine Entscheidung fällt, sondern haben noch demokratische Spielregeln, auch wenn diese verbesserungswürdig sein mögen.

Meine persönliche Meinung zur "Politikverdrossenheit": Ich kann viele Wünsche und Defizite nachvollziehen. Aber es nützt niemandem, über Politikverdossenheit zu klagen. Viel wichtiger ist es, sich politisch zu betätigen. Nur so kann man den erforderlichen Druck aufbauen, der zu einer Veränderung führt. Politikverdrossenheit führt letztlich zu politischen Strukturen, die genau das Gegenteil bedeuten, was wir wollen. Für mich hat Politikverdrossenheit viel damit zu tun, dss man sich selber nicht engagiert, sondern an die Politik eine Erwartungshaltung hat, dass sie zu liefern hat, was man selber für richtg hält.

So funktioniert das aber nicht. Wenn wir eine Demokratie wollen, müssen wir uns einbringen. Wenn wir keine wollen, bekommen wir die Einschränkungen zu spüren. dafür gibt es aktuell auch in Europa sehr klare Beispiele. Und es kann noch schlimmer kommen.

Ich beziehe das nicht auf eine Person speziell, aber es lohnt sich mMn, einmal darüber nachzudenken, wohin diese negativen Haltungen führen können. Ich bin auch dafür, dass sich die uns betreffenden Gesetze verändern bzw. abgeschafft werden. Aber es ist völlig irrational, innerhalb von wenigen Wochen solche Änderungen zu erwarten. Wenn man also eine diesbezügliche Erwartungshaltung in sich trägt, dann ist die Frustration vorprogrammiert, bei manchen vielleicht sogar gewollt, um die eigene Politikverdrossenheit zu bestärken.

Nochmals, äußert Kritik, macht Druck, führt Argumente an, aber hört auf, den Kopf in den Sand zu stecken. Was soll denn das bringen, außer schlechter Stimmung ?
Viele Grüße
Vicky

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Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Post 27 im Thema

Beitrag von Lana »

EmmiMarie hat geschrieben: Di 18. Jan 2022, 14:22 Hmm..ich betreibe hier kein Gatekeeping, aber es ist nicht alles schlecht, was wir gerade an
Werkzeugen zur Verfügung haben.
Und bin ich mit mir im Reinen und klar, kann ich sie sogar sinnvoll für mich nutzen.
Liebe Marie,

ich hatte es nie so verstanden, dass Hilfen und Unterstützung wegfallen sollen. Entscheidend ist aber, dass die betroffene Person entscheidet, was sie braucht und nutzen möchte. Ohne Zwang, ohne Verpflichtungen, und ohne Nachteile durch ihre je eigene Entscheidung befürchten zu müssen.

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Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Post 28 im Thema

Beitrag von Jaddy »

EmmiMarie hat geschrieben: Di 18. Jan 2022, 14:22 tatsächlich muss ich sagen, das ich das für eine ziemlich gute Idee halte..

ich war mir von vorne weg nicht sicher, ob das bei den Standesämtern richtig aufgehängt wäre
und hatte oft das Szenario im Kopf in dem ein junger oder vielleicht sich selbst unsicherer Mensch
im Standesamt sitzt und sich erklären möchte..es aber nicht schafft weil die Chemie auf
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Und das es viel Unsicherheiten bei Betroffenen gibt, sieht man hier im Forum auch oft genug.
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Sorry, aber meiner Ansicht nach sind die Bedenken vollkommen überzogen. Jedenfalls - und gerade - wenn die Änderung jederzeit revidierbar ist, also eben ohne Pflichtvoraussetzungen, Gerichte, etc.

Den einzigen Vorteil eines Gerichtsbeschlusses (ohne Verweigerungsmöglichkeiten!) auf einfache Erklärung hin wäre, dass bei den Ämtern nichts geändert werden müsste. Die Verfahren nach §48 PStG sind eingespielt und die gerichtlichen Anweisungen sind verbindlich.

Aber wozu der Aufwand? Wer soll vor was geschützt werden? Nehmen wir den Fall einer unsicheren Person, die trotz Informationsmöglichkeiten - Selbsthilfegruppen, freie Transberatungen, etc. - nicht ganz sicher ist und _trotzdem_ zum Amt geht. Nehmen wir weiterhin an, das Gesetz ermöglicht die Änderung jederzeit durch eine simple Erklärung "Hallo, ab heute bitte diese Vornamen und diesen Personenstand eintragen, hier mein Perso zwecks Legitimation".

Was passiert? Nach dem Eintrag _kann_ die Person losziehen und alle anderen Papiere ändern. Mit dem entsprechendem Aufwand. Kennen wir. _Oder_ erst mal gezielt probieren, wie sich das jetzt anfühlt, mit gesetzlicher Unterstützung statt nur persönlicher Aussage.

Und was, wenn es nicht das richtige ist? Dann gibt es einen neuen Termin und alles wird zurück gesetzt. Nix passiert ausser ein bisschen Tinte auf dem Papier bzw Elektronen in der Datenbank.

Wird das irgendwer für Unfug ausnutzen? Ist irgendwie nicht erkennbar, oder? Und? Wäre damit irgendein Schaden anzurichten? Sehe ich nicht so.

Auch "die Chemie" ist bei Standesämtern absolut nicht relevant. Die sind da leidenschaftsloser als die Kfz-Zulassung. Wenn das Gesetz sagt "wenn Formular ausgefüllt und Person Perso vorlegt, dann eintragen und Gebühr kassieren", dann machen die das. Ohne Chemie, ohne Nachfrage. Solange die Aktenlage stimmt, ist alles egal.

Irgendwelche Therapien- oder Beratungspflichten schützen oder nützen meiner Ansicht nach gar nichts. Auf jeden Fall finde ich es schon ziemlich anmassend, andere zwangsbeschützen zu wollen. Die Gedanken machen sich die Leute eh vorher. Pflichtberatung, Gericht o.ä. schreckt einfach nur Leute durch Kosten, Aufwand o.ä. ab. Das berücksichtigt aber nicht, ob eine Änderung oder Nicht-Änderung für sie das beste ist. Wenn die Beratung in jedem Fall einfach nur abgesessen werden muss, aber der Schein in jedem Fall ausgestellt wird, ist auch nichts gewonnen. Es ist nur ein Test ihrer Resilienz. Ach so: Im Barley-Entwurf war die Pflichtberatung kapazitätsgedeckelt. D.h. das Innenminsterium wollte nur lizensierte Stellen zulassen, um quasi ein Ventil zur Regulation zu haben. Ein Schelm, wer hier Drosselung durch künstlicher Verknappung vermutet...

Jede Pflichtvoraussetzung ist eine Form von Gatekeeping, die irgendwas verhindern will. Und ich sehe einfach nicht, was da sinnvoll verhindert werden müsste oder sollte.

Meiner Ansicht nach wird die Bedeutung der Namens/Personenstandsänderung nach aussen auch hier im Forum viel zu hoch gehängt. Es ist ein Registereintrag, der ohne weiteren Aufwand quasi folgenlos ist. Er hat für sich genommen wirklich keine signifikanten praktischen Konsequenzen. Nur Möglichkeiten und ein sehr viel besseres Selbstgefühl der Betroffenen. Da war ich bei mir selbst äusserst überrascht, wie gut sich das angefühlt hat, obwohl ich im Kern genau weiss, wie unwichtig dieser Buchstabe im Register eigentlich ist.

Also: Flächendeckende, freiwillige, einfühlsame (trans) Beratung auf jeden Fall! Aber nicht als Pflicht. Und auch keine Gerichte. Weil es einfach genauso vollkommen unnötig ist, wie es für eine Umzugsummeldung oder eine Autoanmeldung ist.
Jasmine
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Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Post 29 im Thema

Beitrag von Jasmine »

Wie die Politik hier in Ostbayern funktioniert habe ich schon begriffen. Mitarbeit ist außerdem nicht gewünscht. Beim TSG Gesetz reden wir doch nicht über ein Wunschkonzert, wir reden hier über unveräußerliche Grundrechte. Wir reden über ein Gesetz was in 42 Jahren viele Leiden geschaffen hat. Wir reden über ein Gesetz das von der Wissenschaft überholt und vor sieben Jahren vom Europarat eine Empfehlung ausgesprochen wurde. Also muss endlich was passieren und zwar so öffentlich das die Parteien die sich gegen die Wissenschaft und Menschenrechte stellen mal bloßgestellt werden. Tut mir ja leid, wenn ich das sagen muß, was hat denn die Union in 16 Jahren gemacht mit dem TSG Gesetz? Und wie oft hat die Union betreffend Menschenrechten mit dem Zeigefinger auf andere Länder gezeigt? Also worüber wird denn hier diskutiert? Ich habe keine Lust um Menschenrechte zu betteln, ich fordere sie von der Politik/Regierung ein. Ich bin auch nicht frustriert oder enttäuscht, Weiterhin lebe ich in der Realität und daher habe ich keine negative Haltung. Also nehme ich das nicht persönlich sondern betrachte es objektiv. Es kann ja alles schön geredet werden, aber bei objektiver Betrachtung der Fakten ist doch unstreitig, das in diesem Punkt alles bisher schief läuft. Vom Zeitfaktor bis hin zum politischen Willen. Bei dem Coronavirus hört die Regierung auf die Wissenschaft, bei Transsexualität wird die Wissenschaft ignoriert. Klar erwarte ich von der Politik das sie ihre Arbeit tun und mit den Folgen lebe ich. Aber deswegen rege ich mich nicht auf oder lasse mir den Tag vermiesen.
Liebe Grüße von einer Tee trinkenden Jasmine, dazu esse ich gerade ein Sück Kuchen - also völlig entspannt und unaufgeregt.
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Re: Fahrplan Selbstbestimmungsgesetz

Post 30 im Thema

Beitrag von EmmiMarie »

Jaddy hat geschrieben: Di 18. Jan 2022, 15:38 Jede Pflichtvoraussetzung ist eine Form von Gatekeeping, die irgendwas verhindern will. Und ich sehe einfach nicht, was da sinnvoll verhindert werden müsste oder sollte.
Hmmm...

schau mal, ich habe gerade kundgetan, wie es bei mir im Bauchgefühl aussieht
und du sagst wie es für dich ist. Alles schön...

es sind aber nicht alle Menschen wie du und auch nicht alle wie ich..
und es ist ja nicht so, das ich nicht schon lange deinen Standpunkt kenne.
Und der ist manchmal etwas alternativlos..lass es doch mal stehen wenn
bei einer anderen Person ein anderer Gedanke aufkeimt.

"Wahr" nehmen-ziehen lassen, nicht immer so viel rein interpretieren..
Es gibt auch Menschen, die ohne Pflichtvoraussetzungen ohne Struktur
in der Luft hängen-die werden auf deine Art hinten runterfallen.

Freiheiten, ja ohne Frage, aber nicht um jeden Preis-sorry

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