Wie erkläre ich es meinen Eltern?
Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Intersexuelle Menschen, Crossdresser, Transgender, Transidente: Diskussionen über partnerschaftliche Aspekte, Rat und Tat für PartnerInnen und Familie
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Atalanta
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Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Post 1 im Thema

Beitrag von Atalanta » Mi 5. Apr 2017, 09:56

In diesem Teil des Forums gibt es noch keinen Thread "Wie erkläre ich es meinen Eltern?" und ich finde keinen sonstigen Thread, der das Thema anspricht.


Mich interessiert, wie Ihr dieses wichtige Lebensthema Euern Eltern nahegebracht habt.

Persönlich interessiert mich vor allem, wie diejenigen, die sehr alte Eltern habe, damit umgehen.

Hintergrund
Bei mir ist es so, dass meine Eltern aus den Jahrgängen um 1930 stammen. Also (hoch) in den Achtzigern.
Aufgewachsen sind sie in kleinen, norddeutschen Orten, in denen noch viele einander kennen. Auch heute heißt es schnell: "Was sollen bloss die Nachbarn denken?" Man weiß in dieser Generation sozusagen oft noch oder interessiert sich wenigstens dafür, was es bei den Nachbarn zum Mittag gibt.

Aufgewachsen sind sie eben auch mit den familiären Werten, die damals galten. Von der Prägung durch "Werte" der Nazidiktatur will ich hier absehen, die meine Eltern mit viel Eifer versucht haben abzustreifen, weil sie sie als Teenager Ende des Krieges verabscheuten. Homosexualität "gab" es angeblich "nicht" - bis weit in die 1980er – oder man kannte nur "Husch husch" vom Hörensagen oder durch irgendwelche abschätzigen Gerüchte. Eine gewisse Macho-Kultur deckte das völlig zu.

Trans* war wohl ab den 1970ern nur durch mehr oder weniger reißerische Berichte bekannt, die Vorurteile nur bestärkten, wie wir alle wissen. Die wenigen informativen Berichte oder Sendungen – z. B. eine Talkshow 1976 mit der Ärztin Gerda Hoffmann – wurden zufällig (?) nicht gesehen und wurden anschließend durch reißerische Berichterstattung der BLÖD-Zeitung u. a. Medien in einer eventuell positiven Wirkung gestört oder zunichte gemacht. (Hier ein Bericht, der aber auch noch zeittypisch Negatives enthält.)

Im Lauf der Zeit haben sich Vorurteile sehr gemildert. Sie kennen inzwischen homosexuelle Menschen und akzeptieren die. Ein langjähriger guter Schulfreund von mir z. B., der noch ab und zu in dem Ort weilt, lebt seit dreißig Jahren offen mit seinem Partner zusammen und die beiden sind bei meinen Alten hoch angesehen!
Trans ist mir weniger offensichtlich. Meine Eltern hatten gute Bekannte, die aber seit Jahrzehnten außerhalb wohnten und zur Familie ist der Kontakt nach Tod der Freunde abgerissen: Da hatte die Tochter eine sich später als TS entpuppende Frau. Darüber hieß es früher dann mehrfach "Wie kann 'er' das 'seiner' Frau und der Familie nur antun." Peng! ich habe da mehrfach eingegriffen und gesagt, es sei keine Wahl für solche Menschen, man wüsste das heute sehr genau.

Ich wollte auch dass sie wenigstens das National Geographic Heft (Dezember 2016) lesen. Da gibt es Kritikpunkte, aber es geht.
Noch besser, die pädagogisch exzellente National Geographic Doku "Gender Revolution" - ich hoffe, dass die im Sommer dann auch mit duteschen Untertiteln herauskommt.

Aber, es ist ein Sache, das intellektuell zu verstehen, eine andere aber das emotional zu akzeptieren, weil Freunde "betroffen" sind (a la "Was sollen denn die anderen Leute denken.").
Und auch wenn das Verständnisproblem inzwischen wohl niedriger hängt bei meinen Eltern: Wie würde es ausgehen, wenn es in der eigenen, engeren Familie stattfindet?


Ich stehe also vor der Frage, ob, wann und wie ich mich outen sollte.

Ich bin bei meinen Geschwistern und deren Kindern geoutet - die allesamt sehr positiv reagierten (Tenor "Wie schade, dass Du so lange warten hast müssen ...")". Wir sind aber alle auch der Meinung, dass meine Eltern damit wohl nicht umgehen könnten, und zwar emotional - intellektuell wäre es bei entsprechender Vor- und Aufbereitung kaum ein Problem.
Wenn etwas ginge dann eher bei meiner Mutter als bei meinem Vater.
Würde ein Outing Ihnen das Alter versauen? Würde ich mir dann den Rest meines Lebens vorwerfen müssen "Hättest Du nicht besser geschwiegen?"

Ich habe anderweitig von Transpersonen gelesen, die sagen: "Ich muss mein Leben leben" und dass man dann auf die anderen irgendwann nicht mehr Rücksicht nehmen kann, nimmt oder nehmen sollte(?) und dann seinen Weg geht. Das verstehe ich auch, kritisiere es nicht -Kritik daran stünde mir auch nicht zu, denn ich kenne die Leute und ihre Situation ja nicht.
Ich aber habe meinen Eltern viel zu verdanken, bin auch dankbar. Sie haben mich in schwierigen Lebenssituationen begleitet und gefördert, auch wenn und wo Ihnen mein Weg notwendigerweise manchmal unklar blieb.

Ich finde die Balance "Was bringt mir das?" gegen "Was bringt Ihnen das?" sehr schwierig.
Pest oder Cholera?

Wie seid Ihr in ähnlicher Situation vorgegangen oder verblieben?

Michelle_Engelhardt
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Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Post 2 im Thema

Beitrag von Michelle_Engelhardt » Mi 5. Apr 2017, 10:18

Huhu Atalanta,

das ist eine schwierige und sehr individuelle Frage. Abhängig ist sicherlich auch, wie häufig Du persönlichen Kontakt zu Deinen Eltern hast (ich nehme mal an, das sie nicht in Schweden leben). Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, das die ältere Generation erheblich toleranter und aufgeschlossener ist, als man glauben mag. Für mich auf jeden Fall um einiges mehr, als ein Großteil der heutige Jugend. Im Allgemeinen wollen Eltern, das ihr Kind glücklich ist, egal ob sie 1930, 1978 oder 1763 geboren wurden. Meine leider schon lange verstorbene Oma war von 1920. Wir hatten ein außergewöhnlich inniges Verhältnis. Leider hat sie Michelle nicht mehr kennengelernt, aber ich weiß ganz genau, das sie mich genau so geliebt hätte, wie ihren vermeintlichen Enkel. Meine Mutter war bei meinem Outing (damals 67 Jahre alt) wenig überrascht und hatte schon immer das Gefühl, das ich irgendwie "anders" bin, wie sie mir sagte. Der Rest meiner Familie hat sich ebenfalls wenig bis gar nicht gewundert.

Letztendlich kann ich Dir nur den Rat geben, in Dich hineinzuhören und Deiner inneren Stimme zu vertrauen. Ich wünsche Dir, das Du die richtige Entscheidung triffst (moin)

Liebe Grüße
Michelle
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Anne-Mette
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Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Post 3 im Thema

Beitrag von Anne-Mette » Mi 5. Apr 2017, 10:39

Moin,

ich kann nur sagen, dass ich da großes Glück gehabt habe - und zwar mit meinen Eltern und mit meiner Schwiegermutter.
Sie haben mich (weiterhin) akzeptiert, wobei mein Vater nicht so viel davon mitbekommen hat, weil er früher gestorben ist als die beiden Mütter.

Allerdings fragst Du "wie erkläre ich es meinen Eltern?"
Vor vielen Jahren war es für mich eher eine "Bekleidungsfrage". Wie es sich entwicklen würde, habe ich selbst nicht einschätzen können.
So habe ich es ihnen auch als "Bekleidungsfrage" erklärt.
Diese "andere Bekleidung" haben alle akzeptiert.
Später wurde es selbstverständlich; d.h. wir haben nicht so viel darüber geredet.
Ich bin nicht ausgewichen, aber ich habe nicht jedes Zusammentreffen zu einem "Intersex- und Transsexualitätsthema" gemacht.
In den letzten Jahren meiner Eltern und meiner Schwiegermutter gab es andere Themen, die wichtiger waren.
Wir haben manchmal Fragen erörtert und ich habe unseren Müttern auch Informationsmaterial gegeben, das mir geeignet erschien.

"Geschlecht" war ihnen nicht so wichtig, glaube ich. Wichtiger waren die Besuche, Erzählen von unseren Kindern, Fahrten zum Arzt oder zum Einkauf.
Obwohl wir hier "auf'm Dorf" wohnen, hat meine Mutter mich auch nach außen vertreten und nicht versteckt.
Ein Beispiel.
Sie kaufte in einer Gärtnerei ein und erklärte damals: "mein Sohn kauf hier auch ein!"
Der Gärtner: "ich kenne nicht alle, die hier einkaufen!"
Sie darauf: "den kennen Sie bestimmt, der hat immer einen Rock an!"
Ich denke, ablehnen oder verstecken würde anders aussehen (smili)

Was mich im Innersten bewegt hat, habe ich nicht angesprochen. So mussten sie sich nie Sorgen machen, "was mal daraus werden kann".

Gruß
Anne-Mette

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Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Post 4 im Thema

Beitrag von Tabea » Mi 5. Apr 2017, 11:39

Ich habe mir sehr viel Zeit gelassen und habe vorsichtig vorgefühlt wie die Einstellung meiner Eltern ist.
Mein Freundeskreis war schon immer bunt, daher konnten sich meine Eltern an alle möglichen Arten
Mensch gewöhnen. Meine Mutter meinte, das habe bei ihr früh Vorurteile abgebaut und auch mein
Vater meinte, dass mein Freundeskreis bereichernd war.
Von dem harten Metaller mit dickem Bart und böse drein schauend , bis zum lesbischen Pärchen oder eben
lieben Freundinnen mit TS-Hintergrund kamen meine Eltern eben mit allem in Kontakt.
Meine Eltern sind beide über 60, eher an die 70 aber sind sehr offen. Daher, als ich mich irgendwann mit 20-25
bei ihnen outete, meinten beide das sie da voll zu mir stehen und mich lieb haben. Sie gaben mir die
Zeit, die ich damals noch brauchte, um mich voll zu finden daher ist der heutige weg mit HRT usw. einfacher.
Ich hab es eben nicht mit der Brechstange gemacht sondern habe sie langsam drauf vorbereitet.
Meine Eltern bestätigten mir das das für sie auch gut war – naja und eben das die Gespräche dazu fundiert und reflektiert waren.

Meine Erfahrung in einem Satz: Lieber langsam vorbereiten und schauen wie die Reaktion ist als gleich alles auf einmal vor den Latz zu hauen.

Aber letztlich muss doch jeder sehen das man selbst glücklich wird. Hätten meine Eltern anders reagiert hätte ich heute keinen Kontakt mehr oder wenn wenig.

Ich denke man kann oft nicht alles haben, 2-3 Freunde sind bei mir verschwunden – dafür kamen Neue.

Sich zu outen ist ein enormer Schritt finde ich und man sollte sich schon sicher sein. Weil mal eben das Outing zurücknehmen nicht so leicht ist.

Lieben Gruß,
Tabea

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Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Post 5 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2018-08-04 » Mi 5. Apr 2017, 12:38

Hallo Atalanta,

meine Eltern sind Mitte 70, recht konservativ und wohnen bis heute in dem Dorf, in dem ich einen Großteil meiner Kindheit und Jugend verbracht habe. Als ich ihnen vor fünf Jahren erklärt habe, was mir los ist, waren sie erst mal geschockt. Aber sie sind natürlich auch die Menschen, die mich in meinen Leben am längsten kennen. Sie haben miterlebt, welche Probleme ich als Kind hatte. Mit fünf habe ich zum ersten Mal Tränen beim Friseur vergossen, weil ich nicht wollte, dass man mir die schönen langen Haare abschneidet. Im Schwimmunterricht in der Grundschule konnte ich mich nicht ausziehen, weil ich mich für meinen Penis schämte. Mit fünfzehn entdeckte meine Mutter zufällig das Versteck für Mädchenkleidung in meinem Zimmer. Wir haben über alle diese Dinge nie gesprochen. Viele Jahre lang.

Als ich meinen Eltern mitteilte, dass ich ts bin, setzte sich für sie auch ein Puzzle zusammen. Sie bekamen endlich Antworten auf Fragen und Erklärungen für das scheinbar unerklärbare Verhalten ihres Kindes. Und nach dem sie den ersten Schock verdaut hatten, war ihre Reaktion: "Wie furchtbar muss du all die Jahre gelitten haben?!" So reagieren Eltern, die ihr Kind lieben.

Umgekehrt war mir sehr wichtig, dass meine Eltern unter meinen späten Outing nicht leiden. Eltern fühlen sich verantwortlich für ihr Kind und machen sich Vorwürfe, wenn es unglücklich ist. Sie fragen sich: "Was haben wir falsch gemacht?" Wir haben viele Gespräche geführt, um klar zu stellen: "Mama, Papa, 'es' ist nicht eure Schuld!"

Außerdem nehme ich bis heute Rücksicht auf die Lebensumstände meiner Eltern, wenn ich sie besuche. Sie haben kein Problem damit, mit mir ins Café zu gehen, wenn ich Frauenkleidung trage. Aber sie haben mich gebeten, "dezent" zu sein, es also nicht zu übertreiben. Daher bleiben Kleider und High Heels bei Elternbesuchen im Schrank. Bluse, Damenjeans und Frauensneaker tun es ja auch. Damit fühle ich mich wohl, und meine Eltern auch. :wink:

Liebe Grüße

Daenerys

-Mia-
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Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Post 6 im Thema

Beitrag von -Mia- » Mi 5. Apr 2017, 12:48

Hallo Atalanta,
meine Eltern sind aus der Zeit 1947 und 48. Ich habe es lange vor mir her geschoben mich überhaupt jemanden zu outen. Es ging so lange bis ich Psychisch quasi am ende war. Das Bedürfnis mit jemanden darüber zu reden wurde immer größer und ich spürte das ich mit der Heimlichtuerrei so nicht weiter machen konnte. Dann kam der Tag an dem ich beschloss mich einem Elternteil zu Outen , es war meine Mutter. Für sie war das ganze Thema völlig neu und ich musste die erste Aufklärungsarbeit selber durchführen. Nachdem ich ihr die ersten Informationen gab habe ich ihr gesagt das sie es jetzt erstmal sacken lassen sollte und wenn sie Fragen hat könne sie mich jeder zeit ansprechen. Da sie aber auch mit dem PC umgehen kann und sich auch im Internett zurecht findet habe ich ihr auch das nahe gelegt sich darüber mal zu informieren. Sie hat sich am Anfang sehr schwer damit getan , sie wollte sich nicht mal wirklich Bilde von mir anschauen. Es hat eine zeit gedauert bis sie sich damit anfreunden konnte , aber heute ist es so das sie froh ist eine Tochter zu haben und sie merkt ja auch wie gut es mir damit geht.
Vor meinem Vater hatte ich den meisten bammel da er sehr Katholisch ist und alles immer seine Ordnung haben muss. Aber als ich mich dann ihm geoutet habe hat er nur gesagt " Ja da kann man auch nix dran ändern" ich bekam große Augen, da ich dachte ich bekomme jetzt eine Moralpredig , aber die blieb aus zu meiner Verwunderung. Mein Vater hat aber auch wohl nur so locker reagiert da er bei sich im Freundeskreis auch einen TS fall hatte vor 5 Jahren und er sich da mit dem Thema schon auseinander gesetzt hatte.

Letzt endlich hatte ich kurz nach meinem Outing das Gefühl das mein Vater in der Hinsicht viel Toleranter ist und ich bei ihm auch ohne Probleme als Frau kommen darf. Aber heute ist es ganz anders. Meine Mutter nennt mich nur noch Mia und ich bin für sie auch nur noch ihre Tochter. Mein Vater der am Anfang sich als so Tolerant und abgeklärt gab tut sich heute noch schwer und möchte nicht das ich in Weiblicher Kleidung bei ihm erscheine. Er weiß ganz genau das es den Tag geben wird wo er sich nicht mehr drum drücken kann , aber ich habe das Gefühl bei ihm, er möchte noch solange es geht den Sohn sehen.

Was ich dir mit meiner kleinen Geschichte sagen will ist , das man seine Eltern zwar ein ganzes leben lang kennt , aber die Reaktionen trotzdem nicht abschätzen kann und wie sich das ganze entwickelt. Es ist leider heut zu tage immer noch ein Thema was nur so am Rande auftaucht und nicht wirklich wahr genommen wird von unbeteiligten Personen. Entscheide dich nach deinem eigenen Bauchgefühl ob du es deinen Eltern sagen möchtest oder nicht.

LG Mia ))):s
Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum.

Lex
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Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Post 7 im Thema

Beitrag von Lex » Mi 5. Apr 2017, 13:52

Hallo,

na ja. Aus meiner Bio geht ja hervor, dass ich keine wirkliche Familie habe. Was vieles vereinfacht. Aber doch nicht alles. Gestern habe ich (in anwesenheit eines Pädagogen) mit meinem Bruder über dessen letzte ... "Ausfälle" gesprochen. (Er warf mir indirekt die Schuld am Tod unserer Mutter vor. Er stellte meine Berechtigung in Frage, in einem Stipendium zu sein. Und er warf mir an den Kopf, ich würde niemals eine richtige Frau sein.) In letzterem hat er recht. Ich werde mein Y-Chromosomen nicht loswerden können. Ich werde mit einer sehr... gepatchworkten Vergangenheit leben müssen. Aber in dem gestrigen Gespräch kam noch mehr dazu. Er nannte die gesamte Thematik so wörtlich "krank". Er drohte mir, nie wieder Kontakt aufzunehmen, wenn ich diesen Schritt gehen würde, als könnte mich das davon abhalten. Und er sagte, ich käme nicht wie eine Frau rüber, hätte es nie getan. Ich frage mich... mach ich etwas falsch? Bin ich nicht trans genug? Muss ich mich da irgendwie speziell verhalten? Ich bin etwas ratlos. So eine Aussage kommt ja nicht von ungefähr. Und dann meinte der Pädagoge auch, das mein Bruder zwar harte Worte benutzt, aber er ein super Übungsfeld für meine Zukunft da draußen ist. Aber ist es das wirklich wert? Muss ich jetzt damit leben, dass mir irgendwelche Neonazis, oder marrokanischen Assi-Jugendlichen jeder Zeit das Licht auspusten? Ist das meine Zukunft? Ein Leben in Spott und Häme? Weil ich anders bin, oder besser, glaube anders zu sein? Ich weiß nicht, ob das hier der richtige Treat ist. Aber ich weiß nicht, wo ich sonst hingehen soll, da mir keiner Antworten geben kann. Sondern nur noch mehr Hiobsbotschaften und Damokles-Schwerter. Wenn ich in den Spiegel blicke, sehe ich nur eine Frau. Aber offenbar hab ich mich daran gewöhnt, denn die anderen sehen einen Mann. Was mache ich falsch? Muss ich mich "tuntig" aufführen, damit mir ein Gutachter glauben schenkt, denn wie sollte er, wenn schon mein Bruder meint, meine transsexualität anzweifeln zu müssen? Muss man Klischees auf Teufel komm raus erfüllen? Ist das der Wille der Menschen, meine neue "gesellschaftliche Rolle", der Narr, den alle mit faulem Gemüse bewerfen können? Ich weiß nichts mehr. Je mehr ich drüber nachdenk, umso mehr komm ich mir wie ein Fehler vor. Am liebsten würde ich sterben, dann wären doch sicher alle glücklich...

Lex

lilijana
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Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Post 8 im Thema

Beitrag von lilijana » Mi 5. Apr 2017, 20:21

Hallo Atalanta,

ich bin gegenüber meiner Mutter geoutet.

Hintergrund:
Meine Mutter wird dieses Jahr 82 Jahre, mein Vater der vor 12 Jahren gestorben ist, wäre jetzt 96 Jahre.
Meine Eltern sind in einem kleinen Wolga-Dorf in Russland aufgewachsen. Die Kindheit und Jugend war geprägt von Hunger und Arbeit, meine Mutter besuchte die Schule nur bis zur 3. Klasse, mein Vater besuchte überhaupt keine Schule. Ihr Leben war immer nur von Arbeit geprägt, was die anderen denken und das ihre Kinder was "werden". Ich selbst bin der jüngste von 6 Geschwistern. Ich wohne mit meiner Mutter zusammen in einem 2-Familienhaus, sie in der einen ich in der anderen Wohnung, wir sehen uns jeden Tag, die Türen zu den Wohnungen stehen immer offen. Meine Mutter konnte mit dem ganzen Thema überhaupt nichts anfangen.
Wäre mein Vater nicht 6 Jahre in einem sibirischen Straflager gewesen, würde er noch heute leben.

Die Frage, ob du dich überhaupt outen sollst?

Beantworte ich dir aus meiner Sichtweise so. Ja, verdammt nochmal! Du machst dir da zu viele Gedanken, ob deine Eltern damit umgehen können oder nicht, oder ob es ihnen das Alter versauen würde? Ich kenne deine Eltern nicht, ich keine deine Situation nicht, ich kann dir nur diesen einen Ratschlag geben, mach es. Eltern, die ihre Kinder lieben, werden sie niemals verstoßen, egal wie sie sind oder was sie machen, sie lieben ihre Kinder so wie sie sind.

Zu der Zeit, als mein verstarb, trug ich auch schon das Gefühl in mir, eine Frau zu sein, ich konnte es aber damals nicht einordnen. Heute kann ich es einordnen und ich möchte das wenigstens meine Mutter, wenn sie stirbt, genau weiß wer ich bin. Ich möchte nicht, das sie mit einem falschen Bild von mir stirbt.
Es gibt heute Momente, in den ich es bereue, das mein Vater gestorben ist, ohne mich ganz kennenzulernen, so wie ich wirklich bin und es sind deine Eltern, deine Wurzeln, haben sie kein Recht darauf ihre Tochter kennenzulernen?

Wie ich vorgegangen bin?

Ich habe immer öfter mal Zuhause ein weibliches Kleidungsstück liegen gelassen. Meine Mutter hat das halt gesehen und immer gefragt, wemm das gehört, ich habe dann gesagt das es mir gehört. Wenn es Gesprächsbedarf gab, sprach ich mit meiner Mutter.
Ich gewöhnte sie langsam daran, redete mit ihr, klärte sie auf. Wäre ich gleich mit der Tür ins Haus gefallen, wäre sie total überfordert gewesen.

In meinem Tagebuch, habe ich so einiges dazu geschrieben, wenn du möchtest kannst ja mal stöbern.

Deine letzte Frage verstehe ich nicht so ganz, warum Pest oder Cholera?

Grüße
Lilijana
Manche Menschen brauchen lange, bis sie geboren wurden.

Atalanta
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Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Post 9 im Thema

Beitrag von Atalanta » Mi 5. Apr 2017, 20:28

Liebe Leute,

das sind ja liebe, ausführliche, bewegende und nachdenklich machende Beiträge.

Ganz herzlichen Dank schon mal, nicht zuletzt für die Mühe, die Ihr Euch damit gegeben habt, und die Zeit!
Ich komme auf Einzelheiten zurück, wohl morgen.

LG

Atalanta

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Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Post 10 im Thema

Beitrag von ab08 » Mi 5. Apr 2017, 20:46

Liebe Atalanta,

mein Vater starb, als ich 14 war. - Mit meiner Mutter (Jahrgang 1918) sprach ich Anfang 2007. (Damals noch männlich gekleidet, erzählte ich es ihr einfach.)
Es war in ihren Augen nix Besonderes. Sie war ein Leben lang ein weltoffener, sehr aufgeschlossener Mensch. Als ich sie informierte, meinte sie nur "Du bist und bleibst mein Kind." Dass ich im Grunde nie ihr Sohn, sondern ihre Tochter war, verstand sie schnell. - Bei ihrem 90.Geburtstag 2008 war ich halt die älteste Tochter. - Unsere Beziehung war im letzten Jahrzehnt sehr eng. Wir führten häufig ausführliche, intensive Gespräche. *) - Im März 2017, zwei Tage nach meiner Hüftoperation, wenige Tage nach einem Sturz, verstarb meine Mutter. Dass ich mit ihr, nach dem CO, so lange reden konnte, dafür bin ich dankbar und ich bin sehr glücklich.

Mein Fazit daher:
Patentrezepte gibt es keine --> Es hängt alles sehr von den beteiligten Personen ab. :)

Liebe Grüße
Andrea

*) Meine Mutter war bis zu ihrem Tod geistig hellwach, zeigte also keinerlei Anzeichen von Demenz!

P.S. "Was andere denken", das war meiner Mutter schon immer herzlich egal!
Typischer Spruch von ihr: "Wenn alle in eine Richtung rennen, dann schau dich auf der anderen Seite um!"
Ein anderer Spruch "Ich hasse die Masse!" -> Durch diese gesunde Einstellung überstand sie die NS-Zeit einigermaßen unbeschadet...
FÜR: Respekt, Menschenrechte und eine gelebte, demokratische Zivilgesellschaft, die Minderheiten schützt
ERGO: Umfassende Bildung für alle, effektive Regeln in Alltag und Netz, eine gut ausgestattete Polizei/Justiz

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Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Post 11 im Thema

Beitrag von Kelly » Fr 7. Apr 2017, 10:21

Hallo Atalanta,
Danke für Deinen Post hier,ich finde es sehr interessant wie Andere mit ihren Coming Out bei ihren Eltern umgehen.Meine Mutter ist leider viel zu früh verstorben aber ich glaube sie wusste von meinem Versteckspiel da ich schon als kleiner Junge überall in meinem Zimmer Verstecke mit meinen Kleidungsstücken hatte aber früher sprach man über so etwas nicht.
Zu meinem Vater der über 80 ist hatte ich lange keinen Kontakt was mich aber lang belastet hat.Da ich mein Coming Out aber bereits 2015 begann wollte ich aber unter keinen Umständen das er es von irgendwelchen Leuten erfährt.Denn ein "Dein Sohn rennt in Frauenkleidern rum" wäre alles andere als hilfreich um die Situation zu erklären,leider hatte ich so eine Situation bereits im Familienkreis und ich war danach psychisch am Boden.
Also beschloss ich letztes Jahr wieder Kontakt zu meinem Vater aufzunehmen und ihm meinen neuen Lebensweg zu erklären,natürlich mit dem Gedanken im Kopf er will nie wieder etwas mit mir zu tun haben.Als ich zu Ihm kamm haben wir nur angesehen und beide geweint,als ich dann endlich nach kurzen zögern sagte er soll sich bitte setzten ich muss ihm etwas erklären sprudelte alles nur so aus mir heraus.Zuerst war er einige Minuten sprachlos und er fragte dann was er denn falsch gemacht hat, aber ich konnte ihn beruhigen und erklären das er nichts dafür kann.
Fazit aus dem Ganzen,ich hatte noch nie ein so gutes und inniges Verhältnis zu meinem Vater wie jetzt.Wir können über so viele Dinge reden die früher nicht möglich waren da ich immer sehr verschlossen war und nie die erwartete Rolle erfüllen konnte.Ich denke es hängt von einem selbst ab wie man mit der Situation umgeht und mit anderen darüber spricht.Auf jeden Fall sollte man auf beteiligte Personen viel Rücksicht nehmen und sie nicht zu überfordern.Ich habe es auch vermieden Anfangs zu Feminim bei meinem Vater zu erscheinen da er mich auch darum gebeten hat nicht gleich im Rock oder Kleid zu ihm zu kommen da er noch nicht richtig damit umgehen kann aber das ist mir egal da Kleidung für mich nicht das Wichtigste ist und ich überwiegend sowieso lieber Jeans trage.
LG
Kelly

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Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Post 12 im Thema

Beitrag von Michelle_Engelhardt » Fr 7. Apr 2017, 10:34

@Kelly: Einfach nur schöööön (he)

Liebe Grüße
Michelle
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Claudia H.
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Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Post 13 im Thema

Beitrag von Claudia H. » Fr 7. Apr 2017, 19:45

Hallo zusammen
ich habe meinen Eltern eigentlich sehr wenig erklärt.Als sie es von mir erfahren haben waren sie 75 und 78 Jahre alt. Ich bin zum sonntäglichen Besuch einfach als Frau zu ihnen gefahren,klingt dreist aber es war so.Ich konnte und wollte es nicht mehr verheimlichen.Das blöde war nur das meine 3 Geschwister mit Partner auch da waren und so haben es dann Alle erfahren.Mein Schwager kannte das Thema von seinem Bruder (transsexuell) her und konnte dann etwas aufklären.Begeisterung sieht anders aus aber sie haben es akzeptiert.Das ganze ist jetzt 8 Jahre her und alle kriegen mich seitdem nur noch als Frau zu sehen.
L.G.Claudia

Kerstin
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Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Post 14 im Thema

Beitrag von Kerstin » Fr 7. Apr 2017, 22:34

Atalanta hat geschrieben:
Mi 5. Apr 2017, 09:56

Ich stehe also vor der Frage, ob, wann und wie ich mich outen sollte.
Ich möchte dir mit meiner Lieblingsfrage antworten: "Wem nützt es?"
davon abgewandelt:"Was versprichst du dir davon dies zu tun?"
oder: "Was ist dein Ziel?"

Wenn du dir diese Fragen eindeutig und sicher beantworten kannst weist du auch die Antwort auf deine Frage.


LG Kerstin

dooris
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Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Post 15 im Thema

Beitrag von dooris » Sa 8. Apr 2017, 06:55

Liebe Kerstin,
es gibt einen Weg, den wir gehen. Und wenn man das Bedürfnis hat, sich seinen Eltern zu outen, begeht man diesen Weg schon sehr lange.
Wem nützt es, schreibst du. Einem selber, weil man über sein Bedürfnis einfach reden möchte, ich habe es auch nicht mehr ausgehalten, mich zu verstecken, und zu schweigen.
Ich habe daraus sehr großen Nutzen gezogen, darüber zu reden. Der Kopf wird frei, und es ist jemand da, mit dem man so wie man sich fühlt, rausgehen kann. Kaffetrinken, bummeln, shoppen, und ganz wichtig reden.
Liebe Grüße Doris

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