Hallo Tinka,
ich habe ein paar Punkte aus deinem letzten Beitrag, zu denen ich dir meine Gedanken mitteilen möchte.
Zwei Fragen, die ich noch vorab habe:
1. Weißt du bereits seit 2 Jahren von dem Thema deines Partners oder wie lange? Man kann deinen ersten Post auch so verstehen, dass er sich erst so kurz damit beschäftigt.
2. Vielleicht kannst du noch mal etwas konkreter erklären, was du dir davon versprichst, dass du hier im Forum schreibst?
Tinka hat geschrieben: Mi 10. Jun 2026, 13:11
ich finde es ebenfalls sehr traurig und bedenklich,dass er sich mir nicht früher anvertraut hat. Natürlich stelle ich in Frage was das mit mir zu tun hat.
Es ist die früher sehr viel stärkere, auch heute noch bestehende und wieder erstarkende Ablehnung durch die Gesellschaft, von der man sich als betroffene Person erst einmal befreien muss. Und ob du willst oder nicht, bist auch du von dieser ablehnenden Gesellschaft geprängt, ein Teil davon wie auch von dieser abhängig. Und damit bist du für deinen Partner auch schwer einzuschätzen, was ihn verständlicherweise vorsichtig gemacht hat und ängstlich, weil er dich nicht verlieren will. Du bist sein Anker in der ablehnenden Gesellschaft.
Tinka hat geschrieben: Mi 10. Jun 2026, 13:11
eine neue Persönlichkeit zu entwickeln und in eine Frauenrolle zu schlüpfen. Ich finde es verändert sich dadurch viel an dem Menschen, den ich gedacht habe zu kennen.
Ich würde nicht sagen, dass sich eine neue Persönlichkeit entwickelt, sondern dass wir uns von den männlichen Klischees und Stereotypen befreien, dir wir über Jahrzehnte benutzt haben, um uns zu verstecken und bloß nichts zu verraten, dass wir irgendwie anders sind, als die Gesellschaft von uns erwartet. Das ist ein ganz normaler, urzeitlicher Schutzmechanismus, dass wir nicht von der Gemeinschaft ausgestoßen werden wollen, weil das früher den sicheren Tod bedeutet hat.
Tinka hat geschrieben: Mi 10. Jun 2026, 13:11
Ich arbeite selbst in beratender Tätigkeit mit Menschen und ermutige stets dazu offen zu sein und auf die eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu hören. Ich hatte bisher gar kein Problem mit queeren Menschen und ermutige jeden sich frei zu fühlen und sich zu entfalten aber jetzt wo es mich selbst betrifft merke ich, dass ich an meine Grenze komme.
Damit solltest du eigentlich die allerbesten Voraussetzungen haben, und deine Berührungsängste gut abgebaut sein.
Tinka hat geschrieben: Mi 10. Jun 2026, 13:11
ich verzweifle selbst darüber, dass ich anscheinend bei weitem nicht so tolerant und openminded bin wie ich es gerne wäre und bisher angenommen habe. Ich schäme mich unsagbar für meine Gedanken, für meine Borniertheit und traue mich kaum zu sagen, dass ich ein Problem mit dem Crossdressing bei meinem Mann habe.
Ja, das kann ich nachvollziehen. Wie ich immer wieder sage (auch zu mir selbst), zeigt sich wahre Toleranz und die daraus folgende Akzeptanz erst dann, wenn wir selbst davon betroffen sind.
Tinka hat geschrieben: Mi 10. Jun 2026, 13:11
Mein Mann hat sich jahrzehntelang selbst nicht an das Thema rangetraut und scheut die Auseinandersetzung aus nachvollziehbarem Scham. Ich bin jetzt aber aufgefordert mich ohne viel Vorlaufzeit damit auseinanderzusetzen.
Das liegt auf der Hand. Er hat die ganze Zeit versucht, dagegen anzukämpfen und gehofft, dass es schon irgendwann weggehen wird. Das weiß ich aus eigener Erfahrung, und auch viele andere berichten das immer wieder.
Und bei dir ist es wohl so, dass du immer unterbewusst darauf vertraut hast, dass es dich schon nicht betreffen wird. Ich erkläre das mal am Beispiel meiner Schwester. Als ihre Jungs noch ganz klein waren, erzählte sie öfter, dass sie sehr tolerant wäre und es ihr egal wäre, wenn einer von ihnen schwul wäre. Als dann der eine schon weit in der Pubertät war, klagte sie immer wieder, dass er noch immer keine Freundin angebracht hätte und doch hoffentlich nicht schwul werden würde.
Tinka hat geschrieben: Mi 10. Jun 2026, 13:11
Das Verhalten meines Mannes und etliche Berichte lassen darauf schließen, dass CD einen immer größeren Anteil im Leben einnimmt, wenn man es erstmal im Leben akzeptiert hat und es zulässt. Oft will es dann auch in die Öffentlichkeit getragen werden. Mein Mann hat daran für später auch Interesse geäußert. Ich kann mir das aber nicht vorstellen.
Ist das nicht verständlich? Da hat man sich selbst jahrzehntelang unterdrückt, und nachdem man es endlich aussprechen konnte, soll alles wieder wie bisher versteckt werden. So nach dem Motto: "Wir haben ja nun drüber geredet. Da muss es jetzt auch mal gut sein!" Durch deine Tätigkeit weißt du doch selber, dass das nicht so ist und auch nicht geht.
Er wird jetzt .. so wie wir anderen auch .. erforschen wollen, was er braucht, damit es ihm gut geht. Das kann alles sein, vom gelegentlichen privaten Dressen über die unauffällige/unsichtbare Integration einzelner Stücke in seine Alltagskleidung, Ausflüge als Frau oder Treffen mit anderen und am anderen Ende des Spektrums eine teilweise oder vollständige Transition.
Tinka hat geschrieben: Mi 10. Jun 2026, 13:11
Ich möchte niemanden abwerten aber für mich ist es unstimmig und eher lächerlich meinen Mann in Frauenkleidung zu sehen. Es gehört für mich nicht zusammen.
Ja, du möchtest es nicht. Dennoch tust du es, weil du auf Basis deiner erlernten Werte und Maßstäbe urteilst. Ich kann dir verraten, dass wir als Betroffene am Anfang genau solche Probleme haben, die Frau in uns zu sehen, die wir in uns spüren und nach außen zeigen möchten. Das liegt vor allem an unserer Sozialisation und unseren zumeist ungünstigen körperlichen Voraussetzungen. Dazu kommt, dass wir keine Freundinnen und Mütter hatten, die euch über Jahre geholfen haben, euren Stil zu finden.
Tinka hat geschrieben: Mi 10. Jun 2026, 13:11
Es macht mich unendlich traurig,dass ich ihn nicht besser unterstützen kann,für ihn da bin und ihn in seine Belangen stärken kann.
Ich lese generell sehr viel Trauer in deinen Worten. Meine liebe Frieda ist ausgebildete Trauerbegleiterin und könnte sicherlich auf Anhieb sagen, in welcher Phase der Trauer du dich gerade befindest.
Tinka hat geschrieben: Mi 10. Jun 2026, 13:11
Erschwerend ist,dass ich ja mit kaum jemanden darüber sprechen kann/ darf da er dies nicht möchte.
Das verstehe ich. Selbstverständlich finde ich es falsch, sollte er dir ein generelles Redeverbot erteilt haben. Andererseits muss dir klar sein, dass es zu einem ungewollten Zwangsouting kommt, wenn du mit Menschen aus eurem Umfeld darüber sprichst. Daher ist es gut, neben Menschen mit Schweigepflicht (Ärzte und Psychologen) Kontakte zu Betroffen und deren Angehörigen zu suchen. Ich erinnere mich in der jüngeren Vergangenheit an die Partnerin einer trans* Frau, die auch sehr sehr unsicher war, als ich sie zum ersten Mal getroffen habe. Sie hatte aber den Mut aufgebracht, mit ihrem Partner zu unserer Gruppe in Leipzig zu kommen. Das und die Gespräche in der Folgezeit haben ihr sehr geholfen.
Ich freue mich auf deine Antwort

Wenn dir jemand auf den Fuß tritt, schreist du "Aua" und erwartest eine Entschuldigung.
Mir treten andere dauernd auf die Füße und erwarten, dass ich mich dafür entschuldige, dass es mir weh tut.