TSG - Nein danke?
TSG - Nein danke? - # 5

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LaraC
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Re: TSG - Nein danke?

Post 61 im Thema

Beitrag von LaraC » Mi 21. Okt 2015, 10:56

Hi Nicole,

ich habe ein wenig den Eindruck, dass hier im Forum eine sehr einseitige, unfundierte, verzerrte und negative Sicht auf die Psychologie als Fachbereich der Normalfall ist. Ich kann das auch nachvollziehen, da die Personen mit dieser Sichtweise oft nur im klinischen Kontext bzw. im Kontext TS Kontakt mit “der Psychologie” hatten. Aber das verschafft eben einen stark verzerrten und verkürzten “Einblick”, der die daraus resultierende Verurteilung des gesamten Fachgebiets nicht rechtfertig. Und als Fachvertreter ärgert mich das eben. Wegen einiger Bugs in Windows ist die Informatik als Wissenschaft ja auch nicht nutzlos/des Teufels/hat nicht die Kompetenz, sich zu Software zu äußern. ;)

Insofern bin ich über deine Beiträge, Nicole, aber immer begeistert. Du versuchst dich an einer Differenzierung und einer sachlichen und konstruktiven Herangehensweise. Und das, obwohl ich selbst viel zu oft richtig mies kommuniziere! (Sorry, Anke! :oops: ) Danke dafür!

Bevor ich auf die Details eingehe: wir sind uns in ganz vielem einig!
nicole.f hat geschrieben: Doch wogegen ich mich klar wehre ist, dass, gerade zum aktuellen Zeitpunkt, irgendeiner dieser Wissenschaften eine Deutungshoheit zugesprochen wird, die Einfluss auf das Leben von Trans*-Menschen, insbesondere die medizinische Behandlung, zu nehmen versucht.
Da bin ich voll und ganz deiner Meinung.
nicole.f hat geschrieben: In der Arztpraxis findet keine Forschung mit Phänomenologie [3], sondern Behandlung statt - eine psychologische Behandlung von Trans* selbst gibt es nicht, allenfalls der Begleiterscheinungen. Sind Begleiterscheinungen behandlungsbedürftig, so kann ein Teil davon vielleicht durch die klinische Psychologie [4] behandelt werden.
Auch da stimme ich dir vollkommen zu. Ich würde sogar noch einen draufsetzen und sagen: Trans* als Phänomen ist überhaupt nie behandlungsbedürftig. Denn das würde ja eine Unerwünschtheit von Trans* bedeuten, die ich überhaupt nicht sehe (und ich denke auch sonst niemand hier). Außerden kann (und IMO soll!) Trans* ja nicht “wegtherapiert” werden. Begleitphänomene wie Gender Dysphoria können behandelt werden. Welche Behandlung hier angemessen ist, muss im Einzelfall geschaut werden. Und das kann oft eine medizinische Behandlung mit Hormonen, ggf. OP, etc. sein. Eine zusätzliche psychologische Begleitung muss auch nicht immer notwendig sein.

Jetzt zum kontroversen Punkt: Gender Identity und Gender Expression. Identität und das Selbst, sowie spezifisches Verhalten, das in sozialen Situationen auf die Darstellung von Gruppenzugehörigkeit zielt - psychologischer wird es nun wirklich nicht. Der Vergleich mit dem Gehen hinkt hier wirklich gewaltig (pun intended ;) ). Trans* ist also ganz klar ein psychologisches Phänomen (wobei es, wie gesagt, ganz klar multifaktorielle Ursachen hat).

Ich kann verstehen, dass sich viele Betroffene (klingt irgendwie blöd - so nach Krankheit) eine einfache Erklärung wünschen. Wenn Trans* “angeboren” ist, muss ich mir keine Gedanken mehr machen und bin auch nicht “schuld” daran. Für eine Einzelperson kann so eine vereinfachende (und leider inhaltlich falsche) Erklärung also durchaus entlastend wirken. Auch ist klar, dass man, wenn man immer in die Spinner-Ecke gestellt wird, da möglichst weit weg will. Verstehe ich wirklich!

Aber für die gesamtgesellschaftliche Diskussion ist diese Verkürzung reines Gift. Sie führt nur das fort, was die Gesellschaft im Moment sowieso schon (fälschlicherweise) annimmt. Nämlich, dass es bei jeder Person ein eindeutiges, objektiv feststellbares, “richtiges” Geschlecht gäbe und sich dieses an Penis bzw. Vagina feststellen ließe. Der einzige Unterschied ist, dass Penis oder Vagina plötzlich nicht mehr als Indikatoren gelten. Dafür kann man das “richtige” Geschlecht einer Person am Hormonhaushalt/der Gehirnstruktur/bitte irgendwelchen beliebigen biologistischen Unsinn einsetzen eindeutig festmachen. Und damit fällt plötzlich die unglaublich relevante Umwelt-Seite völlig weg. Und statt einer wichtigen Diskussion über Normen, Rollen, Rollenerwartungen, Heteronormativität, Identität, Gruppen und -zugehörigkeiten, Geschlechterdualität, Sex vs. Gender uvm. wird plötzlich nur noch über Testosteronlevel und den Hypothalamus gesprochen.

Und Marielle hat natürlich irgendwo Recht, warum streiten wir uns um Begrifflichkeiten? Weil Begriffe den Diskurs formen. Und ihn in diesem Fall verzerren und die Strukturen erhalten helfen. (Ich habe da noch einen ganzen Post zu im Kopf - hoffentlich komme ich mal dazu, den zu schreiben.) Deshalb liegt mir das Thema so am Herzen. Und deshalb gehen da auch gerne die Pferde mit mir durch. Auch explizit an Anke: ich hab dich blöd angepflaumt, das tut mir leid. Das Thema ist bei mir schon emotional besetzt, da vergreife ich mich leider schon mal in der Wortwahl. Sorry…

Auf eine konstruktive Diskussion
Lara

P.S.
Anke hat geschrieben: Vielleicht braucht es auch einen interdisziplinären Forschungsansatz, der Transsexualität als eigenständiges Phänomen mit unterschiedlichen Facetten betrachtet und sich in den unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen bedient.
Brauchen wir. Absolut.
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Andrea aus Sachsen
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Re: TSG - Nein danke?

Post 62 im Thema

Beitrag von Andrea aus Sachsen » Do 22. Okt 2015, 22:57

.
Anke hat geschrieben:es gibt die IMAG (Interministerielle Arbeitsgruppe) die sich mit dem Thema beschäftigt. Das ist aber eine ziemlich zähflüssige Angelegenheit und das mit deinem 2,5 Jahren könnte knapp werden.
nicole.f hat geschrieben:Also von der IMAG erwarte ich nicht viel, zumindest was konkrete Schritte angeht.
… aber es sind mehrere Bestrebungen in der Mache, die in nicht all zu ferner Zukunft zumindest die Gutachterpflicht aus dem TSG bekommen könnten.
Danke Anke und Nicole für die Informationen! Die helfen mir zwar noch nicht allzu viel weiter, aber ich werde wohl erst mal abwarten, wie sich die Sache im nächsten Jahr entwickelt und dann entscheiden. Ich plane übrigens (bzw. bin schon dabei) Nadelepilation im Gesicht, Logopädie, HRT und eben VÄ/PÄ. GAOP ist für mich (noch) kein Thema.
Viele Grüße
Andrea aus Sachsen

nicole.f
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Re: TSG - Nein danke?

Post 63 im Thema

Beitrag von nicole.f » Mi 15. Jun 2016, 17:14

Lasst Taten und nicht Worte sprechen!

Es ist vollbracht, mein Antrag nach TSG mit Ablehnung der Begutachtung ist endlich fertig und geht morgen per Post zum Amtsgericht nach Dortmund!

Mit Unterstützung einer _großen_ und renommierten Kanzlei (alleine in Deutschland > 100 Anwälte) ist der Antrag auf inzwischen 33 Seiten angewachsen. Kurz zusammengefasst wird die zweifache Begutachtung als schwerer und nicht zu rechtfertigender Eingriff in die Persönlichkeitsrechte und Verletzung der Intimsphäre betrachtet, die als solche gegen den Schutz dieser Bereiche durch das Grundgesetz verstoßen. Der Antrag führt dies noch deutlich eloquenter aus. Da der Antrag auch einige persönliche Dinge enthält und es außerdem ein laufendes Verfahren ist, kann ich den Antrag im Ganzen hier leider nicht wiedergeben - tut mir leid. Über den Fortgang etc. werde ich aber selbstverständlich hier berichten.

Jetzt bin ich _sehr_ gespannt, wie das AG Dortmund reagieren wird. Das AG Dortmund hat nun drei Möglichkeiten:

1. Der Antrag wird angenommen.
Das ist eher unwahrscheinlich, denn dann müsste der_die Richter_in eine ausführliche Begründung schreiben, warum er_sie gegen das Gesetz auf die Gutachten verzichtet.

2. Der Antrag wird abgelehnt.
Das ist die wahrscheinlichste Variante, der_die Richter_in agiert rechtpositivistisch und lehnt mit Verweis auf TSG §4(3) den Antrag ab. Dann können wir in die nächste Instanz zum OLG gehen - was auch definitiv geplant ist, sollte dieser Fall eintreten.

3. Das AG Dortmund verweist den Fall direkt zum Bundesverfassungsgericht.
In dem Antrag wird an zwei Stellen explizit der Schluss gezogen, dass das AG Dortmund anhand der vorgebrachten Argumente eine Entscheidung eigentlich gar nicht treffen kann. Es sind Grundrechte betroffen und darüber kann nur das BVerfG urteilen. Dieser Ausgang wäre super und ist auch unser langfristiges Ziel. Wir wollen eine Grundsatzentscheidung des BVerfG herbeiführen, denn dann wäre diese Begutachtung endgültig für alle trans* Menschen vorbei.

Also, Daumen drücken!

Das wird noch eine Weile dauern, bis hier eine Entscheidung fällt, aber es hat begonnen! Wir sind auf dem Weg.

Liebe Grüße
nicole
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Re: TSG - Nein danke?

Post 64 im Thema

Beitrag von Anne-Mette » Mi 15. Jun 2016, 17:22

Moin,
Also, Daumen drücken!
Wird gemacht! )))(:

Gruß
Anne-Mette

Yasmine
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Re: TSG - Nein danke?

Post 65 im Thema

Beitrag von Yasmine » Mi 15. Jun 2016, 17:32

..ich auch!
LG
Yasmine

ab08
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Re: TSG - Nein danke?

Post 66 im Thema

Beitrag von ab08 » Mi 15. Jun 2016, 17:37

Liebe Nicole

auch ich halt Dir fest die Daumen
und dank Dir ganz, ganz herzlich für Deinen Einsatz!! (gitli)

Liebe Grüße
Andrea
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Re: TSG - Nein danke?

Post 67 im Thema

Beitrag von Svetlana L » Mi 15. Jun 2016, 19:30

Liebe Nicole,

auch ich drücke dir - natürlich gaaaanz uneigennützig - die Daumen. Ich lehne diese ganze Begutachtungspraxis entschieden ab, weil ich mir da vorkommen würde wie Schlachtvieh auf dem Weg zur Schlachtbank.
Ob das TSG jemals abgeschafft wird? Die IMAG ist ja immer noch nicht weiter gekommen, außer das Gutachteraufträge vergeben wurden, und auf einer SPD-Veranstaltung habe ich kürzlich erfahren müssen, dass keine Chance besteht, wenn man es nicht noch in dieser Legislaturperiode schafft. Die Zeit bis zur nächsten Wahl schreitet schnell voran, wenn man auch den Vorlauf berücksichtigt, den solche Vorhaben nun mal brauchen. Wenn nach der nächsten Wahl die AfD in den Bundestag einzieht, wird die CDU/CSU noch weiter nach rechts rücken, damit die nicht noch mehr Wähler an die AfD verlieren. Solche Vorhaben rücken dann vermutlich in den Bereich der Utopie, es sei denn, die künftige Regierung kommt ohne schwarz aus, aber wie realistisch ist das?

P.S.: Interessant, dass es hier scheinbar auch mehrere privatversicherte Userinnen gibt. Evtl. komme ich dann mal gezielt auf euch zu. )))(:
Liebe Grüße aus Berlin
Svetlana

nicole.f
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Re: TSG - Nein danke?

Post 68 im Thema

Beitrag von nicole.f » Mi 22. Jun 2016, 13:06

Hallo Svetlana,

vielen Dank für die moralische Unterstützung und das Daumendrücken :)

Bzgl. TSG, so wollen wir das hoffentlich nicht in Gänze abschaffen - es muss reformiert werden. Der jetzige §5 ist unerlässlich für uns und der darf auf keinen Fall entfallen. Auch muss es gesetzlich geregelt sein, dass man seinen Vornamen und Geschlechtseintrag ändern lassen kann. Das könnte man in alle relevanten Gesetze verstreuen oder man regelt es in einem Sondergesetz - ähnlich wie es jetzt ist, aber besser :)

Tja, die IMAG... im BMFSFJ arbeiten gute Leute daran, die aber an formalen Dingen ausgebremst werden. Ich könnte jetzt etwas aus dem Nähkästchen plaudern, doch das bringt ja auch nichts. Ich kann nur versichern, dass zumindest das BMFSFJ, das Referat und die Organisator_innen der IMAG keine Schuld trifft. Ob andere hier an Strippen ziehen, weiß ich nicht. Die Ergebnisse der IMAG werden, so mein Eindruck, sehr gut und richtungsweisend sein. Das Gutachten und der Gesetzentwurf von Laura Adamietz wird schon sehr nahe an perfekt liegen. Doch ob das wirklich umgesetzt wird? Ich wage es leider zu bezweifeln. Laura will eine Strafbewährung für das Offenbarungsverbot, ein gesetzliches Recht für medizinische Angleichungen und das alles auf Basis eines einfachen Antragsverfahrens. Das wird auf Widerstände stoßen, das wird Verhandlungen brauchen und das wird Zeit brauchen. Zeit, die wir vor der nächsten Bundestagswahl nicht haben werden. Und danach? Wer weiß das schon. Also lieber mehrgleisig fahren. Irgendwann werden wir auch die sturste Regierung dazu zwingen können, auch wenn wir dafür vor den EuGH müssen.

Zu privaten KVen, ja, gerne stehe ich für Fragen zur Verfügung, wenngleich es dazu leider keine besonders handfesten Informationen gibt. Das hängt ganz stark von der PKV ab und vielleicht auch dem eigenen Vertrag. Es gibt auch nur sehr wenige Urteile gegen PKV bzgl. Angleichung. Ich hatte das spezielle Problem, dass meine PKV keine therapeutische Begleitung verlangte und diese auch gar nicht bezahlt hätte! Damit hatte ich dann aber ein Problem bei behandelnden Ärzt_innen, denn die wollten ohne Indikation etc. nicht behandeln. Das war dann etwas kompliziert, verkehrte Welt, sozusagen. Da hatte ich dann die Zusage der KV, aber kein_e Behandler_in wollte etwas machen. Mit etwas Hin und Her, Erklärungen und, wie ich feststellen musste sehr wichtig, persönlichen Gesprächen, klappte dann doch alles.

Was mich dabei etwas erschreckte ist, dass im persönlichen vor-Ort Gespräch das Auftreten und vor allem die äußere Erscheinung eine Rolle spielte. Es war einer Behandlerin, die sich schriftlich und telefonisch noch sperrte, deutlich anzumerken, dass sich ihr Widerstand löste, als sie mich sah. Das finde ich, offen gestanden, nicht in Ordnung. Was hat das Aussehen mit der Person, Persönlichkeit und vor allem der Notwendigkeit zu tun? Hier landen wir wieder bei Klischees und Stereotypen. Trete ich als trans* Frau nicht in Pumps und Röckchen auf, mache ich mich dann gleich verdächtig nicht "echt" zu sein? Nicht trans* genug? Das ist nicht gut. In dem Zusammenhang frage ich mich wirklich, was die Beschreibung der Kleidung und des Aussehens im Allgemeinen in trans* Gutachten verloren hat. Gar nichts, außer Klischees und Stereotype zu bedienen und das ärgert mich.

Liebe Grüße
nicole
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Anke
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Re: TSG - Nein danke?

Post 69 im Thema

Beitrag von Anke » Mi 22. Jun 2016, 14:15

nicole.f hat geschrieben:
Was mich dabei etwas erschreckte ist, dass im persönlichen vor-Ort Gespräch das Auftreten und vor allem die äußere Erscheinung eine Rolle spielte. Es war einer Behandlerin, die sich schriftlich und telefonisch noch sperrte, deutlich anzumerken, dass sich ihr Widerstand löste, als sie mich sah. Das finde ich, offen gestanden, nicht in Ordnung. Was hat das Aussehen mit der Person, Persönlichkeit und vor allem der Notwendigkeit zu tun? Hier landen wir wieder bei Klischees und Stereotypen. Trete ich als trans* Frau nicht in Pumps und Röckchen auf, mache ich mich dann gleich verdächtig nicht "echt" zu sein? Nicht trans* genug? Das ist nicht gut. In dem Zusammenhang frage ich mich wirklich, was die Beschreibung der Kleidung und des Aussehens im Allgemeinen in trans* Gutachten verloren hat. Gar nichts, außer Klischees und Stereotype zu bedienen und das ärgert mich.
Hallo,

genau solche Sachen spielen auch bei der Begutachtung eine Rolle. In einem meiner Gutachten steht beispielsweise drin, dass meine Fingernägel passend zur Bluse lackiert wären. Da stelle ich mir die Frage, was das denn bitte mit meiner Transsexualität zu tun hat. Und abgesehen davon empfinde ich so etwas in diesem Zusammenhang als ziemlich sexistisch. Derartige Formulierungen gibt es mehrere in diesem Gutachten. Das ist also kein Ausrutscher, sondern verrät Methode.

Und meine Meinung zu den Gutachten habe ich ja schon an vielerlei Stellen hier im Forum dokumentiert. :((a

Dem Antrag von Nicole drücke ich natürlich ganz fest die Daumen, denn das würde eine ganz andere Dynamik bei der Novellierung des Gesetzes entfachen. Und ich finde es beeindruckend, dass sie ihre Zeit, ihr Geld und ihre Nerven hier einsetzt. Denn ein Spaziergang wird das sicherlich nicht. (ap) (ap) (ap) (ap) (ap)

Allerdings mache ich mir auch ein paar Sorgen über einen eventuell negativen Ausgang des Verfahrens. Denn damit wäre dann höchstrichterlich festgestellt, dass die Gutachten mit dem Grundgesetz vereinbar sind. Das hat dann sicherlich ebenfalls Auswirkungen auf die politische Diskussion, denn die Gegner einer Novellierung hätten ein Argument frei Haus geliefert bekommen.

Beruhigend finde ich, dass Nicole sich anwaltlich richtig gut aufgestellt hat, denn für so ein Verfahren werden Anwälte gebraucht, die in Deutschland in der Top-Liga spielen. Ich vermute doch, dass die das im Vorfeld analysiert und die Erfolgsaussichten gründlich untersucht und eingeschätzt haben.

Liebe Grüße

Anke
Sentio ergo sum. - Ich fühle, also bin ich.

Les femmes sont fortes quand elles sont feminines. (Coco Chanel)

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Re: TSG - Nein danke?

Post 70 im Thema

Beitrag von nicole.f » Mi 22. Jun 2016, 15:48

Liebe Anke,

ja ja, die liebe Gutachten :) Steter Quell großer Freude!

Ich denke es ist rel. egal wie das ausgehen wird, wir können nur gewinnen. Wird vor dem BVerfG die gängige Praxis abgeschafft, klar, dann haben wir gewonnen. Wenn das BVerfG ablehnt, dann können sie sich mit ihrer Begründung nur auf ganzer Breite lächerlich machen und wir haben ein großes Medienspektakel vor uns - und das ist fest geplant, dass wir diese Entscheidung dann sehr breit in den Medien auseinandernehmen werden. Nein, ein Spaziergang wird das nicht, das wird ein Siegeszug! Ein Fanal, der lange Marsch durch die Institutionen! :) Mal Spaß beiseite, sicherlich wird das etwas anstrengend, aber glücklicherweise hängt für mich nichts davon ab, weshalb ich dem in aller Ruhe und Gelassenheit entgegen sehe. Hätte ich Druck oder Notwendigkeit, würde ich das nicht machen, das steht fest - das sage ich vor allem für all jene, die gerade ihren Antrag einreichen oder eingereicht haben. Ich möchte das keinesfalls in Frage stelle oder kritisieren - hätte ich den Druck oder die direkte Notwendigkeit, ich würde mich auch dem Verfahren beugen.

Das BVerfG hat erst mit der letzten Entscheidung 2011 noch einmal die Begutachtungspraxis bestätigt. Das heißt aber nichts, in der Zwischenzeit hat sich viel verändert. ich bin da also ganz guter Dinge.

Mit der Kanzlei, das kann man sich in den Fällen nicht wirklich groß aussuchen. Ich würde tippen, an soetwas trauen sich in ganz D-Land nur eine Hand voll Anwälte und davon wird es dann kaum jemensch pro-bono machen wollen. Die Kanzlei, mit der wir nun zusammen arbeiten, ist fett und groß, aber eigentlich eher auf Wirtschaftsfälle spezialisiert. Die haben aber einen Faible für LSBT Themen und waren auch maßgeblich an dem Fall der "Don't ask don't tell" Doktrin der US Armee beteiligt. Die können schon was :)

Das kann nur gut werden, egal wie es ausgeht.
Wenn wir verlieren, blamiert sich unser Staat bis auf die Knochen und das werden wir weidlich auskosten!
Wenn wir gewinnen, haben wir gewonnen :)

PS: Ich habe auch bereits Kontakt mit der Redaktion von "Report", die schon einen schönen Titel dazu haben: "Als wahnsinnig abgestempelt". Als Headline schonmal großartig :)

Liebe Grüße
nicole
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Re: TSG - Nein danke?

Post 71 im Thema

Beitrag von Anne-Mette » Mi 22. Jun 2016, 15:59

Guten Tag Nicole,

ich danke für Dein Engagement in der Sache und bin schon ganz gespannt auf mögliche Ergebnisse!

Gerade mache ich die Erfahrung, dass ein "Hängen in Warteschleifen" (für mich) genau so schlimm ist wie das "Durchschlagen eines Gordischen Knotens" (smili)

Wie auch immer: es wird Zeit, dass Bewegung in die Angelegenheit kommt und ich drücke die Daumen (yes)

Herzliche Grüße
Anne-Mette

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Re: TSG - Nein danke?

Post 72 im Thema

Beitrag von nicole.f » Mi 14. Sep 2016, 12:08

Kleines Update:

das Amtsgericht Dortmund hat angekündigt, den Antrag abzulehnen. Das war zu erwarten. Wir warten noch auf die schriftliche Ablehnung und vor allem deren Begründung. Wenn diese vorliegt, werde ich, nach Rücksprache mit den Anwält_innen, die Begründung auch gerne, sofern sie etwas Interessantes enthält, veröffentlichen. Nächster Schritt ist dann die nächsthöhere Instanz am Oberlandesgericht Hamm.

Inzwischen gibt es auch einen intensiven Kontakt und Austausch zwischen meinen Anwält_innen, Laura Adamietz und mir, um gemeinsam strategisch vorzugehen, damit vielleicht doch noch diese Legislatur eine Reform stattfindet.

Wenn ich mehr weiß, melde ich mich wieder.

Liebe Grüße
nicole
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Re: TSG - Nein danke?

Post 73 im Thema

Beitrag von Chrissie » Mi 14. Sep 2016, 18:41

nicole.f hat geschrieben:...
Ich habe gerade das Problem sozusagen auch noch umgekehrt... nur aus Interesse hatte ich mal meine Kasse nach den Voraussetzungen für eine GaOP gefragt. Nach knapp vier Wochen bekam ich die Zusage! Das hat ein paar Gedanken, sagen wir, "beschleunigt".

Jetzt habe ich nur das Problem, dass ich keine "psychotherapeutische Begleitung" hatte, denn das setzte meine private Kasse nicht voraus.

Liebe Grüße
nicole
Hi Nicole, bei welcher Kasse bist Du?

Meine erkennt die probatorischen Sitzungen nicht an, da das Wort auf der Rechnung fehlt und keine Gnehmigung vorlag und will jetzt vor der Beginn der HRT einen Kostenvoranschlag haben. Und das auch als private Kasse.

LG Chrissie
Das Leben ist zu kurz um sich zu verleugnen.

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Re: TSG - Nein danke?

Post 74 im Thema

Beitrag von nicole.f » Mi 14. Sep 2016, 19:27

Liebe Chrissie,

ich bin bei der AXA, meine Sachbearbeiter_innen sitzen in Köln. Das die mir im Besonderen eine OP "einfach so genehmigt" hätten, ist vielleicht ein falscher Eindruck. Ich war ein paar mal bei einem, zugegebenermaßen lahmen, faulen und sehr "zurückhaltendem" Therapeuten, bis der endlich eine F64.0G Diagnose geschrieben hat. Das war ein zähes Ringen. Das ist also eines meiner Haupt-Papiere, immer wieder, leider.

Meine Kasse hat zu Anfang für HET keine Voraussetzungen genannt, nicht einmal eine gesicherte Diagnose. Das finde ich im Prinzip auch korrekt, denn Hormone sind verschreibungspflichtig, es braucht also einen Arzt und wenn ein Arzt sie verschreibt, dann liegt das im fachlichen Ermessen der Ärzt_in. Nur das sich auch die Ärzt_innen absichern und eine Diagnose haben wollen, damit sie wissen, warum sie das verschreiben sollen. Dazu war dann der Wisch des Psycho hilfreich.

Danach wollte ich Epilation erstattet haben. Dazu musste ich mit der Kasse etwas verhandeln und argumentieren, aber weiteres Papier wollten sie nicht.

Über Fortgang von Epilation und HET wurde sie ja dann durch die Abrechnungen immer wieder unterrichtet, hatten also Belege, dass da "etwas" stattfindet.

Gut ein Jahr später stellte ich die Anfrage nach den Voraussetzungen für eventuelle GaOP und da kam dann die unerwartete Zusage, die bis heute hält. Das ist nun auch wieder fast eineinhalb Jahre her. Wie die Zeit vergeht!

Dann haben die möglichen Operateure gezickt, sie wollten zwei Indikationsgutachten - zwei! Ich war noch einmal für eine halbe Stunde bei einem Psycho* in Köln zur "intensiven Exploration" (was ein Käse), der mir dann eine uneingeschränkte Befürwortung für alles geschrieben hat. Das reichte dann wenigsten ein paar, aber nicht allen Operateuren.


Also, wenn es bei Dir nur im die HET geht, dann lass sie Dir mit Diagnose E34.9 verschreiben: "Endokrine Störung, unbekannte Ursache". Wenn Dein_e Ärzt_in das mitmacht, kann die Kasse eigentlich nichts dagegen sagen. Für alles weitere wirst Du wohl oder übel zumindest eine Diagnosesicherung F64.0 brauchen.

Liebe Grüße
nicole
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Re: TSG - Nein danke?

Post 75 im Thema

Beitrag von nicole.f » Do 22. Sep 2016, 16:14

Wie zu erwarten, haben wir heute (endlich) die formelle Ablehnung und Begründung des AG Dortmund auf meinen Antrag bekommen. Jetzt geht es also weiter, vermutlich zunächst mit einer formellen Beschwerde etc.

Die Begründung das AG Dortmund ist entsprechend positivistisch, d.h. sie verweisen auf die alten BVerfG Urteile, vor allem das letzte von 2011, welches die Verfassungsmäßigkeit der Gutachten bestätigt. Zudem sagt das AG Dortmund sinngemäß, dass "objektivierte Kriterien" angeführt werden müssten, auch um die Selbsteinschätzung der antragstellenden Person abzusichern, um diese auch vor eigenen Fehlentscheidungen zu beschützen.

Was ein paternalistischer Blödsinn, aber dies ist nunmal der Tenor des Gesetzes. Wir (trans* Menschen) sind unmündig und müssen vor uns selbst geschützt werden, nur in Ausnahmefällen, wenn wirklich kein anderes Kraut mehr hilft, dann wird uns ausnahmsweise gestattet, unserem abwegigen Empfinden entsprechenden Vorname und/oder Personenstand zu führen.

Ich halte Euch auf dem Laufenden - doch wie Ihr merkt, das daaauuuert...

Liebe Grüße
nicole
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