Selbstannahme und Sehnsucht ...
Selbstannahme und Sehnsucht ... - # 4

Lebensplanung, Standorte
girlnamedliz
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Re: Selbstannahme und Sehnsucht ...

Post 46 im Thema

Beitrag von girlnamedliz »

Sophia69 hat geschrieben: Mo 26. Jan 2026, 19:39 ich hoffe du bist wohlauf und dir geht es körperlich wie mental gut! Bist du schon bereit, deine Erfahrungen nun als Frau zu teilen?
Liebe Sophia,

Vielen Dank der Nachfrage! Die OP ist jetzt genau drei Wochen her - vielleicht ist das der Zeitpunkt ein paar Dinge dazu zu schreiben.

Zunaechst einmal bzgl. der Auswahl der Prozedur und des Chirurgen. Es ist wichtig sich darueber Gedanken zu machen, was denn eigentlich genau erforderlich ist. Die Varianten reichen von einer einfachen Orchiectomy, ueber den Smoothie, zur (Zero-Depth) Vulvoplasty, und der klassischen Vaginoplasty. Die Prozeduren unterscheiden sich nicht nur im Preis, sondern auch in ihrer Komplexitaet, den Risiken, dem Heilungsprozess, und der notwendigen Nachsorge. Es mag gut sein, dem ersten "ich nehme das volle Programm" Reflex wenigstens teilweise zu widerstehen. Ich bin und bleibe mit meiner Frau verheiratet, insofern sind meine Beduerfnisse moeglicherweise geringer als die derjenigen, die sich eine Beziehung mit einem Mann wuenschen.

Ich lebe in den USA, und die Wartezeiten sind hier momentan etwa drei Jahre vom Tag der Ueberweisung bis zur Operation, mit dem ersten Gespraech mit dem Chirurgen etwa in der MItte dieser Zeit. Das ist, gemessen an der aktuellen politischen Lage, viel zu lang, denn es ist kaum vorherzusehen, welche Chirurgen in drei Jahren ueberhaupt noch solche Operationen durchfuehren werden. Daher kam die Entscheidung, dies als Selbstzahler im Ausland zu tun. Deutschland war meine erste Wahl, aber irgendwie fand ich Dr. Daverio so gar nicht sympathisch - und die Preise waren auch zu hoch. Thailand kostet etwa ein Drittel von Deutschland - aber die Zeit der Nachsorge allein und geschwaecht in einem fremden Land, dessen Kultur ich nicht verstehe, zu verbringen, war nicht mein Ding. Und so fiel die Wahl dann auf IM Gender (https://imgender.com/en/) in Barcelona. Dr. Labanca und Team waren in jeder Hinsicht professionell und angenehm im Umgang, bei Preisen etwa 30% unter Deutschland, und Wartezeiten von etwa zwei Monaten. Es mag weiterhin fuer einige von Relevanz sein, dass Spanien ein sehr einfaches Informed Consent Modell verfolgt, es sind keinerlei Briefe von Therapeuten erforderlich (auch wenn ich die parat gehabt haette).

Die OP war am 7. Januar. Dauert etwa vier Stunden, keinerlei Komplikationen oder groessere Blutungen. Und als ich eine Stunde spaeter aufgewacht bin, hatte die Chirurgin schon meine Frau angerufen. Danach folgen dann fuenf Tage in der Klinik, um sicherzustellen, dass es keine unerwarteten Komplikationen gibt. Am Tag danach endlich fluessige Nahrung (und nicht nur der Tropf), an Tag zwei dann das erste Mal das Bett verlassen und mit fester Nahrung anfangen. Aus der Klinik geht es dann fuer eine weitere Woche in ein nahegelegenes Hotel. Das ist ganz gut, weil es einen zwingt sich zu bewegen, Essen zu jagen, und langsam wieder an Beweglichkeit und Kraft zu gewinnen. Schmerzen waren zu keinem Zeitpunkt ein Problem. Aber ich muss zugeben, dass ich unterschaetzt habe, wie sehr ich nach einer solchen OP, den Antibiotika, und den Schmerzmittlen geschwaecht sein wuerde. Insofern, war ich froh in Barcelona (Sant Cugat) zu sein; einem Ort an dem mich in zwei Wochen niemand auch nur schraeg angesehen hat. Und ich bin nun ganz bestimmt nicht passabel, und spanisches Vokabular von 100 Worten ist jetzt auch nicht abendfuellend. Unglaublich entspannend, wenn zwischenmenschliche Beziehung ganz ungezwungen und natuerlich ablaufen. Etwas, das ich so weder aus Deutschland noch den USA kenne.

Ein weiterer Effekt, den ich absolut unterschaetzt habe, ist der Unterschied zwischen T-Blockern und der Abwesenheit von T. In den USA wird i.d.R. Spironolactone verschrieben, welches primaer die Absorption von T an den Rezeptoren verhindert, die Produktion aber kaum. Und waehrend ich geglaubt habe, meine Hormonlevel ganz gut im Griff zu haben, war dies zu meiner Ueberraschung nicht der Fall. Es kam nochmals ein deutlicher Schub mehr/ neue/ andere Emotionalitaet dazu - ich habe in den letzten drei Wochen so viel geheult, wie mein ganzes Leben nicht. Oftmals vor Glueck, Dankbarkeit oder Mitgefuehl, aber es ist schon ein bischen ueberwaeltigend. Mir scheint, als sei ich gleichzeitig nochmals ein deutliches Stueck ruhiger geworden. Klar kann ich mich immernoch aergern und bissig werden - das geht dann aber auch sehr schnell wieder vorbei. Insofern fuehle ich mich, trotz der Heulerei, emotional nochmals sehr viel besser aufgestellt als vorher.

Und dann ist da das erste Mal, wo man in Ruhe das Ergebnis begutachtet. Sieht natuerlich alles aus wie Schlachtplatte, geschwollen, rot und blau. Und trotzdem hat dieser Anblick meine eigene Selbstwahrnehmung massiv und dauerhaft veraendert. Endlich habe ich mich im Spiegel erkannt und mich gefragt, wo und warum sich diese Frau so lange versteckt hat. Das Gefuehl endlich zuhause angekommen zu sein. Und dieses Gefuehl geht fuer mich tatsaechlich auch dann nicht verloren, wenn ich bekleidet bin. Und so bin ich oft ungeschminkt zum Fruehstueck gegangen, und habe mich trotzdem wohlgefuehlt. Fuer mich strahlt dieses Selbstverstaendnis also nach aussen - und so ist es ja vermutlich auch gedacht.

Am 20. Januar bin ich dann zurueck in die USA geflogen. Es waere gut, wenn man etwas mehr Zeit hat, oder der Weg nicht ganz so lang ist. Zehn Stunden auf einem Hocker direkt auf der Wunde zu sitzen ist unschoen (aber auch das geht vorbei). Und so bin ich seit einer Woche wieder zuhause bei meiner Frau, und lasse mich aufpaeppeln. Medikamentenfrei (ausser E und P), und voller positiver Energie und Gedanken (solange man den Fernseher auslaesst). Wie sich die Beziehung zu meiner Frau veraendern wird, ist heute kaum vorherzusagen. Sie ist sehr deutlich darin, dass sie sich nicht als lesbisch identifiziert. Sie steht aber gleichzeitig ohne jeden Zweifel zu mir und mit mir. Sie hat niemals versucht mich von diesem Schritt abzuhalten, und ihr ist klar, dass ich auch vorher schon lange kein Mann mehr war - auch wenn das anatomisch vielleicht so ausgesehen hat. Welche Beduerfnisse nach Naehe sie entwickeln wird, und wie diese dann zu addressieren sind, weiss ich heute nicht. Aber wir sind beide davon ueberzeugt, dass wir das zu gegebener Zeit herausfinden und hinbekommen werden.

So, das ist eine Menge an persoenlichen Details ueber mich. Wenn es immernoch nicht reicht, dann bitte persoenlich.

Liebe Gruesse, Liz
Lana
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Re: Selbstannahme und Sehnsucht ...

Post 47 im Thema

Beitrag von Lana »

Danke für eure Gedanken. Das musste erst mal ein bisschen sacken, auch wenn ich es unmittelbar als hilfreich empfunden habe. Zum Beispiel das hier:
Knäckebrötchen hat geschrieben: Di 27. Jan 2026, 12:40 Am Ende war immer das Fazit, das man im Grunde die Gruppenmerkmale auf sich beziehen und mit sich in Einklang bringen kann. Das heißt, am Ende bildet "Weiblichkeit" eine Wolke aus Attributen, die mehr oder weniger stark ausgeprägt mit dem eigenen Empfinden resoniert. Aus trans* Perspektive sehe ich also die Gruppenmerkmale (Stereotype) "meiner" Gruppe und finde wenig Resonanz. Die finde ich eher in der anderen Gruppe - und darum möchte ich das Team wechseln.
Vielleicht ist genau das mein Problem, dass ich das Gefühl habe, ich müsste mich voll mit dieser "diffusen Wolke aus Attributen" identifizieren. Das kann aber nicht gelingen, schon allein deswegen nicht, weil es so diffus ist.

Andererseits enthält dein Bild eine klare Abgrenzung der beiden Gruppen (das ist keine Kritik, ich versuche nur, mit dem Bild zu arbeiten):
Zwei Teams - eines in roten Trikots und eines in blauen. Ich weiß, dass mir die blauen nicht gefallen. Überhaupt gar nicht. Ein rotes will ich mir aber auch nicht überziehen, damit fühle ich mich auch nicht richtig wohl.
Und Trikots in meiner Farbe gibt es nicht. Es ist eine Farbe, die keinen Namen hat.
Und selbst wenn es sie gäbe - in welches Team würde ich damit reinpassen, wenn es nur blaue und rote Teams gibt?
Knäckebrötchen hat geschrieben: Di 27. Jan 2026, 12:40 Als Frau empfinde ich mich da, wo ich mich als Teil dieser Gruppe wahrnehme. Aus mir selbst heraus empfinde ich mich als Mensch.
Als Frau sehe ich mich da, wo meine Reflektion mir einen Menschen zeigt, der im weitesten feminin wirkt.

Das eine ist emotional und braucht keine physische Repräsentanz (Identität), das andere ist knallhart mein Körper, der inzwischen deutlich mehr zu mir passt als früher. Das körperliche kann ich durch Kleidung unterstützen, viel wichtiger (für mich) sind aber HRT und GaOP.
Ja, vielleicht hilft das bei der körperlichen Wahrnehmung. Aber an dieser Stelle sind wir verschieden. Mein Körper ist nicht so furchtbar wichtig. Er ist für mich OK, so wie er ist. So lange er von Kleidung bedeckt ist. Vielleicht ist sie deswegen für mich so wichtig. Und zwar die äußere Schicht, die alle sehen können. Das Darunter spielt keine große Rolle. Es muss funktional sein, mehr nicht.

Darüber hinaus ist es mir nur wichtig, wie ich mich aus mir selbst heraus sehe. Da spielt der Körper keine Rolle. Aber das ist so individuell, dass es keiner Gruppenidentität entspricht.
Sophia69 hat geschrieben: Di 27. Jan 2026, 20:28 Müssen wir uns dann nicht alle nur als Individuen betrachten? Aber in diesem Gedankenkonstrukt kommt keine wirkliche Sinnhaftigkeit für mich.
Tja, keine Ahnung, wie das aufgelöst werden kann. Zumal ich dir hier zustimme:
Sophia69 hat geschrieben: Di 27. Jan 2026, 20:28 Denn um, wie du es so schön bezeichnest, den Bruch zwischen Inneren und Äußeren, welchen ich auch empfinde, zu kitten, greife ich immer wieder zu typischer, und die gibt es ja, weiblicher Kleidung.
Genau das selbe mache ich auch. Vielleicht, weil es mir als Möglichkeit erscheint, meine Individualität auszudrücken? In einer Art und Weise, die sie zwar nicht genau trifft, aber einigermaßen verständlich wirkt, weil sie als "typisch weiblich" gesellschaftlich verankert ist?
Sophia69 hat geschrieben: Di 27. Jan 2026, 20:28 Auf der einen Seite sollte es meiner Meinung nach doch selbstverständlich sein, dass wir uns alle als Individuen betrachten, also sein dürfen, wie wir wollen, keine Schubladen benötigen, auf der anderen Seite möchte ich doch klar weiblich sein und zu der Spezi Frau zählen. Welch Ambivalenz
Ja, es ist ambivalent. Ich glaube, ich kann dich verstehen. Bei mir ist das Bestreben "weiblich" zu sein aber viel schwächer ausgeprägt. Dadurch ist die Diskrepanz (und auch die körperliche Dysphorie) wesentlich geringer.

LGL
Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.
Blaise Pascal
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Re: Selbstannahme und Sehnsucht ...

Post 48 im Thema

Beitrag von Sophia69 »

girlnamedliz hat geschrieben: Mi 28. Jan 2026, 20:58 Vielen Dank der Nachfrage! Die OP ist jetzt genau drei Wochen her - vielleicht ist das der Zeitpunkt ein paar Dinge dazu zu schreiben.
Hallo Liz,
vielen Dank für deinen ausführlichen Bericht! Zunächst einmal wünsche ich dir von Herzen einen guten Heilungsverlauf.
Die Entwicklung eurer Paarbeziehung scheint ja noch ein spannender Lebensabschnitt zu werden. Ähnlich wie deine Frau, verortet sich meine ebenfalls nicht als lesbisch, auch unsere Beziehung ist von tiefer Verbundenheit geprägt. Wie sich unsere erfüllende sexuelle Beziehung entwickeln würde, wenn ich vielleicht kleine Schritte der Transition wagen würde, stände dann noch in den Sternen. Mal sehen was die Zukunft bringt.
Dir und deiner Frau wünsche ich, dass ihr eine lebendige und vertraute Beziehung erlebt, die beide erfüllt. Somit schicke ich euch ein wenig Sternenstaub nach Amerika. ))):s

Liebe Grüße
Sophia
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Re: Selbstannahme und Sehnsucht ...

Post 49 im Thema

Beitrag von Violetta-TransFlower »

Liebe Liz,
girlnamedliz hat geschrieben: Mi 28. Jan 2026, 20:58 So, das ist eine Menge an persoenlichen Details ueber mich.
Vielen Dank für Deine ausführliche Schilderung Deiner Operation und der Zeit davor und danach.

Ich wünsche Dir von ganzem Herzen 💜 einen guten Verlauf bis zur vollständigen Verheilung aller Wunden und Narben.

Viel Glück 🍀 für Dein weiteres Leben.
Genieße Dein weibliches Dasein, die Zeit für uns Alle ist immer begrenzt.

Deine Violetta 💜 🌺
... und Sie verglühte wie eine Sternschnuppe 🌠 am Tageshimmel, Zehn haben es bemerkt und Neun hat es interessiert...
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