Selbstannahme und Sehnsucht ...
Selbstannahme und Sehnsucht ... - # 3

Lebensplanung, Standorte
Sophia69
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Re: Selbstannahme und Sehnsucht ...

Post 31 im Thema

Beitrag von Sophia69 »

Knäckebrötchen hat geschrieben: Mi 17. Dez 2025, 23:22 Dann klingt das für mich einfach so gar nicht nach "ich nehme gerne Rücksicht", sondern nach "ich muss Rücksicht nehmen, sonst endet meine Beziehung". So in der Gesamtschaue dessen, was Vicky, Lana, Du hier geschrieben haben. Ja, @Lana, natürlich gibt es noch wesentlich mehr als die trans* Thematik. Aber sie steht ja doch immer mit im Raum, wenn ihr schreibt, dass ihr dies oder das eigentlich gerne als Frau erleben würdet, es aber nicht geht weil...
Da kann ich dir leider nur erwidern, dies klingt für mich wie eine Despotin die hier spricht! Wenn ich davon ausgehe, dass ich nicht allein auf dieser Welt bin, kommt es zwangsläufig zu Interessenskonflikten und frau kann entweder gemeinsam nach einer Lösung, die für alle gangbar ist, suchen, denn wenn sich nur eine Person durchsetzt, hat meistens die andere darunter zu leiden. Frau nimmt vielleicht gerne Rücksicht, um eine Beziehung am Leben zu erhalten, um sich an dieser zu erfreuen und vor allen Dingen um sich weder über den anderen zu stellen, noch sich zu unterwerfen. Bis eine Lösung gefunden worden ist, kann es durchaus mal unangenehm bis auch schmerzlich für einen selbst werden. C'est la via! Wird der Konflikt aber bewältigt gehen beide nicht nur zufrieden aus diesem gestärkt hervor, sondern auch gewappnet für neue Problemlösungen.

Dies wollte ich einfach nur mal loswerden! Deine Denkweise erscheint mir als sehr radikal und egoistisch, ich persönlich bevorzuge lieber ausgewogene Positionen. Letztendlich, sich einmal durch die Augen seines Gegenübers zu betrachten gibt Aufschluss über meine Persönlichkeit, frei zitiert nach G.H. Mead.
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Re: Selbstannahme und Sehnsucht ...

Post 32 im Thema

Beitrag von Sophia69 »

Lana hat geschrieben: Do 18. Dez 2025, 00:04 Ja klar, ich könnte wer-weiß-wo sein mit meiner Transition, wenn ich mich nicht "freiwillig" selbst beschränken würde, damit die Partnerschaft weiter besteht. Ich habe Zweifel, dass es mir damit insgesamt besser ginge, auch wenn ich hier in diesem Umfeld vielleicht viel Anerkennung erfahren würde. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass das, was allgemein unter "Transition" verstanden wird, mir entspricht. Körperliche Angleichung ist zum Beispiel kein Ziel von mir. Das war von Anfang an eines der wenigen Dinge, wo ich mir sicher war. Daran hat sich nie etwas geändert. Damit gibt es einen großen Konfliktpunkt weniger in der Partnerschaft. Der Rest sind Äußerlichkeiten. Aber nur auf den ersten Blick.
Lana du sprichst mir aus der Seele! Nur, dass ich noch nicht ganz mit einem BA abgeschlossen habe. (he)
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Re: Selbstannahme und Sehnsucht ...

Post 33 im Thema

Beitrag von Knäckebrötchen »

Sophia69 hat geschrieben: Do 18. Dez 2025, 00:22
Knäckebrötchen hat geschrieben: Mi 17. Dez 2025, 23:22 Dann klingt das für mich einfach so gar nicht nach "ich nehme gerne Rücksicht", sondern nach "ich muss Rücksicht nehmen, sonst endet meine Beziehung". So in der Gesamtschaue dessen, was Vicky, Lana, Du hier geschrieben haben. Ja, @Lana, natürlich gibt es noch wesentlich mehr als die trans* Thematik. Aber sie steht ja doch immer mit im Raum, wenn ihr schreibt, dass ihr dies oder das eigentlich gerne als Frau erleben würdet, es aber nicht geht weil...
Da kann ich dir leider nur erwidern, dies klingt für mich wie eine Despotin die hier spricht! Wenn ich davon ausgehe, dass ich nicht allein auf dieser Welt bin, kommt es zwangsläufig zu Interessenskonflikten und frau kann entweder gemeinsam nach einer Lösung, die für alle gangbar ist, suchen, denn wenn sich nur eine Person durchsetzt, hat meistens die andere darunter zu leiden. Frau nimmt vielleicht gerne Rücksicht, um eine Beziehung am Leben zu erhalten, um sich an dieser zu erfreuen und vor allen Dingen um sich weder über den anderen zu stellen, noch sich zu unterwerfen. Bis eine Lösung gefunden worden ist, kann es durchaus mal unangenehm bis auch schmerzlich für einen selbst werden. C'est la via! Wird der Konflikt aber bewältigt gehen beide nicht nur zufrieden aus diesem gestärkt hervor, sondern auch gewappnet für neue Problemlösungen.

Dies wollte ich einfach nur mal loswerden! Deine Denkweise erscheint mir als sehr radikal und egoistisch, ich persönlich bevorzuge lieber ausgewogene Positionen. Letztendlich, sich einmal durch die Augen seines Gegenübers zu betrachten gibt Aufschluss über meine Persönlichkeit, frei zitiert nach G.H. Mead.
Hey, Sophie,

glaub mir, ich habe fast 20 Jahre Ehe lang genauso versucht "durch die Augen meines Gegenüber...". Das kannst du machen, wenn dein Gegenüber dir grundsätzlich wohlwollend ist. Dachte ich bei meiner Frau (sonst hätte ich sie ja auch nicht geheiratet), war nur leider nicht so. Das hat sich aber auch erst in den letzten Jahren immer stärker gezeigt und würde besonders krass nach meinem Coming Out.

Um das nochmal hervor zu heben, ich rede hier von einer Phase im Leben, die zeitlich begrenzt ist. Eine Transition, je nachdem wie doll, ist ein Umbruch. Und manchmal kann es einfach hilfreich sein, so eine Zeit mehr auf sich zu schauen. Und dann zurück auf die Partnerschaft. Aber auch während einer Partnerschaft darf es Zeiten geben, in denen man den Fokus auf sich legt. Wie sonst soll man denn sonst das "eigene" kennen können? Nochmal (nur zur Sicherheit): zeitlich begrenzt, nicht ständig, nicht andauernd, nicht immer. OK?

Letztendlich kenne ich weder dich noch deine Frau. Ich kann nur darauf reagieren, was du schreibst. Und eure Worte hinterlassen bei mir nun mal diesen Eindruck. Natürlich kann ich auch still bleiben, nichts sagen oder immer nur zustimmen. Wenn deine Frage nach "unseren Gedanken und Meinungen" also nur darauf abzielt, das du Bestätigung bekommst, ok.
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Re: Selbstannahme und Sehnsucht ...

Post 34 im Thema

Beitrag von Vicky_Rose »

Guten Morgen in die fröhliche Diskussionsrunde,

ich denke, es geht nicht darum, welches Modell das Geeignetere ist, sondern dass es viele Wege zu einem persönlichen Ziel gibt. Für mich ist die Beziehung zu meiner Frau aus einem ganz anderen Aspekt wichtig und wertvoll. Ich erfahre hier Sicherheit und Vertrauen und das wechselseitig. ICh kann natürlich jetzt versuchen, das zu deuten und Ursachen dafür zu finden. Aber wesentlicher ist es, daraus etwas zu machen. Da bekomt der Satz, "ich muss Rücksicht nehmen, sonst endet meine Beziehung" eine andere Bedeutung. Hier steckt für mich einfach nur Angst dahinter. Ich kenne das und es war eine schreckliche Zeit des Versteckens. Aber die Sicherheit in meiner Beziehung ist stärker als die Angst. Selbst der Satz meiner Frau, dass sie nicht lesbisch sei, hat daran nichts geändert, obwohl das für mich einen tiefen EInschnitt bedeutete. Ich verstecke mich nicht mehr. Sie weiß, dass ich en femme unterwegs bin, sogar dass ich 4 Wochen in der Reha en femme gelebt habe und man ich dort als Frau angesprochen hat. Ihre Konsequenz war, dass sie mich nicht besucht hat, wofür ich sehr dankbar war. So konnte ich mich leben und erfahren ohne in innere Konflikte zu kommen. Mein innerer Konflikt ist nicht die Rücksichtnahme vs. mein Frauenleben, sondern die ganz persönliche Gespaltenheit zwischen kompletter Transition, die ich mir manchmal wünsche und dem Gefühl und Wissen, dass mich das auch nicht glücklich machen würde. Ich stehe pendelnd voll dazwischen.

Wie also damit umgehen?

Die Konsequenz ist, so zu leben, wie ich mich im Augenblick fühle. Für Dich, Alice, ist das ein hohes Gut. Du willst konsequent erst Deinen Weg gegangen sein, bevor Du Dich auf einen Menschen einlässt, der Dich dann auch so annimmt. So verstehe ich Dich jedenfalls. Meine Erfahrung in Beziehungen ist, dass es viele Bereiche gibt, in denen ich mit meiner Partnerin harmoniert habe und auch Bereiche gibt, in denen das Gegenteil der Fall ist. Natürlich wäre es schön, wenn meine Frau mich in meiner Weiblichkeit unterstützen und vielleicht sogar fordern würde. Das betrifft aber nur einen Teil meines Lebens, wenn auch einen wichtigen. Ich habe und lebe meine Freiräume im Bewusstsein, in Vertrauen und Sicherheit zu leben. Das ist der Kern unserer Beziehung.

Ich habe gelernt, dass ich mir in erster Linie erst einmal selber helfen muss. Ich musste mit mir klar werden, wer ich bin und was ich will. Dann kann ich danach handeln. Letztlich machst Du das nicht anders, nur auf Deine Weise. In der Frage meiner Weiblichkeit gibt es keine abschließende Antwort auf die Frage nach einer "echten" Transition. Ich werde immer in dem Zwiespalt leben. Ich habe erkannt, dass ich mich nicht entscheiden muss. Das gibt mir Spielräume in der Beziehung, die ich auch nutze. Ich nehme nicht Rücksicht, um eine Beziehung zu haben, sondern ich nehme Rücksicht, um diese Beziehung zu haben. Das macht mich nicht zur Sklavin der Beziehung. Ich verstehe das eher im Sinne des Gesellschaftsvertrags von Rousseau. Ich entscheide mich frei für eine Situation und folge dem, was für uns gemeinsam von Bedeutung ist. Das bedeutet nicht Unterordnung, sondern beidseitige Anerkennung der Bedürfnisse, auch wenn die nicht immer übereinstimmen. Und die drückt sich manchmal in Rücksicht aus.
Viele Grüße
Vicky

Respekt ist nicht teilbar.
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Re: Selbstannahme und Sehnsucht ...

Post 35 im Thema

Beitrag von Sophia69 »

Hey, Sophie,

glaub mir, ich habe fast 20 Jahre Ehe lang genauso versucht "durch die Augen meines Gegenüber...". Das kannst du machen, wenn dein Gegenüber dir grundsätzlich wohlwollend ist. Dachte ich bei meiner Frau (sonst hätte ich sie ja auch nicht geheiratet), war nur leider nicht so. Das hat sich aber auch erst in den letzten Jahren immer stärker gezeigt und würde besonders krass nach meinem Coming Out.

Hallo Alicia,
um ein Bild meiner Selbst zu erhalten benötige ich immer ein Gegenüber. Dies ist unabhängig davon, ob diese Person mir wohlgesonnen ist oder nicht. Wenn mich zum Beispiel ein Nazis als Tunte beschimpft erhalte ich Informationen wie, dass ich schon mal nicht eine Faschistin bin, dass ich nicht der binären Norm entspreche etc..
Dies zum einen und zum anderen, wie es Vicky ausgedrückt, gibt es verschiedene Lebensentwürfe. Ich habe immer die freie Wahl und diese muss nicht für immer Bestand haben.
Ich persönlich bin froh, mit meiner Frau zusammen zu sein und habe den Eindruck in der Auseinandersetzung mit ihr nicht nur über mein „Trans-„ Frausein, mich weiter zu entwickeln. Nur tun und zulassen all das jenige was ich möchte, wäre nicht nur für mich entwicklunghemend, sondern auch langweilig. 😎
So ist es doch auch gut, wenn du dich von deiner Frau getrennt hast und dich damit wohl fühlst.

VG Sophia
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Re: Selbstannahme und Sehnsucht ...

Post 36 im Thema

Beitrag von Knäckebrötchen »

Sophia69 hat geschrieben: Do 18. Dez 2025, 10:49 Hallo Alicia,
um ein Bild meiner Selbst zu erhalten benötige ich immer ein Gegenüber. Dies ist unabhängig davon, ob diese Person mir wohlgesonnen ist oder nicht. Wenn mich zum Beispiel ein Nazis als Tunte beschimpft erhalte ich Informationen wie, dass ich schon mal nicht eine Faschistin bin, dass ich nicht der binären Norm entspreche etc..
Hi, erst Mal grundsätzlich und das gilt auch für die anderen: es gibt einen Grund, warum ich mich im Forum nicht mit meinem Klarnamen angemeldet habe. Ja, ich habe ihn damals in meiner Vorstellung genannt, hätte das hinterher gerne geändert aber da ging das nicht mehr. Und PNs sind PNs.

Dann, das mit dem Selbstbild ist... Sorry, aber wie ich mich fühle, was mir wichtig ist, was ich bin - das entscheidet doch nicht diese andere Person. Oder - andere Personen. Du kannst versuchen, dein Verhalten an die Bedürfnisse deines Gegenübers anzupassen, wenn Du deren Sicht auf dich verstehst und damit einen Eindruck davon bekommst, wo Du vielleicht etwas ändern müsstest. Aber deine Persönlichkeit wird doch nicht durch dein Gegenüber bestimmt.

Du merkst also erst, dass du nicht ins angebliche binäre Schema passt, wenn dir das jemand anderes sagt? Wild. Ich wusste das, weil ich das in mir gespürt habe. Das war mir klar, obwohl der Rest der Welt davon nichts mitbekommen hat. Und das ich Anarchistin bin, das muss ich nicht dadurch erfahren, dass mir jemand anderes sagt, ich sei keine CDU-Wählerin o.O was ist denn das für eine Perspektive? Das Bewußtsein dafür entwickelt sich doch aus meiner Beschäftigung mit dem Thema, nicht weil mir jemand anderes diesen Stempel aufdrückt - oder ich ihn mir selbst aufdrücke, als Reaktion auf eine Aktion meines Gegenübers...

Oder anders formuliert: das ich keine Faschistin bin, weiß ich, weil ich die Ideologie ablehne, nicht weil mich ein vermeintlicher Nazi beleidigt. Das sagt mir nur, dass diese Person ein A*** ist. Das wiederrum wird der als durch mich gespiegeltes Selbstbild wohl kaum übernehmen ;)

Ihr macht, wie ihr denkt. Wenn euch das so gefällt, bin ich die Letzte, die euch das ausreden wollte.
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Re: Selbstannahme und Sehnsucht ...

Post 37 im Thema

Beitrag von Sophia69 »

Knäckebrötchen hat geschrieben: Do 18. Dez 2025, 12:38 Hi, erst Mal grundsätzlich und das gilt auch für die anderen: es gibt einen Grund, warum ich mich im Forum nicht mit meinem Klarnamen angemeldet habe. Ja, ich habe ihn damals in meiner Vorstellung genannt, hätte das hinterher gerne geändert aber da ging das nicht mehr. Und PNs sind PNs.

Dann, das mit dem Selbstbild ist... Sorry, aber wie ich mich fühle, was mir wichtig ist, was ich bin - das entscheidet doch nicht diese andere Person. Oder - andere Personen. Du kannst versuchen, dein Verhalten an die Bedürfnisse deines Gegenübers anzupassen, wenn Du deren Sicht auf dich verstehst und damit einen Eindruck davon bekommst, wo Du vielleicht etwas ändern müsstest. Aber deine Persönlichkeit wird doch nicht durch dein Gegenüber bestimmt.

Du merkst also erst, dass du nicht ins angebliche binäre Schema passt, wenn dir das jemand anderes sagt? Wild. Ich wusste das, weil ich das in mir gespürt habe. Das war mir klar, obwohl der Rest der Welt davon nichts mitbekommen hat. Und das ich Anarchistin bin, das muss ich nicht dadurch erfahren, dass mir jemand anderes sagt, ich sei keine CDU-Wählerin o.O was ist denn das für eine Perspektive? Das Bewußtsein dafür entwickelt sich doch aus meiner Beschäftigung mit dem Thema, nicht weil mir jemand anderes diesen Stempel aufdrückt - oder ich ihn mir selbst aufdrücke, als Reaktion auf eine Aktion meines Gegenübers...

Oder anders formuliert: das ich keine Faschistin bin, weiß ich, weil ich die Ideologie ablehne, nicht weil mich ein vermeintlicher Nazi beleidigt. Das sagt mir nur, dass diese Person ein A*** ist. Das wiederrum wird der als durch mich gespiegeltes Selbstbild wohl kaum übernehmen

Ihr macht, wie ihr denkt. Wenn euch das so gefällt, bin ich die Letzte, die euch das ausreden wollte.
Hallo Knäckebrötchen
zunächst einmal sorry, dies mit deinem Namen wusste ich nicht.
Natürlich entscheidet nicht eine andere Person, wie du fühlst, was dir wichtig ist! Es geht viel mehr darum, den Abgleich zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung vorzunehmen, um ein realistisches Selbstbild zu erhalten. So wie du sagtst, bist du Anarchistin, dies denkst du, weil du mit Anarchismus bestimmte Dinge verbindest die du lebst. Wenn aber zum Beispiel in deinen Umfeld einige Personen dir zurückmelden würden, dass du subtil versuchst schwächere Person zu beherrschen oder sie zu etwas zu zwingen, dann kannst du zwar theoretisch jede Art von Herrschaft und Zwang ablehnen, aber die freiwillige Kooperation und Selbstorganisation verbunden mit gegenseitiger Hilfe, die den Kern des Anarchismus ausmachen, wenn du diesen nicht lebst, dann bist du auch keine Anarchisten.
Also, alle meine Gegenüber tragen wie bei einem Mosaik dazu bei, dass ich ein realistisches Selbstbild erhalte und somit letztendlich auch zu meiner Persönlichkeitsentwicklung. Auch für mich gilt, wie es Vicky schon betont hat, ich lebe gerne und freigewählt mit meiner Frau zusammen und erst dadurch, dass mir ihre Grenzen in unserem Zusammenleben aufgezeigt werden, lerne ich mich selber immer besser kennen. Nämlich, indem ich registriere, was dann in mir ausgelöst wird und wie ich damit umgehe. Dies heißt nicht, dass ich mich unterwerfe oder aber meine Interessen durchdrücken möchte.
Ich sehe es so, wie wenn man verliebt ist und die Begehrte alles für mich tut und mir nach dem Mund redet, dann ist die Attraktivität sofort verschwunden. Erst wenn auf Augenhöhe mal ein wenig Gegenwind aufkommt, neue Positionen ins Spiel gebracht werden, bleibt die Geliebte für mich interessant. (he)

VG Sophia
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Re: Selbstannahme und Sehnsucht ...

Post 38 im Thema

Beitrag von Lana »

Vicky_Rose hat geschrieben: Do 18. Dez 2025, 07:09 ich denke, es geht nicht darum, welches Modell das Geeignetere ist, sondern dass es viele Wege zu einem persönlichen Ziel gibt
So ist es. Wir sind alle verschieden, haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht und streben jeweils einem individuellen Ziel zu.

So könnte es zumindest sein, wenn wir uns soweit reflektieren könnten, um diese Zusammenhänge zu verstehen. Aber dazu sind wir in der Regel zu sehr mit uns und unserer Vergangenheit verstrickt. So werden wichtige Erfahrungen nicht als solche erkannt, Ziele bleiben diffus und der Weg dorthin ein großes Fragezeichen.

Wenn ich mal versuche, zwei Schritte zurück zu gehen und das Thema direkt auf mich beziehen, dann steht da an erster Stelle "Selbstannahme".
Das könnte ein Ziel sein, das es wert ist verfolgt zu werden, auch wenn es unbequem wird oder schmerzhaft.

Schaue ich bei mir, wie es damit steht, dann stelle ich keine großen Abweichungen zwischen Wunsch und Wirklichkeit fest. Insofern ist der zweite Aspekt dieses Fadens, die Sehnsucht, nicht sehr stark ausgeprägt. Sie kommt immer mal wieder kurz an die Oberfläche, wenn neue Gedanken auftauchen. Meist vergeht sie rasch wieder, wenn ich dieses "Neue" möglichst objektiv betrachte und in den Gesamtkontext meines Lebens stelle.

Schwieriger wird es, wenn es alte Gedanken und Ideen sind, die immer mal wieder auftauchen. Da fällt mir die Einordnung mitunter schwer. Schließlich erscheinen sie nicht nur aufgrund ihrer Neuheit attraktiv, sondern sind schon lange bekannt, aber (noch?) nicht vergessen.
Dazu gehören Aspekte meiner Transidentität, die nicht wirklich neu sind und die ich alle bereits in der einen oder anderen Form ausprobieren konnte. Der Reiz des Unbekannten kann es also nicht sein. Es geht vielmehr darum, sie besser in mein Leben zu integrieren als bisher.

An dieser Stelle kommt meine Partnerschaft ins Spiel. Da gibt es Widerstand gegen bestimmte Outfits, gegen Makeup, gegen das Tragen von Silies. Um nur mal ein paar Beispiele zu nennen.

Ich kann das alles machen, und meine Partnerin weiß davon. Sie möchte es aber nicht sehen und auch nicht mit mir zusammen sein, wenn ich "so" bin. Das bedeutet, dass es Bereiche gibt, in denen wir nicht zusammenkommen. Ich glaube, das hattest du schon irgendwo erwähnt, liebe Vicky, und auch, dass man das akzeptieren muss.

Jedenfalls entwertet dies die anderen Aspekte der Beziehung nicht. Jeder von uns beiden hat seine kleinen Freiräume, von denen der andere zwar weiß, sich aber nicht weiter darum kümmert.

Also kann ich leben wie ich möchte?
Manchmal, aber nicht immer. Weil es Situationen gibt, wo es aus irgendwelchen Gründen doch nicht passt. Das bewegt sich für mich meistens auf einem Niveau, wie wenn ich mich für andere Alltagssituationen "passend" kleide, mich also den Anforderungen von außen füge und darauf Rücksicht nehme. So handhabe ich das auch meiner Partnerin gegenüber. Das nimmt bereits den meisten Druck aus der Situation.

Die meisten werden mitbekommen haben, dass mein Auftreten in der Öffentlichkeit eher auffällig ist. Knäckebrötchen hat das auch schon als "Paradiesvogel" bezeichnet. Das bin ich gerne. Die unsichtbare graue Maus war ich lang genug.
Mir geht es aber nicht ums Auffallen an sich, sondern mein bevorzugter Kleidungsstil wird nun mal als auffällig wahrgenommen. Was kann ich dafür, dass mir Jeans und Turnschuhe nicht gefallen? Sonst würde ich das tragen...

Also ist es eine Geschmacksfrage?
In Teilen sicherlich, wobei die Auffälligkeit auch dann gegeben ist, wenn man meine modischen Vorlieben teilt. Damit muss man umgehen, wenn man mit mit zusammen unterwegs ist. Meiner Partnerin ist das zu anstrengend. Sie möchte nicht im Mittelpunkt stehen. Ich nehme das anders wahr, ich fühlte mich wohl und freue mich über die Aufmerksamkeit. Wobei sie sich tatsächlich in Grenzen hält, aber meine Partnerin jeden Blick von Passanten registriert.

Eigentlich geht es "nur" noch um dieses Thema, wenn ich von Rücksichtnahme schreibe. Das hatte ich in meinem letzten Beitrag gemeint, als ich schrieb:
Lana hat geschrieben: Do 18. Dez 2025, 00:04 Der Rest sind Äußerlichkeiten.
LGL
Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.
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Re: Selbstannahme und Sehnsucht ...

Post 39 im Thema

Beitrag von Sophia69 »

Lana hat geschrieben: Do 18. Dez 2025, 20:16 Wenn ich mal versuche, zwei Schritte zurück zu gehen und das Thema direkt auf mich beziehen, dann steht da an erster Stelle "Selbstannahme".
Das könnte ein Ziel sein, das es wert ist verfolgt zu werden, auch wenn es unbequem wird oder schmerzhaft.

Schaue ich bei mir, wie es damit steht, dann stelle ich keine großen Abweichungen zwischen Wunsch und Wirklichkeit fest. Insofern ist der zweite Aspekt dieses Fadens, die Sehnsucht, nicht sehr stark ausgeprägt. Sie kommt immer mal wieder kurz an die Oberfläche, wenn neue Gedanken auftauchen. Meist vergeht sie rasch wieder, wenn ich dieses "Neue" möglichst objektiv betrachte und in den Gesamtkontext meines Lebens stelle.
Hallo Lana und alle anderen Interessentinnen,
gerne möchte ich eine vielleicht etwas anderer Sichtweise auf den Aspekt Sehnsucht, betrachtet man diese als Abweichung von Wunsch und Wirklichkeit ,wie es Lana ausdrückt, einbringen. Inspiriert durch den Vierzeiler von Joseph von Eichendorff:

Ich suche die blaue Blume
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

So sehr ich mich auch selbst annehme, indem ich mich nicht mehr verstecke und immer mutiger lebe, so, wie ich mich fühle, führt es trotzdem nicht dazu, dass der Gedanke und die Sehnsucht danach, als Mädchen geboren worden zu sein, sich abschwächt. Natürlich akzeptiere ich die Tatsache, dass es nun einmal anders gekommen ist und ich in einem männlichen Körper hineingeboren bin. So wie es Vicky bereits mehrfach betont hat, dass auch selbst, wenn frau eine GaOP durchführen lässt, sie nie eine cis Frau sein werde. Andererseits fühle ich mich ganz und gar als vollwertige Frau, denn ich sehe es genauso wie Judith Butler, dass unser festgestelltes Geschlecht bei der Geburt nicht darüber bestimmt, welches Gender wir haben bzw. wer wir sind!
So bleibt mir die Sehnsucht wohl stets erhalten, dass mir mein gutes Glück in einem Frauenkörper blüht. Diese Sehnsucht mag aber auch eine positive Seite in sich tragen, nämlich so wie es von Professorin, Dr. Alexandra M. Freund ausgedrückt wurde: "Jeder Mensch kennt das bittersüße Gefühl der Sehnsucht. Sehnsucht ist ein Ziehen in der Brust, es schmerzt, aber Sehnsucht ist auch ein schönes Schwelgen in den Vorstellungen von dem großen Glück".

Nun hadere ich ganz und gar nicht damit, dass diese Sehnsucht beständig sein wird, sondern erfreue mich daran, dass ich mir mehr und mehr mein Leben als Frau erschließe und zu meinem großen Glück dies weiter in einer Partnerschaft mit meiner Frau, in der mein Frausein nicht immer leicht für beide Seiten ist, aber wir weiterhin eine tragende und glückliche Beziehung leben.

Liebe Grüße
Sophia
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Re: Selbstannahme und Sehnsucht ...

Post 40 im Thema

Beitrag von Lana »

Liebe Sophia,

Danke für deine Gedanken :P

Das hier verstehe ich nicht:
Sophia69 hat geschrieben: Mo 22. Dez 2025, 19:52 Natürlich akzeptiere ich die Tatsache, dass es nun einmal anders gekommen ist und ich in einem männlichen Körper hineingeboren bin. So wie es Vicky bereits mehrfach betont hat, dass auch selbst, wenn frau eine GaOP durchführen lässt, sie nie eine cis Frau sein werde. Andererseits fühle ich mich ganz und gar als vollwertige Frau, denn ich sehe es genauso wie Judith Butler, dass unser festgestelltes Geschlecht bei der Geburt nicht darüber bestimmt, welches Gender wir haben bzw. wer wir sind!
So bleibt mir die Sehnsucht wohl stets erhalten, dass mir mein gutes Glück in einem Frauenkörper blüht.
Was ist denn nun?
Du akzeptierst deinen männlichen Körper, fühlst dich frei nach Butler "ganz und gar als vollwertige Frau", und trotzdem glaubst du, dass dir dein "gutes Glück in einem Frauenkörper" blühen würde. Warum?

Der Widerspruch zwischen Anatomie (Sex) und Geschlechtsidentität (Gender) ist längst aufgelöst, du übernimmst dieses Konstrukt zur Definition deiner Identität. Also müsste doch alles gut sein?
Woher kommt diese Sehnsucht nach dem weiblichen Körper, wenn du doch mit deiner Anatomie im Reinen bist?

Bitte nicht falsch verstehen, ich möchte dich nicht ärgern, sondern ermutigen, diesen Punkt besser zu klären. Für dich, damit du weißt, wie du dran bist, mit wem du es zu tun hast.

Vielleicht ist es auch klar für dich, und ich habe es nur nicht verstanden. Dann ist alles gut, weil es um dich geht, und nicht um mich.

LGL



In aller Kürze mein Umgang damit:
Ich habe mir ein für mich funktionierendes Konstrukt gebastelt, dass mich mit meiner (glücklicherweise vorteilhaften) Anatomie versöhnt. Oberweite ist mit Silies frei wählbar zwischen Null und C, der Genitalbereich lässt sich einfach und unkompliziert verbergen, Körperbehaarung ist so gut wie nicht vorhanden.
Was mich tatsächlich am meisten stört ist mein Gesicht und der lästige Bartwuchs, dem nur mit viel Mühe beizukommen ist. Als "Ausgleich" gibt's volles, langes Kopfhaar, das diese kleinen "Unzulänglichkeiten" überkompensiert.
Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.
Blaise Pascal
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Re: Selbstannahme und Sehnsucht ...

Post 41 im Thema

Beitrag von Sophia69 »

Lana hat geschrieben: Mo 22. Dez 2025, 23:55 Liebe Sophia,

Danke für deine Gedanken :P

Das hier verstehe ich nicht:
Sophia69 hat geschrieben: Mo 22. Dez 2025, 19:52 Natürlich akzeptiere ich die Tatsache, dass es nun einmal anders gekommen ist und ich in einem männlichen Körper hineingeboren bin. So wie es Vicky bereits mehrfach betont hat, dass auch selbst, wenn frau eine GaOP durchführen lässt, sie nie eine cis Frau sein werde. Andererseits fühle ich mich ganz und gar als vollwertige Frau, denn ich sehe es genauso wie Judith Butler, dass unser festgestelltes Geschlecht bei der Geburt nicht darüber bestimmt, welches Gender wir haben bzw. wer wir sind!
So bleibt mir die Sehnsucht wohl stets erhalten, dass mir mein gutes Glück in einem Frauenkörper blüht.
Was ist denn nun?
Du akzeptierst deinen männlichen Körper, fühlst dich frei nach Butler "ganz und gar als vollwertige Frau", und trotzdem glaubst du, dass dir dein "gutes Glück in einem Frauenkörper" blühen würde. Warum?

Der Widerspruch zwischen Anatomie (Sex) und Geschlechtsidentität (Gender) ist längst aufgelöst, du übernimmst dieses Konstrukt zur Definition deiner Identität. Also müsste doch alles gut sein?
Woher kommt diese Sehnsucht nach dem weiblichen Körper, wenn du doch mit deiner Anatomie im Reinen bist.

Hallo Lana,
Vielleicht habe ich mich zu kompliziert ausgedrückt. Neuer Versuch: Trotz meines biologisch nicht cis Frauenkörper fühle ich mich als Frau, dies lass ich mir nicht absprechen. Dennoch bleibt und besteht die Sehsucht danach eine cis Frau zu sein.

LG Sophia
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Re: Selbstannahme und Sehnsucht ...

Post 42 im Thema

Beitrag von Sophia69 »

girlnamedliz hat geschrieben: Di 18. Nov 2025, 23:59 Liebe Sophia,
Sophia69 hat geschrieben: Di 18. Nov 2025, 20:28 deshalb habe ich großes Interesse daran mehr darüber zu erfahren, wie sich die GAOP auf das Selbstempfinden und auch möglicherweise auf die Ehe auswirken kann. Somit möchte ich höflich anfragen, ob du gewillt bist, deine persönlichen Erfahrungen, die du sammeln wirst, mit mir zu teilen.
Das tue ich gern - aber erstmal muss ich diese Erfahrungen sammeln. Vielleicht magst Du mich im spaeten Januar mal dran erinnern?

LG, Liz
Hallo Liz,
ich hoffe du bist wohlauf und dir geht es körperlich wie mental gut! )))(: Bist du schon bereit, deine Erfahrungen nun als Frau zu teilen?

Ganz herzliche Grüße
Sophia
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Re: Selbstannahme und Sehnsucht ...

Post 43 im Thema

Beitrag von Lana »

Liebe Sophia,

Du hast das Thema zwar aus einem anderen Grund wieder aus der Versenkung geholt, aber ich ergreife dennoch gerne die Gelegenheit, noch ein paar Gedanken zu liefern und nehme jetzt einfach mal an, dass deine Aufforderung noch gilt:
Sophia69 hat geschrieben: Mo 24. Nov 2025, 21:49kommentiert einfach meine Gedanken, wenn ihr Lust dazu habt!

Sophia69 hat geschrieben: Mo 24. Nov 2025, 21:49...so mich zu geben, wie ich empfinde, ich mich fühle, ich wahrnehme und denke. Als Frau! Dies beinhaltet sicherlich eine Menge TNT :) Denn wie fühlt eine Frau? oder gar zwei Frauen und Frauen allgemein
Das ist genau die Frage, die ich nicht beantworten kann. Nicht für mich, und für andere erst recht nicht. Daher beschäftigt mich diese Frage nicht mehr. Sie ist sozusagen irrelevant geworden, als ich für mich verstanden habe, dass es nicht wichtig ist, ob ich "Frau bin" oder mich als "Frau fühle". Ich weiß, dass einige hier großen Wert auf diese Unterscheidung legen. Aber für mich ist "Frau" nichts greifbares, sondern eine abstrakt-diffuse Kategorie, unter der sich alle was anderes vorstellen. Und weil sie so unklar ist, bringt sie mich bei der Identitätssuche nicht weiter.

Klar, ich könnte mir den Schuh anziehen und mich mit dem Label "Frau" schmücken. Aber was könnte ich dadurch gewinnen, wo dieser Begriff doch nichts erklärt? Es wäre nur eine scheinbare Klarheit, eine einfache Antwort auf die Frage aller Fragen:

Was bist du?

Und doch löst sie keines meiner Probleme, trifft nicht den Kern meines Anliegens, nämlich zu wissen, wer ich bin.
Sophia69 hat geschrieben: Mo 24. Nov 2025, 21:49So kreist das Mantra "ich bin eine Frau" einen erheblichen Anteil des Tages in meinem Kopf. Käme es nicht mehr wieder, dann vermute ich, werde ich es geschafft haben mich endgültig als Frau anzunehmen.
Nun, ich habe ja gerade beschrieben, warum diese Frage mich nicht mehr beschäftigt. Deine vermutete Folge, nämlich dass man sich dann endlich als Frau angenommen habe, ist bei mir nicht eingetreten. Oder, um genau zu sein, nicht in dieser Form.

Ich habe gelernt, mich mit meiner Individualität anzunehmen. Dazu braucht es keine Kategorie, in die ich eingeordnet werde. Ich brauche auch keine Kategorie, um mich zuzuordnen. Wozu denn?
Ich bin ich. So wie ich geworden bin im Laufe der Jahre, aus dem, was schon immer da war und sich nach und nach formiert. Das ist komplex, unübersichtlich, widersprüchlich, nicht vorhersagbar.

Alles ist, wie es ist.

Mein Körper.
Meine Gefühle.
Mein Geist.
Mein Herz.

Ich muss es nicht in eine Kategorie pressen, nur um eine einfache Antwort geben zu können, wenn man mich fragt, was ich denn sei.

Aber ich muss damit gut leben können, zunächst einmal für mich, und dann mit den Menschen um mich herum, die mir wichtig sind. Ich muss mich selbst annehmen, nicht ein unklares Konzept, das "Frau" genannt wird.

Vielleicht ist es unbefriedigend, sich nicht "erklären" zu können. Aber warum wird das von mir wie selbstverständlich erwartet, und von cis Menschen nicht?
Sophia69 hat geschrieben: Mo 24. Nov 2025, 21:49 Ist dazu es denn notwendig, in meinem Fall, in den Spiegel zu schauen und einen "real" weiblichen Körper zu entdecken. Schaffe ich es nicht mit der Selbstannahme, indem ich Judith Butlers Aussagen folgen kann und meine Physiognomie vollkommen irrelevant für meine Weiblichkeit ist? Anscheinend nicht, somit bleibt die Sehnsucht, welche mich im o.g. positiven Sinne in Bewegung hält, um weiter meine Weiblichkeit zu erforschen und zu nähren.

Ich würde die Aussage von Butler umkehren. Wie wäre es damit:
Weiblichkeit ist vollkommen irrelevant für die Akzeptanz meiner Identität?

Du siehst, da steht noch ein Fragezeichen am Ende des Satzes. Und das ist wohl der Grund, warum ich überhaupt meine Gedanken aufschreibe. Wenn es denn tatsächlich so einfach wäre, dann würde ich mich von deinen Überlegungen überhaupt nicht inspirieren lassen. Aber der Gedanke, wie es wäre, einen cis-weiblichen Körper zu haben, ist mir durchaus vertraut. Auch meine Kleidung entspricht in vielem den typisch weiblichen Klischees. Also hat "Weiblichkeit" doch irgendeine Bedeutung für mich?

Warum lehne ich dann die Kategorie "Frau" für mich ab? Obwohl es mir große Freude bereitet, ihrem Äußeren nahe zu kommen?

- Und im Inneren, wie sieht es da aus?
Jedenfalls nicht "typisch männlich". Das ist schon immer so, wurde aber sehr lange nicht richtig von mir verstanden. Und da liegt wohl auch des Pudels Kern:

Mein Inneres kann ich nicht nach außen kehren. Es ist unsichtbar. Was ich aber tun kann, ist mein Äußeres mit dem Inneren in Übereinstimmung zu bringen. Deshalb sehe ich so aus, trete ich so auf, wie ich es mache. Performing Gender, ganz im Sinne von Butler. Aber nicht um der Performanz willen, sondern um den Bruch zwischen Innen und Außen zu kitten.

Dafür nutze ich die weibliche Garderobe.
Nicht um "Frau" zu sein, oder mich so zu fühlen.

Ich möchte mich spüren.
Als das, was ich bin.

Wenn andere dann eine Frau in mir sehen freue ich mich darüber, auch wenn ich es selbst anders sehe. Aber es kommt meiner inneren Wahrheit immer noch am nächsten.

LGL
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Post 44 im Thema

Beitrag von Knäckebrötchen »

Lana hat geschrieben: Mo 26. Jan 2026, 23:13 Das ist genau die Frage, die ich nicht beantworten kann. Nicht für mich, und für andere erst recht nicht. Daher beschäftigt mich diese Frage nicht mehr. Sie ist sozusagen irrelevant geworden, als ich für mich verstanden habe, dass es nicht wichtig ist, ob ich "Frau bin" oder mich als "Frau fühle". Ich weiß, dass einige hier großen Wert auf diese Unterscheidung legen. Aber für mich ist "Frau" nichts greifbares, sondern eine abstrakt-diffuse Kategorie, unter der sich alle was anderes vorstellen. Und weil sie so unklar ist, bringt sie mich bei der Identitätssuche nicht weiter.
Hi Lana,

ein kleiner Gedanke dazu: Vielleicht weil "Frau" und "Mann" keine individuelle Frage ist, sondern eine Gruppenzugehörigkeit beschreibt? Ich habe ja zu Beginn meiner Transition auch etliche Gespräche mit Freunden und Bekannten geführt und niemand von den Menschen, die sich selbst als "Frau" oder "Mann" identifizieren, konnte mir erklären, was genau diese Empfindung eigentlich ausmacht.

Das ist ja auch einer der Gründe, warum mir das hier so oft perpetuierte "die eigene Weiblichkeit spüren/leben" so unbegreiflich ist.

Am Ende war immer das Fazit, das man im Grunde die Gruppenmerkmale auf sich beziehen und mit sich in Einklang bringen kann. Das heißt, am Ende bildet "Weiblichkeit" eine Wolke aus Attributen, die mehr oder weniger stark ausgeprägt mit dem eigenen Empfinden resoniert. Aus trans* Perspektive sehe ich also die Gruppenmerkmale (Stereotype) "meiner" Gruppe und finde wenig Resonanz. Die finde ich eher in der anderen Gruppe - und darum möchte ich das Team wechseln.
Lana hat geschrieben: Mo 26. Jan 2026, 23:13Aber warum wird das von mir wie selbstverständlich erwartet, und von cis Menschen nicht?
Das wird von dir erwartet, weil Du behauptest, nicht ins Team zu passen. Wenn ich nach allen von außen erkennbaren Merkmalen her dem einen Team angehöre und die Zugehörigkeit ja eben automatisch passiert, keine klaren Regeln hat und die Team-Identität schon viel Spielraum und Freiheiten lässt - und ich jetzt hergehe und sage "ich bin aber Teil des anderen Teams", dann liegt die Frage nach dem "warum?" schon auf der Hand.

Natürlich hat niemand ein Recht auf eine Antwort (bevor hier wieder die Hutkrempen hochgehen). Aus Sicht eines Menschen, der sich mit seinem Geburtsgeschlecht identifizieren kann, ist dieses Empfinden halt schwer nachvollziehbar. Schon allein, weil man sich halt nie Gedanken dazu macht. Warum denn auch? Warum sollte ich mir die Frage nach meiner Identität stellen, wenn doch alles passt?

So ähnlich hatte das eine Person in einem Podcast beschrieben, die aus ihrem Heimatstädchen ausgezogen ist, dann festgestellt hat, sie empfindet lesbisch und erst im Zurückkehren und in der Kommunikation mit ihren Freunden bemerkt hat, dass nur sie dieses Unwohlsein in der Jugend empfunden hat - dieses Gefühl nicht dazu zu gehören, anders zu sein. Für alle anderen war es einfach selbstverständlich, sich eine Partnerperson aus der anderen Gruppe zu suchen. Das wurde nicht hinterfragt, weil es kein Unwohlsein, keine Dissonanz ausgelöst hat.

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Als Frau empfinde ich mich da, wo ich mich als Teil dieser Gruppe wahrnehme. Aus mir selbst heraus empfinde ich mich als Mensch.
Als Frau sehe ich mich da, wo meine Reflektion mir einen Menschen zeigt, der im weitesten feminin wirkt.

Das eine ist emotional und braucht keine physische Repräsentanz (Identität), das andere ist knallhart mein Körper, der inzwischen deutlich mehr zu mir passt als früher. Das körperliche kann ich durch Kleidung unterstützen, viel wichtiger (für mich) sind aber HRT und GaOP.
Sapphic | Trans* | Femme
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Beitrag von Sophia69 »

Lana hat geschrieben: Mo 26. Jan 2026, 23:13 - Und im Inneren, wie sieht es da aus?
Jedenfalls nicht "typisch männlich". Das ist schon immer so, wurde aber sehr lange nicht richtig von mir verstanden. Und da liegt wohl auch des Pudels Kern:

Mein Inneres kann ich nicht nach außen kehren. Es ist unsichtbar. Was ich aber tun kann, ist mein Äußeres mit dem Inneren in Übereinstimmung zu bringen. Deshalb sehe ich so aus, trete ich so auf, wie ich es mache. Performing Gender, ganz im Sinne von Butler. Aber nicht um der Performanz willen, sondern um den Bruch zwischen Innen und Außen zu kitten.

Dafür nutze ich die weibliche Garderobe.
Nicht um "Frau" zu sein, oder mich so zu fühlen.

Ich möchte mich spüren.
Als das, was ich bin.
Hallo Lana,
zunächst einmal vielen Dank für das Teilen deiner Gedanken!
Du sprichst hier von"typisch männlich", dies gibt es meiner Meinung nach genauso wenig wie "typisch weiblich". Was ist denn dann männlich oder weiblich? Müssen wir uns dann nicht alle nur als Individuen betrachten? Aber in diesem Gedankenkonstrukt kommt keine wirkliche Sinnhaftigkeit für mich. Denn um, wie du es so schön bezeichnest, den Bruch zwischen Inneren und Äußeren, welchen ich auch empfinde, zu kitten, greife ich immer wieder zu typischer, und die gibt es ja, weiblicher Kleidung. Auch mich zu schminken ist mir ein Bedürfnis. Letztendlich auch meinen Körper, dem einer cis Frau angleichen zu wollen. All dies spielt sich in einer tiefen Sehnsucht nach Weiblichkeit, dies ist ja eigentlich, zumindest nicht klar definierbar gibt oder in irgendeiner Form verallgemeinert werden könnte, ab.
Das einzige, was mir gewiss ist, ist, dass ich mich so wie ich Weiblichkeit verstehe, mich am wohlsten fühle, wenn ich mich selbst als Frau akzeptieren kann. Auf der einen Seite sollte es meiner Meinung nach doch selbstverständlich sein, dass wir uns alle als Individuen betrachten, also sein dürfen, wie wir wollen, keine Schubladen benötigen, auf der anderen Seite möchte ich doch klar weiblich sein und zu der Spezi Frau zählen. Welch Ambivalenz :lol:

Liebe Grüße
Sophia
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