Alice, du legst den Finger gern in die Wunde, nicht wahr
Deine Zuspitzungen können provozierend wirken, aber ich weiß, dass das nicht deine Absicht ist. Zumindest nicht in erster Linie. Insofern bringen sie das Problem auf den Punkt, und all die anderen Aspekte vernebeln nicht die Sicht.
Knäckebrötchen hat geschrieben: Mi 17. Dez 2025, 23:22
Welche Art von Frau bin ich denn eigentlich? Die, die ich in mir selbst entdecke und die sich nach eigenem Tempo aus ihrem Kokon befreien darf, oder die, die immer nur im (wertenden) Spiegel dieser anderen Person gerade so viel sein darf, bis es dieser anderen Person zu viel wird?
Ja, im Kern geht es darum. Wer bin ich wirklich, und wer darf/kann ich unter den gegebenen Umständen sein?
Oder, als Möglichkeit formuliert:
Wie würde ich mich entwickeln, wenn ich keine Rücksicht auf meine Partnerin nehmen würde?
Im Raum steht immer, mein Potential nicht voll zu entfalten, mein Leben nicht ganz zu leben, mit allen Facetten, die in mir angelegt sind, aber noch auf ihre Verwirklichung warten. Und der Angst, dies irgendwann zu Bereuen, wenn es zu spät dafür ist.
Bisher bin ich ganz gut damit zurecht gekommen, all den Dingen in mir ihren Platz und ihre Priorität zuzuweisen. Dachte ich zumindest viele Jahre lang. Beim Thema Trans ist das nicht so. Meine alten Strategien, es zu unterdrücken und zu ignorieren, funktionieren nicht mehr. Es gelingt nicht, mir einzureden, dass schon alles gut ist, so wie es ist. Das ist neu für mich. Immer noch, auch nach einigen Jahren noch. Weil es nicht mehr funktioniert, äußerlich angepasst nach den Bedürfnissen von anderen Menschen zu leben und innerlich alles Eigene zu verleugnen, weil es zu Konflikten führen könnte.
Also treten diese Konflikte nun offen zu Tage. Am deutlichsten sichtbar wird das in der Konstellation, die in dem zitierten Text von dir beschrieben ist. Das ist der Punkt, an dem ich mich entscheiden muss, wie ich mein Leben verbringen möchte. Natürlich hätte ich gerne beides, eine glückliche Partnerschaft und alle Freiheiten bei der eigenen Entwicklung, nicht nur in Bezug auf meine Geschlechtsidentität. Aber das ist nicht möglich. Es schließt sich in gewisser Weise aus.
Was bleibt?
Vielleicht der Versuch, das beste aus beiden Welten zu kombinieren? Zu hoffen, dass ich mir damit selbst gerecht werde, und zugleich auch den Bedürfnissen meiner Partnerin? Einen Spagat zu versuchen, der mich vielleicht zerreißt? Oder der mir ein erfülltes Leben ermöglicht, wenn er gelingt?
Fragen. Keine Antworten.
Aber (immer noch?) die Überzeugung, dass es besser ist, es zu versuchen als gleich aufzugeben.
Ja klar, ich könnte wer-weiß-wo sein mit meiner Transition, wenn ich mich nicht "freiwillig" selbst beschränken würde, damit die Partnerschaft weiter besteht. Ich habe Zweifel, dass es mir damit insgesamt besser ginge, auch wenn ich hier in diesem Umfeld vielleicht viel Anerkennung erfahren würde. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass das, was allgemein unter "Transition" verstanden wird, mir entspricht. Körperliche Angleichung ist zum Beispiel kein Ziel von mir. Das war von Anfang an eines der wenigen Dinge, wo ich mir sicher war. Daran hat sich nie etwas geändert. Damit gibt es einen großen Konfliktpunkt weniger in der Partnerschaft. Der Rest sind Äußerlichkeiten. Aber nur auf den ersten Blick.
LGL
Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.
Blaise Pascal