Wie geht weinen
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Conny-Andrea
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Wie geht weinen

Post 1 im Thema

Beitrag von Conny-Andrea » Mo 2. Okt 2017, 05:41

Hallo Ihr Lieben,

ich halte mich für einen nüchtern und logisch denkenden, emotionsarmen Menschen. Meiner Erinnerung nach habe ich 1983 bei der Beerdigung meines Stiefvaters und 1986 bei der Geburt meiner Tochter zum letzten Mal geweint. Seitdem gab es viele Gelegenheiten wie Beerdigungen von Freunden und Verwandten, Hiobsbotschaften wegen Krankheiten, o.ä.
Ich bin dann zwar betroffen, bleibe aber völlig ruhig und sachlich. :(

Aber andererseits kullern mir immer wieder Tränen über die Wangen, wenn ich traurige Filme anschaue.

Irgendetwas stimmt doch da nicht. Kommen die Gefühle nur raus wenn ich in einer Fantasiewelt unterwegs bin? Kann ich erst dann loslassen?
Oder hat das was mit m/w zu tun, so nach dem Motto "Ich muss meinen Mann stehen" und "Jungen weinen nicht"?

Hat jemand ähnliche Erfahrungen?

Liebe Grüße von Conny-Andrea

Kelly
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Re: Wie geht weinen

Post 2 im Thema

Beitrag von Kelly » Mo 2. Okt 2017, 09:57

Guten Morgen,
Gute Frage die Du da stellst.Ich denke aber,ich gehe von meinem Fall aus das Jungen/Männer normalerweise ihr ganzes Leben lang auf die Rolle als Mann das heißt Wenig Gefühle zeigen und stark sein konditioniert werden.Ich war!!der einzige Junge in der Familie ,arbeitete lange Zeit als Monteur auf Baustellen und dann als Servicetechniker in einem reinen Männerberuf.Gefühle durfte man nie zeigen sonst wäre ich zum Gespött geworden.Gefühle nicht zeigen zu dürfen ist ein schrecklicher Zustand,ich suchte mir dann immer einen einsamen Platz um den Gefühlen freien Lauf zu lassen.
Seit dem Beginn meiner Transition hat sich das komplett geändert,ich stehe zu meinen Gefühlen und weine lache und zeige es einfach.Ich geniere mich deswegen nicht mehr und mein leben ist auch in dieser Hinsicht viel lebenswerter geworden.
Natürlich muss ich mir ab und zu dann gerade in der Arbeit anhören "Typisch Frau",aber darüber muss ich dann lächeln.
Also, ich denke das hat nichts mit einer Fantasiewelt zu tun sondern einfach nur weil die Umwelt/Gesellschaft es so fordert oder man selbst es so denkt.
Liebe Grüße
Kelly

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Re: Wie geht weinen

Post 3 im Thema

Beitrag von Conny-Andrea » Mo 2. Okt 2017, 10:15

Hallo Kelly,

klingt eigentlich logisch was du sagst, aber auf einem Friedhof könnte man auch als Mann Gefühle zeigen. Mach ich aber nicht, weil da einfach bei mir nichts passiert. Ich brauche also nichts zu unterdrücken. Vielleicht hat es ja mit dem Unterbewusstsein zu tun. Aber das ist genau mein Problem, dass ich nicht verstehe, warum es bei mir so läuft.

Liebe Grüße von Conny-Andrea

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Re: Wie geht weinen

Post 4 im Thema

Beitrag von cristelle » Mo 2. Okt 2017, 10:16

Conny-Andrea hat geschrieben:
Mo 2. Okt 2017, 05:41
Hallo Ihr Lieben,

ich halte mich für einen nüchtern und logisch denkenden, emotionsarmen Menschen. Meiner Erinnerung nach habe ich 1983 bei der Beerdigung meines Stiefvaters und 1986 bei der Geburt meiner Tochter zum letzten Mal geweint. Seitdem gab es viele Gelegenheiten wie Beerdigungen von Freunden und Verwandten, Hiobsbotschaften wegen Krankheiten, o.ä.
Ich bin dann zwar betroffen, bleibe aber völlig ruhig und sachlich. :(

Aber andererseits kullern mir immer wieder Tränen über die Wangen, wenn ich traurige Filme anschaue.

Irgendetwas stimmt doch da nicht. Kommen die Gefühle nur raus wenn ich in einer Fantasiewelt unterwegs bin? Kann ich erst dann loslassen?
Oder hat das was mit m/w zu tun, so nach dem Motto "Ich muss meinen Mann stehen" und "Jungen weinen nicht"?

Hat jemand ähnliche Erfahrungen?

Liebe Grüße von Conny-Andrea
weil wir nur über das weinen was uns im innersten bewegt. was ans fundament geht.....
greetings
cristelle

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Re: Wie geht weinen

Post 5 im Thema

Beitrag von Brigitta » Mo 2. Okt 2017, 10:28

Hallo Conny-Andrea,

ich möchte mich Kelly anschließen. Auch ich bin von Eltern, Schule (Gymnasium nur für Jungen!) und dem Umfeld stets angehalten worden, mich als Mann zu verhalten, stark zu sein (oder zumindest zu scheinen) und keine Gefühle zu zeigen. Das hat sich bei mir bis heute gehalten, denn ich lebe ja nach außenhin weiter als Mann und zeige meine wirklichen Gefühle äußerst selten. )..)c
Dass mir eine Träne aus den Augen rollt, kommt nur vor, wenn ich an Eindrücke aus meiner Kindheit erinnert werde oder wenn es z.B. nahe Verwandte betrifft. Beim Anschauen von Filmen oder Ereignissen, die mich selbst nicht direkt berühren, kann ich nicht weinen; da fehlt mir einfach die emotionale Beziehung. 8)
Aber ich bin mit dieser offensichtlichen Gefühlskälte wohl nicht allein. Such mal im Internet eine Erklärung für den Begriff "Alexithymie" - dann kannst Du sehen, wie viele Menschen, zumeist Männer, dies betrifft.

Liebe Grüße
Brigitta ))):s
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Re: Wie geht weinen

Post 6 im Thema

Beitrag von heike65 » Mo 2. Okt 2017, 10:33

Hm, also bei mir ist das völlig anders.
Ich habe es weder als unmännlich angesehen, noch Angst gehabt das man mich deswegen verspotten könnte.
Ich bleibe vielfach auch anfangs sachlich, aber nur für einen kurzen Augenblick, dann muss es raus, somit kommt es häufiger vor das ich weine, manchmal täglich, und das auch öffentlich wenn mir danach ist.

Heike
Zuletzt geändert von heike65 am Mo 2. Okt 2017, 11:41, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Wie geht weinen

Post 7 im Thema

Beitrag von Saari » Mo 2. Okt 2017, 11:36

Nach dem Tod meiner älteren Schwester hatte ich eine Zeit lang (2 - 3 Jahre) immer wieder Tränen in den Augen.
Ich heulte oft wie ein Schlosshund. Die Gründe sind mir bis heute eigentlich unbekannt.
Am Sonntag in der Kirche oder auch zu Hause am Fernseher etc. pp. Die Anlässe und die örtlichen Begebenheiten waren vielfältig.
Erst in letzter Zeit verflachte es.
Zuletzt geändert von Saari am Di 3. Okt 2017, 16:35, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Wie geht weinen

Post 8 im Thema

Beitrag von Nicole Doll » Mo 2. Okt 2017, 11:50

Hallo Conny-Andrea,

mir geht es genauso wie Dir. Da ist eben diese Prägung, dass ein Mann nicht weint - zumindest nicht öffentlich. Zuhause vor der Glotze guckt aber keiner. Da rollen dann die Tränen bei einer traurigen Szene. Das Unterbewusstsein unterscheidet nicht zwischen Fantasie uns Realität.

Da ich keine Hormonbehandlung mache, bin ich wie Du körperlich noch vollständig Mann, obwohl ich mich geistig immer mehr davon entferne. Aber wieso sollen Hormone einen Einfluss auf diese rein mentale Prägung haben? Es kann doch nur damit zusammen hängen, dass man sich mit der Transition weiblicher fühlt. Durch ein Gymnasium für Jungen und meinen Beruf als Ingenieur ist wohl diese Prägung bei mir wie bei Brigitta sehr stark.

LG Nicole
Jeder glaube an was er will. - Also sprach Zarathustra.

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Re: Wie geht weinen

Post 9 im Thema

Beitrag von MichiWell » Mo 2. Okt 2017, 11:52

Hallo Conny-Andrea,

schon wieder ein spannendes Thema ... danke dafür. )))(:

Zwei Aspekte sehe ich da bei mir ...

Der erste ist die frühe Erkenntnis, dass ich irgendwie anders bin als andere Jungs. Das hat mich dazu gebracht, meine wirklichen Gefühle immer sehr zu verstecken, und zu versuchen, den Erwartungen an das Modell Junge/Mann doch irgendwie gerecht zu werden. Auch wenn meine Eltern Geschlechterstereotypen nicht so sehr in den Vordergrund gestellt haben, habe ich mich dennoch bemüht, diese zu erfüllen, weil sie im Alltag sie sehr präsent waren/sind, und das Leben "da draußen" sonst ein einziger Spießrutenlauf war (und teils immer noch ist). - Als Kind versucht man ja, irgendwie zu überleben.

Der zweite ist die Tatsache, dass ich mir im Laufe der Zeit über bestimmte Dinge klar geworden bin, wie eben die Tatsache, dass das jedes Leben nun mal zu Ende geht. Und anstatt hilflos und verzweifelt in Trauer zu verfallen, und verzweifelt vor Schmerz laut zu weinen und zu kreischen, fand und finde ich die Vorstellung sehr tröstlich, dass dieser Mensch sein Leben gelebt hat, und mich mit ihm wundervolle Erinnerungen verbinden, die mir niemand wegnehmen kann. Es ist eher diese Vorstellung, die mir mit einer Mischung aus Freude und Dankbarkeit die Tränen in die Augen treibt, so wie auch gerade in diesem Moment.

Ich besuche die geliebten Menschen nicht auf dem Friedhof, sondern trage sie in meinem Herzen immer bei mir.


Liebe Grüße
Michi
Der moderne Mensch ist leicht zu lenken, aber nur schwer zu etwas zu bewegen. (Ernst Ferstl)

Wer so tut, als bringe er die Menschen zum Nachdenken, den lieben sie. Wer sie wirklich zum Nachdenken bringt, den hassen sie. (Aldous Huxley)

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Re: Wie geht weinen

Post 10 im Thema

Beitrag von Conny-Andrea » Mo 2. Okt 2017, 13:00

Hallo ihr Lieben,

vielen Dank an alle, die sich hier in so kurzer Zeit beteiligt haben.

Brigitta hat geschrieben:
Mo 2. Okt 2017, 10:28
Beim Anschauen von Filmen oder Ereignissen, die mich selbst nicht direkt berühren, kann ich nicht weinen; da fehlt mir einfach die emotionale Beziehung. 8)
Bei mir ist es aber genau andersherum. Und genau das verstehe ich nicht. Dein Verhalten ist da eher logisch und normal.

Nicole Doll hat geschrieben:
Mo 2. Okt 2017, 11:50
mir geht es genauso wie Dir. Da ist eben diese Prägung, dass ein Mann nicht weint - zumindest nicht öffentlich. Zuhause vor der Glotze guckt aber keiner. Da rollen dann die Tränen bei einer traurigen Szene. Das Unterbewusstsein unterscheidet nicht zwischen Fantasie uns Realität.
Den Satz mit dem Unterbewustsein finde ich sehr interessant, da muss ich mich mal näher mit befassen. (ap)

MichiWell hat geschrieben:
Mo 2. Okt 2017, 11:52
Der zweite ist die Tatsache, dass ich mir im Laufe der Zeit über bestimmte Dinge klar geworden bin, wie eben die Tatsache, dass das jedes Leben nun mal zu Ende geht. Und anstatt hilflos und verzweifelt in Trauer zu verfallen, und verzweifelt vor Schmerz laut zu weinen und zu kreischen, fand und finde ich die Vorstellung sehr tröstlich, dass dieser Mensch sein Leben gelebt hat, und mich mit ihm wundervolle Erinnerungen verbinden, die mir niemand wegnehmen kann. Es ist eher diese Vorstellung, die mir mit einer Mischung aus Freude und Dankbarkeit die Tränen in die Augen treibt, so wie auch gerade in diesem Moment.

Ich besuche die geliebten Menschen nicht auf dem Friedhof, sondern trage sie in meinem Herzen immer bei mir.
Das ist auch genau mein Denkansatz. Aber die Vorstellung dass du im Moment weinst, ist echt rührend. ---)))

Liebe Grüße von Conny-Andrea

Kelly
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Re: Wie geht weinen

Post 11 im Thema

Beitrag von Kelly » Mo 2. Okt 2017, 14:23

Hi,
Hier mal ein Erlebnis aus meinem Leben.Ich wuchs ja als einziger Sohn mit mehreren Schwestern auf und das Verhältnis zu meinem Vater war immer sehr sachlich,kühl ja eigentlich typisch männlich.Ich entsprach nie dergewünschten Männerrolle und war in "Männerrunden" gefühlt immer fehl am Platz.Ich hatte also bis zu meinem Outing nie ein besonders inniges Verhältnis zu meinem Vater.Als ich dann nach längerer Pause aus privaten Gründen wieder Kontakt zu meinem Vater aufnahm weil ich nicht wollte das er von meiner Transition von jemand anderen erfährt suchte ich ihn wieder auf und es wahr das erste mal das ich bei meinem Vater Gefühle erlebte.Ich hatte zu meinem Vater über 40 Jahre kein so enges Verhältnis in dem ich mit ihm über alles reden kann wie jetzt.Vieleicht liegt es daran das er nicht mehr den "typischen Mann" vor mir verkörpern muss.Er wuchs ja in einer sehr schwierigen Zeit auf.
Und in meinem Arbeitsplatz....ich habe Arbeitskolegen die hatten Feuchte Augen bei meinem Outing und mir sehr viel Zuspruch und Unterstützung gaben,aber wohlgemerkt "richtige Mannsbilder" wie man bei uns sagt.
Ich denke aber das nicht soviele Gefühle im Spiel gewesen wären wenn ich mein Outing nicht immer im 4 Augen Gespräch durchgeführt hätte.
Liebe Grüße
Kelly

ChrisTina73
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Re: Wie geht weinen

Post 12 im Thema

Beitrag von ChrisTina73 » Mo 2. Okt 2017, 19:19

Hallo Conny-Andrea,

ich würde Dich jetzt nicht als emotionsarmen Menschen bezeichnen, denn wenn ich mir Deine Worte und Deine Schreibweise im Thread "Wie versteckt Ihr Eure Sachen" anschaue, sehe ich schon einen sensiblen, vorsichtigen Menschen. Vielleicht etwas zu kontrolliert aber da hast Du ja mit BDSM einen Weg gefunden, etwas von dieser Kontrolle aufzugeben. Dann ist da noch Deine Geschichte mit Deiner Frau, Deine innere tiefe "Ergriffenheit" Eures Kennelernens. Ein emotionsarmer Mensch wäre niemals zu solch tiefen Bindungen fähig, geschweige denn, würde diese Situation, wie Du sie beschrieben hast, so wahrnehmen. Ich kann förmlich spüren, wie Du versuchst, die passenden Worte für dieses Ergriffenseins zu finden, wahrscheinlich auch deshalb, weil ich diese "besondere Begegnung" auch schonmal hatte. Andererseits erkennt man an Deiner Art auch, das Du Dich schützt. Und das ist gut so. Ich denke, in nächster Zeit werden sich schon noch Tränen zeigen. Nimm sie einfach an und wenn sich Bilder dazu zeigen, ist es auch okay. Aber es gibt auch andere Wege, Emotionen zu erleben, wie Gänsehaut, Kribbeln im Bauch, Kribbeln in der Lendengegend, oder auch innere Kälte, Klos im Hals.

Wir können jetzt mühselig darüber diskutieren, ob es richtig oder falsch ist, zu sagen, Männer weinen nicht oder ein Indianer kennt kein Schmerz (im übrigen ein für mich in Kindheitstagen prägender Satz), aber auch das ist eine Tatsache und Erfahrung, die zum Leben als Mann gehört. Wenn ich da an meinen Arbeitskollegen aus Kasachstan denke: Er erzählte mir ein wenig von dieser Zeit, wenn er z.B. als Kind mit den Tieren spielte und die hinterher Schlachten musste, damit die Familie etwas zu essen hat und er der "Auserwählte" war. Da war damals kein Platz, über sein persönliches Empfinden zu sprechen. Aber auch jetzt, wo sein Schwiegervater im Koma liegt und sein leiblicher Vater verstorben ist, brauchte er etwas Zeit, um das ganze zu verarbeiten und erzählte mir auch, wie verdutzt er eigentlich war, wie sehr er plötzlich weinen musste. (jetzt nicht vor mir, aber mir erzählte er es). Es war okay, gut und hatte nix verwerfliches, wie ich es ihm dann auch vermittelt hab.

Es gibt Menschen, die wie selbstverständlich die Rolle des Fels in der Brandung annehmen und sie fühlen sich nicht falsch in der Position, einzig der Gedanke kann einen machmal etwas verunsichern, wenn man sieht, das man anders ist.
Hast Du mal Deine Frau gefragt, wie sie Dich empfindet? Oder wie kommst Du auf das Thema weinen? Ich denke, Du hast eine innere starke Vaterfigur und wieso solltest Du ungewöhnlich viel weinen, wenn Du das Leben als das betrachtest und annimmst, wie es ist mit dem Glück einer Frau an Deiner Seite und Deinem Kind? Ich finde auch nix verwerfliches daran, wenn ein Mensch in Situationen nicht weint, wo man es eigentlich erwarten würde, weil jeder Mensch Individuell auf inneren Schmerz/Wut/Trauer reagiert, manchmal auch erst zeitverzögert.

Von mir gibt es ein Foto aus meiner Kindheit als Indianer und die Verbindung zu einem Satz, ein Indianer kennt keinen Schmerz. In überlebenswichtigen Situationen ist er sehr hilfreich doch sollten manche irgendwann das "Ventil" wieder öffnen, bevor sich eine Depression herauskristallisiert, was jetzt nicht bedeutet, des jeder sofort in eine tiefe Depression verfällt. Das ist abhängig von der jeweiligen Persönlichkeit und seiner Schmerzgrenze, seiner inneren Verfassung. Manche Menschen können auch Dinge auf andere Art verarbeiten.

Nach meiner Anmeldung hier begann im August eine sehr intensives Wahrnehmen, was ich schon lange nicht mehr hatte, und wie nah doch Trauer und Lust/Leidenschaft, beieinander liegen. In der Zeit konnte ich auch wieder Schmerzen und Trauer, Wut und Tränen zulassen, die ich längst verarbeitet geglaubt hatte. Dazu muß ich sagen, ich bin Scheidungskind (4-5 Jahre alt), bei meiner Mutter allein (und ihrem zeitweiligen Partnern) aufgewachsen, die dann doch öfter mit der Situation überfordert war (sie war 19 als ich geboren wurde) und mich das hat auch spüren lassen, nicht körperlich sondern eher emotional. Auf der anderen Seite war ich eigentlich oft mit meinem innersten allein gelassen und zusätzlich als "Seelsorge" eingespannt, die Rolle "verselbstständigte" sich irgendwann. Was sich daraus später für ein Frauenbild herauskristalisiert, kann man wohl erahnen. Wenn man dann noch den tiefen Schmerz der Mutter miterlebt, wenn sie vom Ehemann/meinem Vater verlassen wird, wie er durch die Tür mit seinen Sachen verschwindet und später versucht, mich zu entführen und man als Kind "schwört" man wird keine Frau verletzen, gibt das eine sehr interessante Mischung ;) U.a. wird man zum Spielball der Emotionen anderer.

Ich hatte aber auch schon den halben Tag allein zu Hause einen Heulkrampf und konnte ihn nicht so direkt einordnen. Später stellte sich dann heraus, das sich die Frau, die ich ein paar Tage vorher kennengelernt hatte, an jenem Morgen eine Überdosis Tabletten "eingeschmissen" hatte und daran starb. Irgendwann erkannte ich auch, das es eine ähnliche Sache schon in meiner Kindheit gab und ich ohnmächtig davor stand.

Auf der anderen Seite konnte ich den Tod meiner Uroma vor 20 Jahren (sie war damals 91) nie richtig betrauern. Meine Mutter und ich standen am Sterbebett. Ich habe immer noch die Erinnerung an das Gefühl und den Moment, als sie von uns ging. Damals war es mir nur wichtig, meiner Mutter Halt zu geben. Doch in den letzten Wochen konnte dann auch ich langsam Abschied nehmen und mich bei Ihr bedanken, das sie in meiner Kindheit oft auf mich aufgepasst hat und auch in den letzten 20 Jahren immer wieder da war und auf mich achtete. Früher als Kind hatte ich oft Angst, wenn ich bei Ihr war und sie sagte, das Ihr Mann (mein Uropa, der verstarb, als ich noch kein Jahr alt war) in der Nacht bei Ihr war um nach dem rechten zu sehen/ob alles in Ordnung ist. Heute versteh ich auch mein zeitweiliges Gefühl, nicht allein zu sein, was nachts allein im Bett auch schonmal ein wenig unheimlich wirkt.

Dann wiederum gibt es auch manchmal Lieder (Der Text und das Lied von Xavier Naidoo - Bist Du am Leben interessiert z.B.), manchmal sind es auch Bilder in Musikvideos, die eine dermaßen Tiefe Wirkung haben. Da spüre ich dann innerlich so eine tiefe Kraft, ein erkennen setzt ein und plötzlich kommen mir die Tränen aus Freude, oder ich bekomme extreme Gänsehaut im positiven Sinne.

LG

ChrisTina

PS: vielen lieben Dank für die Eröffnung dieses Threads, wo jeder auch sein persönliches erleben schildern darf.

Der Weg hinein scheint für viele rückblickend der Schwierigste, aber auch nur, weil sie den Weg heraus noch nicht gefunden haben...

Mina
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Re: Wie geht weinen

Post 13 im Thema

Beitrag von Mina » Mo 2. Okt 2017, 19:36

Nur ein Satz von mir zu diesem Thema.

"Weinen können bedeutet loslassen zu lernen"
...herrgottnochmal...ich hab Dir doch gesagt, das Du im Keller keine Antimaterie herstellen sollst - wie dämlich sind die Kinder heutzutage...?

Conny-Andrea
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Re: Wie geht weinen

Post 14 im Thema

Beitrag von Conny-Andrea » Mo 2. Okt 2017, 19:46

Hallo ChrisTina,

whow, was für ein starker Bericht. Ich habe ihn gelesen und war wirklich ergriffen. Einfach, klar und verständlich.
Deine Analyse meiner Texte scheint mir zum größten Teil auch richtig zu sein.

Natürlich habe ich auch Gefühle, die ich nur meistens nicht zeigen kann. Ich verstehe nicht, warum ich bei wichtigen Ereignissen stumm bleibe, und bei Nebensächlichkeiten, wie Filme gucken, losheule. Aber Nicole hat vorhin einen interessanten Satz gesagt: "Das Unterbewusstsein unterscheidet nicht zwischen Fantasie und Realität". Und zuhause kann ich vielleicht loslassen und deshalb fließen dort die Tränen.

Aber ich freue mich, wenn dieses Thema auch andere Mädels anspricht. Vielleicht kommen ja noch ein paar Weisheiten ans Tageslicht.

Liebe Grüße von Conny-Andrea

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Re: Wie geht weinen

Post 15 im Thema

Beitrag von Ulrike-Marisa » Mo 2. Okt 2017, 20:52

Hallo zusammen,

...weinen ist ein menschliches Grundbedürfnis und auch eine grundsätzliche Fähigkeit. Ich denke, dass es aber viele Einflussfaktoren gibt, die die Häufigkeit individuell gestalten.
Erziehung ist natürlich ein wichtiger Faktor - Heulsuse und schmerzfreier Indianer seien da mal beispielhaft genannt. Die Gründe oder Anlässe für weinen, sind sehr persönlich zu sehen und jeder Mensch hat da unterschiedliche Schwellen sozusagen, wo die Tränen kommen und nicht mehr zurückzuhalten sind auch bei Beherrschung. Bei mir ist das bei Beerdigungen sogar in Feuerwehruniform so, dass ich die Tränen nicht zurückhalten kann, wenn wir den Sarg tragen oder dann am Grab bei der persönlichen Abschiednahme von einer/nem Kameradin/en; also nicht nur bei Verwandten oder guten Freunden. Auch wenn es mir emotional nicht so gut geht, dann fließen auch schon mal die Tränen - das gehört dazu und ist menschlich.

LG, Ulrike-Marisa

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