Was ist das für eine Welt?!
Was ist das für eine Welt?!

Lebensplanung, Standorte
Antworten
helgafemin
Beiträge: 27
Registriert: Do 14. Mär 2013, 17:18
Pronomen:
Hat sich bedankt: 13 Mal
Danksagung erhalten: 17 Mal

Was ist das für eine Welt?!

Post 1 im Thema

Beitrag von helgafemin » Sa 23. Sep 2017, 12:01

Ein schöner, sonniger Herbsttag gegen 17.00 Uhr. Ich bin am Gartenteich und füttere meine Fische, genieße dabei die Ruhe und die Sonnenstrahlen. Aus diese Idylle werde ich plötzlich gerissen. Der Funkmeldeempfänger ruft mich: Alarm! Meine Frau ruft mir noch über den Balkon zu: „Person in Wohnung“. In der Tiefgarage treffe ich mich mit meinem jüngeren Sohn. Zusammen fahren wir ins Feuerwehrgerätehaus.

Einige Kameraden sind schon da. Eine kurze Absprache, wer welches Fahrzeug besetzt, dann rücken wir mit dem Löschfahrzeug und der Drehleiter zu der angegebenen Adresse aus. Ich habe die Einsatzleitung.

An der Einsatzstelle angekommen, werden wir schon von der Tochter der Mieterin und der Hauseigentümerin erwartet. Die Tochter sagt, dass sie ihre 80-jährige Mutter seit 3 Tagen vergeblich telefonisch zu erreichen versucht. Die Hauseigentümerin erklärt uns, dass sich andere Mieter über den Geruch beklagen, der jetzt – nach mehreren Tagen – unerträglich sei. Verwesungsgeruch ist im Treppenhaus deutlich wahrzunehmen. Wir versuchen die Tür zu öffnen, was mit den auf unserem Fahrzeug vorhandenen Mitteln nicht gelingt. Parallel versuchen wir, uns mit der Drehleiter über den Balkon Zugang zur Wohnung zu verschaffen. Ebenfalls erfolglos. Eine gewaltsame Öffnung der Tür ist nicht mehr angebracht. Zwischenzeitlich sind die Kollegen der Hauptfeuerwache der Berufsfeuerwehr eingetroffen. Sie haben noch anderes Werkzeug dabei, mit der sie die Wohnungstür schließlich nach einiger Zeit öffnen können. Die Mieterin liegt tot im Badezimmer – und das wohl schon seit Tagen oder Wochen.

Ein 6-Familienhaus. Die Rollläden wurden seit langem nicht mehr bewegt. Keiner kümmert sich darum! Erst als der Geruch unerträglich wird, wird die Feuerwehr gerufen!

Auf der Rückfahrt, wir nehmen eine andere Straße und kommen zu einer Engstelle durch falsch parkende Fahrzeuge. Ich muss aussteigen, um unseren Fahrer durchzulotsen. Ich sage ihm, er soll kurz das Martinhorn einschalten, was er auch tut. Es erscheint kurz darauf eine junge Dame mit ihrer Freundin. Ob sie wegfahren soll, fragt sie mich, man kommt doch schließlich durch! Ich erkläre ihr, dass es manchmal auf Sekunden ankommt. Das Durchlotsen durch Engstellen ist enorm zeitaufwendig. Einsicht? Fehlanzeige.

Diese Nacht kann ich nicht ruhig schlafen. Nicht der Einsatz selbst macht mir Kummer. Ich frage mich, wie es sein kann, dass jemand tagelang in einem kleinen Mehrfamilienhaus, wo jeder jeden kennt, tot in der Wohnung liegt, ohne dass sich irgend Jemand darum kümmert oder etwas bemerkt? Die Mitbewohnerin wird nicht vermisst?

Dabei fallen mir weitere Vorgänge ein. Letzte Woche verunglückte in Baden-Württemberg ein Motorradfahrer. Ein Radfahrer kam vorbei und hat angehalten. Nicht um zu helfen, sondern um den Sterbenden zu filmen!!! Dabei wurden noch die Rettungskräfte behindert.

Gestern wieder ein Unfall auf der Autobahn. Die Rettungskräfte hatten große Probleme zur Einsatzstelle zu gelangen. Die Rettungsgasse wurde nicht gebildet.

Woanders steigen Menschen über eine am Boden liegende hilflose Person …

Ist unsere Welt wirklich so unmenschlich geworden, dass uns alles gleichgültig ist? Schauen wir nur noch dann hin, wenn es etwas zu gaffen gibt?

Manchmal frage ich mich, warum ich mir den Feuerwehrdienst bei einer Freiwilligen Feuerwehr nach 48 Dienstjahren immer noch antue. Die Antwort lautet, vielleicht weil ich anders sein will? Nicht wegschauen will, wenn andere Hilfe benötigen. Weil ich gebraucht werde?

Warum ich das hier im Forum schreibe? Ich glaube, dass viele hier im Forum eine ähnliche Einstellung haben - nicht wegsehen, sondern zupacken. In sehr vielen Beiträgen spürt man, dass Gefühle, Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft, Rücksicht und Respekt eine sehr große Rolle spielen und das gibt mir wieder Hoffnung. Hierfür möchte ich allen sehr herzlich danken. Wir sind halt doch anders!?

Es grüßt Euch herzlichst eine nachdenkliche ober trotzdem hoffnungsvolle

Helga

heike65
registrierte(r) Benutzer(in)
Beiträge: 355
Registriert: Do 10. Mär 2016, 09:34
Geschlecht: MzF
Pronomen: Du
Wohnort (Name): Kappeln
Hat sich bedankt: 138 Mal
Danksagung erhalten: 137 Mal
Gender:

Re: Was ist das für eine Welt?!

Post 2 im Thema

Beitrag von heike65 » Sa 23. Sep 2017, 12:12

Die Frage ist durchaus berechtigt, aber sie dir versichert das so etwas häufiger vorkommt.
Wir betreiben einen Baumarkt mit Schlüsseldienst, und ich habe mehr wie einmal Türen geöffnet, mit beissendem Gestank und verwester Leiche hinter der Tür, keine Seltenheit das die Polizei erst benachrichtigt wird wenn der Geruch unerträglich wird.

Kelly
registrierte(r) Benutzer(in)
Beiträge: 301
Registriert: Mi 11. Mär 2015, 07:39
Geschlecht: TS MzF
Pronomen: Sie
Hat sich bedankt: 447 Mal
Danksagung erhalten: 129 Mal
Gender:

Re: Was ist das für eine Welt?!

Post 3 im Thema

Beitrag von Kelly » Sa 23. Sep 2017, 12:43

Hi,
Ich kann das nur bestätigen,leider.
Ich war vor kurzen auf dem Weg zu einem Meeting nach Hannover als auf der Autobahn direkt vor mir ein schwerer Unfall geschah.Ich konnte als direkt nachfahrendes Fahrzeug rechtzeitig bremsen und mehr oder weniger dem Trümmerhaufen ausweichen und vor den Unfallfahrzeugen anhalten.Ich habe Sofort die Polizei gerufen und mich um den Fahrer des aufgefahrenen Fahrzeuges gekümmert.Unfallstelle abgesichert und und und...
Das erschreckende daran- ich war die Einzige die angehalten hat und geholfen hat.Trotz sehr stark befahrener Autobahn hat niemand angehalten und gefragt ob er helfen kann.Ca eine 1/2 Stunde lang bis die Polizei eintraff!!!!Alle sind vorbeigefahren-über die ganzen Teile die auf der Straße lagen!!!!!!!und haben nur geglotzt!!!!!
Das ist mittlerweile schon das zweite Mal das mir das passiert ist,vor 3Jahren das gleiche als ich auch auf der Autobahn aus einem überschlagen Auto zwei Männer aus ihrem Fahrzeug geholfen habe.Da war es noch schlimmer,trotz abgesicherter Unfallstelle kamm es neben dem überschlagenen Fahrzeug zu einem Massenunfall weil alle nur schnell vorbeigefahren sind um nicht anhalten zu müssen.Mir ist damals zum Glück nichts passiert aber von dem Unfall fehlt mir ca eine halbe Stunde im Gedächtnis.Ich kann mich nur daran erinnern als neben mir ein Trümmerfeld aus ca 20 Fahrzeugen dastand und Kinder furchtbar geschrieen haben.
In was für einer Welt leben wir eigentlich,das so viele Menschen einfach gleichgültig ist was um sie geschieht????
Hat wirklich so gut wie niemand mehr Zivilcourage??
Wie die Frau die in ihrer Wohnung gestorben ist,was ist nur mit den Nachbarn los???
Danke Helga,vieleicht hilft das etwas mehr Nachdenken in die Welt zu bekommen,vieleicht braucht man selbst mal Hilfe!!!!
Liebe Grüße
Kelly

Miriam_KL
registrierte(r) Benutzer(in)
Beiträge: 41
Registriert: Di 18. Jul 2017, 21:18
Pronomen:
Wohnort (Name): Kaiserslautern
Hat sich bedankt: 48 Mal
Danksagung erhalten: 9 Mal

Re: Was ist das für eine Welt?!

Post 4 im Thema

Beitrag von Miriam_KL » Sa 23. Sep 2017, 13:06

Hallo ihr,

auch ich hatte da schon so meine Einsätze. Allerdings auch erfreuliche, bei denen die Nachbarschaft rechtzeitig reagiert hat. So konnten die betreffenden Personen oftmals zwar in Notlagen, aber ansonsten wohlauf aufgefunden werden. Aber natürlich hatten wir auch die Fälle, dass Personen wohl schon länger in der Notlage waren und leider zu spät Hilfe geholt worden ist. Traurig war natürlich ein Fall, bei dem es anscheinend niemanden gab, der mit dem Mann Kontakt hatte. Er wurde von einem Kollegen von mir aufgefunden, da er die Wohnung öffnen musste. Die Nachbarn riefen leider erst nach einigen Wochen an, nachdem zunächst rund um die Uhr laute Musik in Endlosschleife gelaufen sei und es mittlerweile doch ziemlich stinken würde ... sehr traurig.

Aber das Problem kommt nicht von heute auf morgen. Ich habe so den Eindruck, dass viele Leute damit beschäftigt sind, überhaupt ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Andere, die es sich leisten können, gehen dann nach Feierabend lieber noch abfeiern. Auch in unserer Feuerwehr müssen wir schauen, dass Nachwuchs gewonnen wird. Aber: Zwischendurch hatten wir so über den Zeitraum von etwa 10 Jahren einige dieser It-Boys in unseren Reihen. Momentan kommen wieder einige nach, die mit Herzblut bei der Sache sind. Das freut einen doch!

Wenn ich nun noch einmal an die Gesellschaft denke ... Was ist mir bis jetzt widerfahren?

Bei Feuerwehreinsätzen musste ich ein paar mal schauen, dass ich nicht überfahren wurde, da Absperrungen und Verkehrsregelungen nicht beachtet wurden. Testosterongesteuerte Jugendliche haben immer mal dumme Worte und Beleidigungen auf den Lippen, da sie bei Vollsperrungen der Straße nicht warten möchten. Schließlich wollen sie auf ne Party und jetzt muss da auch noch so ein scheiß Heli landen ... dass dieser nur kommt, da es bei einem Verletzten um Leben und Tod geht ... anscheinend kein Gedanke daran. Auch das Zurückhalten von Gaffern kostet viel Kraft. Vor allem dann, wenn unsere netten Worte in den Wind geschlagen werden. Schlimm fand ich einen Unfall mit einem Lkw. Dieser hatte kleine Findlinge geladen. Der Lkw kippte um, der Fahrer wurde verletzt und eingeklemmt. Nachdem sich der Unfall herumgesprochen hatte, kamen dutzende Schaulustige mit Getränken, Essen und Klappstühlen, um zuzusehen, wie wir den Fahrer befreiten und an den Rettungsdienst übergaben und anschließend auch noch den Lkw ausräumten, damit er von einem Kran wieder aufgerichtet werden konnte. Bei Absperrarbeiten und schweren körperlichen Arbeiten wurde ich natürlich gerne eingesetzt, da ich früher doch sehr muskulös war.

Aber auch im Berufsalltag erlebe ich ständig, dass Kollegen angepöbelt werden, hauptsächlich die Kolleginnen mit viel Publikumsverkehr. Warten ... das geht nun mal gar nicht ... Ablehnungen ... geht gar nicht ... usw. Auch hier stehe ich als Helfer bereit, falls die Lage zu eskalieren droht. Bisher reichten aber zum Glück Worte. Wobei es keine Notruftasten mehr gibt. Es gab mal Notrufe über Tastenkombinationen am PC. Aber ob die noch gedrückt werden konnten, wenn jemand ausgerastet wäre? Mittlerweile eh kein Thema mehr. Windows 10 gäbe die Nutzung nicht mehr her. Die Programmierung unter Windows 10 wäre zu kostenaufwändig ...

Mein Fazit: Unsere Gesellschaft ist schon kälter geworden. Solange es anscheinend Wettstreite gibt, wer welches Ereignis am Schnellsten per Smart-Phone postet, sehe ich ein wenig schwarz. Also aktiv dagegenhalten und versuchen, Werte zu vermitteln ...

Ich hätte nur eine Frage? Bist du geoutet oder kennen dich die Kameradinnen und Kameraden nur als Mann?

Liebe Grüße
Miriam
Was bin ich? Mann oder Frau? Als erstes Mensch!

helgafemin
Beiträge: 27
Registriert: Do 14. Mär 2013, 17:18
Pronomen:
Hat sich bedankt: 13 Mal
Danksagung erhalten: 17 Mal

Re: Was ist das für eine Welt?!

Post 5 im Thema

Beitrag von helgafemin » Sa 23. Sep 2017, 14:24

Hallo Miriam,

ich bin nicht geoutet. Meine Kameradinnen und Kameraden kennen mich nur als Mann.

Gruß

Helga

Magdalena
registrierte(r) Benutzer(in)
Beiträge: 1011
Registriert: Di 4. Feb 2014, 10:17
Geschlecht: mehr Frau als Mann
Pronomen:
Hat sich bedankt: 343 Mal
Danksagung erhalten: 316 Mal
Gender:

Re: Was ist das für eine Welt?!

Post 6 im Thema

Beitrag von Magdalena » Sa 23. Sep 2017, 15:29

Hallo,

ja was läuft da verkehrt? Ich muss da bei mir anfangen. Vor einigen Jahren war es für mich selbstverständlich Pakete für die Nachbarn entgegen zu nehmen. Ich erwarteTe keine Gegenleistung dafür, aber über ein Danke hätte ich mich gefreut. Nein es kamen blöde Sprüche, manchmal lagen die Pakete eine Woche in meiner Wohnung. Als ich die Mieter traf undfragte wann sie ihr Paket abholen bekam ich eine dumme Bemerkung an den Kopf geworfen. Nun müssen sie ihre Pakete bei der Post abholen. Jeder ist sich leider selbst der Nächste. Doch es gibt noch Ausnahmen, so nehme für einen Nachbarn die Post weiterhin entgegen und umgekehrt ist er mir bei anderen Sachen hilfreich. Zum anderen, in dem Mehrfamilienhaus in dem ich wohne, wechseln die Mieter. Weil sie der Arbeit hinterherziehen zum Beispiel. So kenne ich nicht alle Mieter des Hauses. Es hat für uns Transgender auch einen Vorteil, keiner achtet, wer da aus der Wohnung kommt. Ich staune selbst, wer mit einem Schlüssel die Haustür öffnet.Kontakt zu den anderen Mietern ist selten geworden, auch fehlt mir zu einigen das Vertrauen, um ehrlich zu sein. Leidtragende sind meist ältere Menschen, die keine sozialen Kontakt mehr pflegen. Die Rente wird überwiesen, alle anderen Kosten vom Konto abgebucht. KeineM fällt etwas auf. Wäre da nicht der Briefkasten, der überquillt. Oder die Fenster, die nie geöffnet werden. Warum bemerkt es niemand? Oder fühlt sich verantwortlich?

Mit nachdenklichen Grüßen Magdalena
Lebe jeden Tag.

ab08
registrierte(r) Benutzer(in)
Beiträge: 2102
Registriert: So 12. Feb 2012, 14:43
Geschlecht: Frau (TS bzw. IS)
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Nürnberg
Hat sich bedankt: 1832 Mal
Danksagung erhalten: 1063 Mal
Gender:

Re: Was ist das für eine Welt?!

Post 7 im Thema

Beitrag von ab08 » Sa 23. Sep 2017, 16:09

Hallo Magdalena,

in meiner Umgebung ist es noch besser.

Pakete nehm ich an, den Wohnungsschlüssel geb ich weiter, wenn ich im Urlaub bin und dann wird auch mein Briefkasten geleert.
Allerdings, der Mieterwechsel nimmt zu. Neue Mieter stellen sich nicht mehr vor und müssen bzgl. Hausordnung "angelernt" werden...
Trotzdem bin ich überzeugt, wenn mit mir was wäre, würde es noch bemerkt.

Liebe Grüße
Andrea )))(:
FÜR: Respekt, Menschenrechte und eine gelebte, demokratische Zivilgesellschaft, die Minderheiten schützt
ERGO: Umfassende Bildung für alle, effektive Regeln in Alltag und Netz, eine gut ausgestattete Polizei/Justiz

Magdalena
registrierte(r) Benutzer(in)
Beiträge: 1011
Registriert: Di 4. Feb 2014, 10:17
Geschlecht: mehr Frau als Mann
Pronomen:
Hat sich bedankt: 343 Mal
Danksagung erhalten: 316 Mal
Gender:

Re: Was ist das für eine Welt?!

Post 8 im Thema

Beitrag von Magdalena » Sa 23. Sep 2017, 17:51

Hallo Andrea,

es ist ja nicht so, dass ich es grundsätzlich nicht mache. Aber es gehören eben alle dazu und es darf keine Einbahnstraße werden. Ich habe aber noch einen Nachbarn, dem ich vertrauen kann. Von ihm habe ich übrigens auch den Schlüssel und umgekehrt. Nur manch Anderem kann ich, so leid es mir tut, nicht das Vertrauen schenken. Dennoch glaube auch ich daran, dass es bemerkt wird, wenn mit mir etwas passieren sollte. Gut sicher nicht von jedem, aber Einer reicht ja schon.

Viele liebe Grüße Magdalena
Lebe jeden Tag.

Badfeel
Beiträge: 33
Registriert: So 17. Sep 2017, 17:18
Geschlecht: männlich
Pronomen: Er
Wohnort (Name): Viersen
Hat sich bedankt: 1 Mal
Danksagung erhalten: 28 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Was ist das für eine Welt?!

Post 9 im Thema

Beitrag von Badfeel » Mo 25. Sep 2017, 06:44

Guten morgen,

Sensationsgeilheit und abgestumpftheit ist das Zauberwort.

Ich bin selbst seit 12 Jahren aktiv bei der FW und man erlebt so einiges. Gerade die jüngere Generation versteht (z.B. mit dem Fahrzeug parken) logische und nützliche
Zusammenhänge nicht. Auch fehlt es an Weitsicht. Und solange das Smartphone Katastrophen nicht im Kalender vormerken kann wird das leider auch so bleiben.

Problematisch ist ebenfalls die Gesetzeslage. Grad bei älteren Menschen (in deinem Eingangsthread) darf nicht so viel Zeit vergehen. Ich habe von meinen Großeltern
IMMER einen Schlüssel, mein Onkel ebenfalls. Fehlt ein Lebenszeichen bin ich sofort in der Wohnung. Auch werden nur die kleinsten Anzeichen für schwäche etc sehr
ernst genommen.
Ich bin ich
Ich bin ich auf meine Weise
Ich bin ich
Manchmal laut und manchmal leise

Ulrike-Marisa
registrierte(r) Benutzer(in)
Beiträge: 2021
Registriert: Mo 21. Mai 2012, 13:58
Geschlecht: transsexuell
Pronomen: sie
Hat sich bedankt: 153 Mal
Danksagung erhalten: 233 Mal

Re: Was ist das für eine Welt?!

Post 10 im Thema

Beitrag von Ulrike-Marisa » Mo 25. Sep 2017, 08:28

Moin zusammen,

ich bin seit 1970 in der Freiwilligen Feuerwehr und habe so etwas noch nicht erlebt, früher in der Stadt Husum nicht und jetzt bei uns auf dem Dorf auch nicht - eher das Gegenteil, Nachbarn haben uns alarmiert, als eine alte Dame nicht mehr gesehen wurde; sie lag mit Beckenbruch im Hausflur und alles ist letztlich gut ausgegangen. Nachbarn wissen alles, gilt auf dem Land zumindest noch. In der Stadt und in großen Mehrfamilienhäusern ist das bestimmt anders und die Abgrenzung und das Nichtinteresse wohl deutlicher ausgeprägt. Ich glaube aber, dass das in der Vergangenheit auch schon vereinzelt vorgekommen ist, das Massenwohnen hat das Problem aber befördert. Trotzdem glaube ich an die Vorbildgeschichte, jede/r von uns kann Vorbild sein für gemeinschaftliches, menschliches und verantwortungsvolles Handeln. Viele Junge Menschen machen mit bei DRK, DLRG, FF und anderen. Das stimmt mich doch verhalten zuversichtlich, dass nicht alles den Bach runter geht.

Beste Grüße, Ulrike-Marisa

Joe95
registrierte(r) Benutzer(in)
Beiträge: 2159
Registriert: Fr 22. Jan 2010, 14:27
Geschlecht: Androgyn
Pronomen:
Wohnort (Name): Gummersbach - Niederseßmar
Hat sich bedankt: 422 Mal
Danksagung erhalten: 340 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Was ist das für eine Welt?!

Post 11 im Thema

Beitrag von Joe95 » Mo 25. Sep 2017, 10:22

helgafemin hat geschrieben:
Sa 23. Sep 2017, 12:01
...
Manchmal frage ich mich, warum ich mir den Feuerwehrdienst bei einer Freiwilligen Feuerwehr nach 48 Dienstjahren immer noch antue. Die Antwort lautet, vielleicht weil ich anders sein will? Nicht wegschauen will, wenn andere Hilfe benötigen. Weil ich gebraucht werde?...
Weil die Hoffnung zuletzt stirbt und du weißt das Menschen wie du gebraucht werden, mehr denn je...

Danke...
Vieles wird einzig dadurch richtig, das man es durchzieht!

Nicole Doll
registrierte(r) Benutzer(in)
Beiträge: 305
Registriert: Mo 20. Mär 2017, 17:38
Geschlecht: Teilzeitfrau
Pronomen:
Hat sich bedankt: 182 Mal
Danksagung erhalten: 141 Mal

Re: Was ist das für eine Welt?!

Post 12 im Thema

Beitrag von Nicole Doll » Mo 25. Sep 2017, 11:29

Hallo allerseits,

es wird irgendwie immer schlimmer - besonders das Gaffen und Filmen. Trotzdem möchte ich die Sache einmal von der anderen Seite her beleuchten. Ich habe mit ansehen müssen, wie mein Vater mit vielen kleinen Schlaganfällen zum Pflegefall wurde. Und ich habe mich in meiner verhassten Rolle als Mann von dieser Gesellschaft - Freunde, Bekannte, Familie - abgewendet. Wer kümmert sich also um mich, falls ich pflegebedürftig werde? - irgendwelche fremden Leute in einer "Anstalt"? - NEIN DANKE! Da sterbe ich lieber ganz alleine in meinem Haus oder irgendwo im Wald. Also verhalte ich mich entsprechend: Ich gehe alleine in den Wald, den Nachbarn aus dem Weg und grüße sonst nur eher knapp. Nur zwei Nachbarn habe ich mich bisher als Nicole vorgestellt. Neue Kontakte suche ich außerhalb meines Dorfes.

Ich lebe aber in einem Dorf. Und ich denke, es würde jemand nachsehen kommen, wenn meine Fensterläden tagelang nicht mehr bewegt werden - dann hoffe ich, dass es für mich bei einem Herzinfarkt oder Schlaganfall zu spät sein wird - was für jemanden, der helfen möchte, sicherlich schrecklich sein dürfte.

LG Nicole

PS: ein hässliches, trauriges Thema - aber irgendwie musste es raus! - Eigentlich möchte ich überhaupt nicht darüber nachdenken.
Jeder glaube an was er will. - Also sprach Zarathustra.

Vincent
registrierte(r) Benutzer(in)
Beiträge: 259
Registriert: Mi 25. Jul 2012, 16:20
Geschlecht: Mann
Pronomen:
Hat sich bedankt: 10 Mal
Danksagung erhalten: 19 Mal

Re: Was ist das für eine Welt?!

Post 13 im Thema

Beitrag von Vincent » Mo 25. Sep 2017, 14:16

Hallo Nicole,
ich weis nicht, was du alles erlebt hast und möchte Dir nicht zu nahe treten, aber deine Aussagen erschrecken mich.
Hast Du so viel Anlehnung erfahren, dass Du dich lieber zurückziehst, als in deiner weiblichen Identität auf die Leute zuzugehen und das Leben von neuem zu genießen?

Was die Vereinsamung inmitten von anderen Leuten im Allgemeinen betrifft, denke ich, ist zum Teil auch die Verdichtung, gerade in den Städten schuld. Je enger man aufeinander sitzt, desto mehr baut man quasi als Schutz des eigenen Freiraums Distanz und Desinteresse an den Nachbarn auf.
LG

Vincent

Lina
registrierte(r) Benutzer(in)
Beiträge: 3416
Registriert: Di 25. Jan 2011, 00:34
Pronomen:
Hat sich bedankt: 9 Mal
Danksagung erhalten: 305 Mal

Re: Was ist das für eine Welt?!

Post 14 im Thema

Beitrag von Lina » Mo 25. Sep 2017, 16:41

Was mich in diesem Thread am meisten wundert: Es scheint mir, dass einige sich mehr darüber empören, dass jemand tot in der Wohnung längere Zeit liegen kann und die Nachbarn bekommen es nicht mit, als dass im Verkehr für Fahrzeuge mit Sonderrechten keinen Platz gemacht wird.
Das finde ich doch etwas sonderbar - natürlich ist es sehr tragisch, so schlimm, dass ich darüber weinen könnte, wenn ich mir vorstelle wie es wäre alleine in einer Wohnung oder an einem x-beliebigen anderen Ort zu sterben und keiner bekommt es mit. Aber wie soll ich das als Nachbar eigentlich mit bekommen? Und wie sollte der Nachbar es mit bekommen, wenn ich es wäre, wenn ich nicht explizit in irgend einer Weise versuche, Hilfe herbeizuholen? Ich habe kaum sonst wie mit denen irgend eine Form von Interaktion und ich wüsste eigentlich auch nicht weshalb ich es haben sollte? Die sind bestimmt nett, die meisten zumindest, sind freundlich, wenn ich ein paar Worte mit denen wechsle, aber über die Jahre gab es nur drei, mit denen ich mich mehr als 5 Minuten am Stück unterhalten habe.
Der eine war auch noch ein (angeblich ex-)Neonazi und ich habe auch nur mit ihm geredet, weil ich ihm 1) einmal geholfen habe, weil er sich ausgesperrt hatte, 2) um seinen noch halbstarken Kampfhund durch ein paar Tricks aus der Hundepsychologie ganz subtil an meiner Anwesenheit und meiner Position in der Rangordnung aufmerksam zu machen. Er selbst hatte nämlich offensichtlich keine Ahnung von Hundeerziehung und brauchte den nur zum Protzen. Also keine Interaktion, die ich zum Spaß suchte, sondern einfach eine Präventionsmaßnahme.

Wie soll da jemand etwas mit bekommen? Wenn jemand umkippt z.B. mit Herzstillstand oder Hirnblutung - ob da erst nach einer Stunde oder nach einem Monat reagiert wird, macht in Praxis kaum einen Unterschied. Sorry, aber nach einem Monat ist man auch nicht toter als man es nach einer Stunde ist.
Vor einigen Monaten fiel mir auf, dass ich die Nachbarin direkt nebenan min. eine Woche nicht gesehen oder gehört hatte. Meine Frau meinte sie aber gesehen zu haben. War auch alles OK. Ein anderer dagegen - ich weiß nicht mal genau wie er aussieht - hatte ich eher fast abgeschrieben weil er Nachts evig lange seinen Rauchmelder heulen hatte, Licht war in der Wohnung an (aber keine erkennbare Rauchentwicklung), reagierte aber nicht, wenn geklopft und geklingelt wurde. Was bei ihm los war, keine Ahnung. Die Feuerwehr hat offensichtlich eine andere Interpretation von "Anklopfen" - als sie angeklopft haben hat er nach längerer Zeit reagiert. Der könnte aber locker drei Monate tot da rum liegen, und ich würde es bestimmt nicht mit bekommen. Und ich würde mich deswegen bestimmt auch nicht schuldig fühlen.

Vielmehr rege ich mich über Leute auf, die Rettungsfahrzeuge nicht mal wenn Aufgefordert durch lassen - die sollte man meinetwegen gerne schwer bestrafen. Führerscheineineinzug für einen Monat oder so. Ich sehe das immer wieder. RTW schon auf 500 m Entfernung zu sehen - also reichlich Zeit darauf zu reagieren, z.B. zu den Seiten rüber zu rücken. Auch wenn man selber damit anfängt und kurz mal mit der Hupe Aufmerksamkeit verschafft, dass die auch mit machen - bei vielen keine Reaktion. Erst wenn der Rettungswagen schon komplett zum Stillstand kommen die dann darauf. Einige reagieren nicht mal wenn laut über die PA-Anlage angesprochen.

Was mich eher in Zweifel bringt, ist die Sache mit Unfällen auf der Autobahn. Wenn schon offensichtlich unverletzte Teilnehmer da sind oder auch Helfer die gestoppt sind - dann bin ich eher geneigt, das Feld so schnell wie möglich wieder zu räumen. Es ist immer die Frage ob ich wirklich dadurch helfe oder zu einem erhöhten Risikofaktor werde, wenn ich stoppe. Ich habe für mich da keine wirkliche Norm erarbeiten können ...

Miriam_KL
registrierte(r) Benutzer(in)
Beiträge: 41
Registriert: Di 18. Jul 2017, 21:18
Pronomen:
Wohnort (Name): Kaiserslautern
Hat sich bedankt: 48 Mal
Danksagung erhalten: 9 Mal

Re: Was ist das für eine Welt?!

Post 15 im Thema

Beitrag von Miriam_KL » Mo 25. Sep 2017, 17:26

Hallo Lina,

das oben geschriebene soll mit Sicherheit nicht abschließend sein. Es gibt viele Dinge, die einem, z.B. als Feuerwehrmann/-frau, nerven. Dazu gehört natürlich auch die aktuelle Diskussion um die Leute, die sich weigern, Rettungsgassen zu bilden. Unser Bezirk umfasst zum Glück keine Autobahn, worüber ich nicht traurig bin. Auf den Bundes- und Landesstraßen klappt es meistens mit dem An-die-Seite-Fahren ...

Miriam
Was bin ich? Mann oder Frau? Als erstes Mensch!

Antworten

Zurück zu „Körper - Gefühle - Empfindungen“