Geschlechtliches Empfinden: Woran macht ihr es fest?
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Geschlechtliches Empfinden: Woran macht ihr es fest?

Post 1 im Thema

Beitrag von Explorer » Di 12. Jul 2016, 21:27

Hey...

ich bin grad mal wieder in einer grüblerischen und verunsicherten Phase. Meine Frage ist natürlich keine neue, ich habe mir schon hundert Mal Gedanken darüber gemacht, und auch für ein Forum wie dieses ist das ja ein ziemlicher "Evergreen". Ein Stück weit spiegelt es auch Dinge wider, die ich in den letzten Tagen in anderen Themen hier gelesen habe.

Also, wie schon in der Überschrift steht: Woran macht ihr es eigentlich fest, als welches Geschlecht ihr euch empfindet? Wie "wisst" ihr das? Grad für Transsexuelle ist das ja oft ein sehr starkes Gefühl von Kindheit an. Wahrscheinlich ist das ein bisschen so, wie einem Blinden Farbe zu erklären, aber vielleicht findet ihr ja trotzdem schöne, hilfreiche Worte. :) Auch alle anderen, die sich manchmal oder immer als etwas anderes sehen als was ihr Körper vorgibt (also wohl die allermeisten hier), können natürlich gerne antworten.

Ich habe oft (und grad in letzter Zeit) das Gefühl, dass mein feminines Empfinden von äußeren Umständen abhängt. Kleidung, Bewegungsmuster, Make-up etc. können das Gefühl herauf beschwören, und dann fühlt es sich gut an. Auch, wenn mir andere etwas Feminines Bescheinigen, blühe ich innerlich auf. Aber im Alltag ist es schwer für mich, an diesem Empfinden festzuhalten. Und wenn ich mit Menschen über diesen Teil von mir rede, die wenig Verständnis dafür haben, zweifle ich wieder. Dann frage ich mich auch: "Ja, klar - sie sehen in mir den Mann. Es wäre auch absurd, von ihnen zu erwarten, in mir die Frau zu sehen." Es gibt genau einen Menschen, der mich so einfach akzeptiert, mich als ihre beste Freundin bezeichnet, und in mir die Frau sieht auch wenn es nicht so aussieht. Leider ist das nicht meine Partnerin, was mir weh tut. Aber auch wenn ich äußerlich männlich aussehe, kann man nicht trotzdem einfach Frau sein, so wie man ist? Eine Lösung wäre natürlich, das Erscheinen anzupassen - aber das ist halt nicht immer so einfach...

Ich frage mich dann auch, mit welcher "Berechtigung" ich mich als (zumindest teilweise) Frau sehen kann. Was macht mich zur Frau? Auf Gender-Ebene finde ich die Kategorisierung "männlich" blöd, weil ich zwar teilweise "typisch männlich" bin, aber auch viele Klischeebrüche in mir vereine. Aber kommt es überhaupt darauf an? Ich würde keiner Frau die Weiblichkeit absprechen, wenn sie im Holzfällerhemd mit Kurzhaarfrisur einen kräftigen Bier-Rülpser ablässt und sich prügelt, sie wäre für mich trotzdem eine Frau. Wieso bin ich also nicht einfach ein untypischer Mann, und lasse es dabei bewenden?

Ich WILL eigentlich nicht nur Mann sein. Aber empfinde ich wirklich weiblich? Oder wäre die treffende Wahrheit nicht eher, dass ein Teil von mir gerne Frau wäre? Also: Bin ich Frau, oder will ich Frau sein? Ist es vielleicht nur ein rollenspielerisches/träumerisches Alter Ego, dass ich bastle? Oder ist es vielleicht nur eine Form von Eitelkeit, etwas Besonderes sein zu wollen, the one special snowflake, that is not like the others...? Andererseits habe ich die weiblichen Fantasien schon seit Jahrzehnten (auch wenn Crossdressing für mich erst um die 30 ein Thema wurde) - aber womöglich suche ich auch einfach nur nach Indizien, die meinen Wunsch bestätigen würden?

Ich weiß, dass niemand diese Fragen für mich beantworten kann. Aber ich suche nach euren Eindrücken, wie ihr sagen könnt, was ihr seid. Nach euren Erfahrungen damit.

Liebe Grüße,
Sara
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Re: Geschlechtliches Empfinden: Woran macht ihr es fest?

Post 2 im Thema

Beitrag von Simone » Di 12. Jul 2016, 22:45

Liebe Sara,
ich kann dir wahrscheinlich kein bisschen weiter helfen, denn die Fragen, die du stellst, sind die, die auch mich seit Jahren beschäftigen. Insofern fühle ich mich dir sehr nah.
Ich hoffe, es hilft dir vielleicht zu wissen, dass du nicht allein bist.
Liebe Grüße und gute Nacht,
Simone

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Re: Geschlechtliches Empfinden: Woran macht ihr es fest?

Post 3 im Thema

Beitrag von Jenniffer63 » Di 12. Jul 2016, 23:04

Willkommen im Club Sara.

Deine Fragen sind genau die, die ich und sicherlich auch viele andere sich immer wieder stellen.
Da ich ja noch nicht so lange hier bin ist mein Fragezeichen sicher noch größer.
Sicherlich, ich habe hier viel von den Erzählungen und Lebensberichten profitiert und tue das immer noch.
Ähnlich ist vieles und dennoch niemals Gleich.
Aber Fragen stehen vor jeder Antwort und ich für mich möchte es einfach herausfinden.
Deine Fragen sind immer aktuell, und danke das du sie nochmals gestellt hast.

Liebe Grüße
Jenniffer
besser ANDERS und GLÜCKLICH als gleich und unglücklich!

Brauchst du Hilfe beim Schminken und Stylen? Schau hier:
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Re: Geschlechtliches Empfinden: Woran macht ihr es fest?

Post 4 im Thema

Beitrag von NanaVistor » Di 12. Jul 2016, 23:34

Ich will eigentlich, das mich andere als "Frau" wahrnehmen. Dafür wende ich meine Mühe auf.

Wie ist denn das Gefühl "Mann sein"? Das Ist bestimmt ähnlich einfach zu beschreiben ;-)
Auch Vordenker müssen nachdenken.

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Re: Geschlechtliches Empfinden: Woran macht ihr es fest?

Post 5 im Thema

Beitrag von Explorer » Di 12. Jul 2016, 23:46

Danke für eure Antworten! Es geht wohl noch anderen so. Wundert mich jetzt nicht so, denn wie gesagt habe ich ein paar Dinge aus den Threads der letzten Tage (z.B. von dir, Simone) aufgenommen. ;)

Das erkenntnistheoretische Konzept von "Okhams Rasiermesser" sagt, dass man bei verschiedenen denkbaren Erklärungen erstmal mit derjenigen arbeiten sollte, die die wenigsten zusätzlichen Annahmen erfordert. Das hieße: Das naheliegendste ist, dass wir uns da wirklich einfach etwas einreden. :idea: Das wäre nicht unbedingt die Variante, an die ich glauben will - aber vielleicht kann mich ja jemand umstimmen.
* das soll natürlich nicht heißen, dass jeder, der sich als einem anderen Geschlecht zugehörig fühlt als dem biologischen, damit falsch liegt.

Allerdings mal anders gesehen: Wäre es so schlimm, wenn es nur der WUNSCH nach Weiblichkeit ist? Unabhängig vom Körper hat die Gesellschaft nun mal bestimmte Geschlechterrollen - ist es irgendwas schlimmes, sich nicht an die körperlich vorgegebene halten zu wollen?

Vielleicht ist die Frage nicht, wie weiblich wir wirklich sind, sondern wie wir diesen Wunsch nach Weiblichkeit möglichst positiv gestalten können - dass er uns nicht ausbremst, sondern voranbringt. :?:
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Re: Geschlechtliches Empfinden: Woran macht ihr es fest?

Post 6 im Thema

Beitrag von Explorer » Di 12. Jul 2016, 23:55

NanaVistor hat geschrieben:Ich will eigentlich, das mich andere als "Frau" wahrnehmen. Dafür wende ich meine Mühe auf.

Wie ist denn das Gefühl "Mann sein"? Das Ist bestimmt ähnlich einfach zu beschreiben ;-)
Ja, stimmt! Den Punkt habe ich im Eingangspost aufzunehmen vergessen.

Ich kann auch mein männliches Empfinden nicht "auf den Punkt" bringen. Es ist für mich einfach selbstverständlich. Vielleicht deshalb, weil meine Umwelt es mir immer wieder signalisiert.
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Re: Geschlechtliches Empfinden: Woran macht ihr es fest?

Post 7 im Thema

Beitrag von Marielle » Mi 13. Jul 2016, 00:02

Hallo Sara, Hallo zusammen,
Explorer hat geschrieben:
Das erkenntnistheoretische Konzept von "Okhams Rasiermesser" sagt, dass man bei verschiedenen denkbaren Erklärungen erstmal mit derjenigen arbeiten sollte, die die wenigsten zusätzlichen Annahmen erfordert. Das hieße: Das naheliegendste ist, dass wir uns da wirklich einfach etwas einreden. :idea: Das wäre nicht unbedingt die Variante, an die ich glauben will - aber vielleicht kann mich ja jemand umstimmen.
Hmm...... . Ist die naheliegenste Erklärung dann nicht eher, dass es einfach so ist wie es ist? Diese Erklärung braucht jedenfalls gar keine zusätzliche Annahme. Die Erklärung sich etwas einzureden bräuchte immerhin die Annahme, dass es Geschlecht als 'über-individuelle' Kategorie, also quasi etwas 'Gottgegebenes', das Menschen einteilt, gibt.
Explorer hat geschrieben:Vielleicht ist die Frage nicht, wie weiblich wir wirklich sind, sondern wie wir diesen Wunsch nach Weiblichkeit möglichst positiv gestalten können - dass er uns nicht ausbremst, sondern voranbringt. :?:
Mir liegt ein Vorschlag nahe: Wie wäre es, wenn man "diesen Wunsch nach Weiblichkeit" durch 'diesen Wunsch nach individueller Menschlichkeit' ersetzt?

Das schliesst Weiblichkeit nicht aus, es schliesst aber alles ein.

Habt es gut

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Re: Geschlechtliches Empfinden: Woran macht ihr es fest?

Post 8 im Thema

Beitrag von Explorer » Mi 13. Jul 2016, 00:49

Marielle hat geschrieben:
Explorer hat geschrieben:
Das erkenntnistheoretische Konzept von "Okhams Rasiermesser" sagt, dass man bei verschiedenen denkbaren Erklärungen erstmal mit derjenigen arbeiten sollte, die die wenigsten zusätzlichen Annahmen erfordert. Das hieße: Das naheliegendste ist, dass wir uns da wirklich einfach etwas einreden. :idea: Das wäre nicht unbedingt die Variante, an die ich glauben will - aber vielleicht kann mich ja jemand umstimmen.
Hmm...... . Ist die naheliegenste Erklärung dann nicht eher, dass es einfach so ist wie es ist? Diese Erklärung braucht jedenfalls gar keine zusätzliche Annahme. Die Erklärung sich etwas einzureden bräuchte immerhin die Annahme, dass es Geschlecht als 'über-individuelle' Kategorie, also quasi etwas 'Gottgegebenes', das Menschen einteilt, gibt.
Und was genau ist, wie es ist? Wie sieht deine Erklärung aus? ;)
Explorer hat geschrieben:Vielleicht ist die Frage nicht, wie weiblich wir wirklich sind, sondern wie wir diesen Wunsch nach Weiblichkeit möglichst positiv gestalten können - dass er uns nicht ausbremst, sondern voranbringt. :?:
Mir liegt ein Vorschlag nahe: Wie wäre es, wenn man "diesen Wunsch nach Weiblichkeit" durch 'diesen Wunsch nach individueller Menschlichkeit' ersetzt?

Das schliesst Weiblichkeit nicht aus, es schliesst aber alles ein.
Hmm, klingt an sich nicht schlecht.

Aber da wird mir "Weiblichkeit" zu diffus. Wenn ich mir etwas wünsche, muss dieser Begriff ja irgendeinen Inhalt haben. Und wenn ich mir wünsche, dass andere mich genauso wahrnehmen, muss dieser Begriff auch eine inhaltliche Schnittmenge mit dem haben, was andere darunter verstehen. Wenn die erwünschte Weiblichkeit zu variabel und undefiniert bleibt, verliert der Wunsch danach ja auch an Bedeutung. Also im Wesenskern: Was genau will ich eigentlich, wenn ich weiblich sein will?
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Re: Geschlechtliches Empfinden: Woran macht ihr es fest?

Post 9 im Thema

Beitrag von Dolores59 » Mi 13. Jul 2016, 04:36

Explorer hat geschrieben: Aber da wird mir "Weiblichkeit" zu diffus. Wenn ich mir etwas wünsche, muss dieser Begriff ja irgendeinen Inhalt haben. Und wenn ich mir wünsche, dass andere mich genauso wahrnehmen, muss dieser Begriff auch eine inhaltliche Schnittmenge mit dem haben, was andere darunter verstehen. Wenn die erwünschte Weiblichkeit zu variabel und undefiniert bleibt, verliert der Wunsch danach ja auch an Bedeutung. Also im Wesenskern: Was genau will ich eigentlich, wenn ich weiblich sein will?
Dazu müsstest Du erstmal "Weiblichkeit" definieren. Was ist für Dich weiblich? Was für Eigenschaften gehören dazu?

Welche dieser Eigenschaften finden sich auch unter "Männlichkeit"? Welche nicht?

Die Abgrenzung weiblich - männlich ist nicht einfach, weil es Übergänge und Gemeinsamkeiten gibt.

LG
Dolores
Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.
(Psalm 139,14)

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Re: Geschlechtliches Empfinden: Woran macht ihr es fest?

Post 10 im Thema

Beitrag von Explorer » Mi 13. Jul 2016, 08:57

Danke für die Antworten, viele gute Denkanstöße dabei!
Dolores59 hat geschrieben: Dazu müsstest Du erstmal "Weiblichkeit" definieren. Was ist für Dich weiblich? Was für Eigenschaften gehören dazu?

Welche dieser Eigenschaften finden sich auch unter "Männlichkeit"? Welche nicht?

Die Abgrenzung weiblich - männlich ist nicht einfach, weil es Übergänge und Gemeinsamkeiten gibt.
Richtig, das ist dann die Frage.

Sachen wie "spielt gern mit Puppen", "ist aggressiv" und "mag kein Rosa" kennen wir natürlich alle. Aber das sind Klischees, die oftmals allein der Kultur und dem Zeitgeist entspringen, und die wahrscheinlich in fast ebenso vielen Fällen nicht zutreffen, wie sie zutreffen.

Der wirkliche "Wesenskern" von Männlichkeit und Weiblichkeit sind die Dinge, die eindeutig körperlich bedingt sind. Und die kann man m.E. grob herunterbrechen auf die Rolle, die ein Mensch in der Fortpflanzung einnimmt (Begattung vs. Empfängnis, Austragen und Geburt). Aber da man unfruchtbare Menschen (und das sind ab einem gewissen Alter zumindest alle Frauen) gemeinhin nicht als geschlechtlos ansieht, hinkt dieses Kriterium auch.

Ein wirklich gutes, allgemein gültiges Kriterium für Männlichkeit und Weiblichkeit gibt es in meinen Augen einfach nicht. :?:
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Re: Geschlechtliches Empfinden: Woran macht ihr es fest?

Post 11 im Thema

Beitrag von JaquelineL » Mi 13. Jul 2016, 09:10

Liebe Sara,
Explorer hat geschrieben:Der wirkliche "Wesenskern" von Männlichkeit und Weiblichkeit sind die Dinge, die eindeutig körperlich bedingt sind.
Ja?

Das ist *eine* Sichtweise. Meiner Meinung nach aber obendrein eine, die in ihrer Absolutheit schon von Dir selbst (durch Deine als Thread-Start aufgeworfene Fragestellung) falsifiziert wird. Vielleicht fällt es Dir deshalb so schwer, eine Antwort zu finden?

"Falsifiziert" deshalb, weil Du das Geschlecht mit Deiner Behauptung körperlich definierst (wobei sich selbst da schon Schwierigkeiten auftun), jedoch nach dem geschlechtlichen *Empfinden* fragst. Demnach scheint sich ja selbst für Dich die Kategorisierung nicht auf körperliche Aspekte beschränken zu lassen, bzw. es auf der einne Seite ein Definition gemäß Körper, aber auch eine andere gemäß "Seele" zu geben.

Liebe Grüße
Jackie
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Re: Geschlechtliches Empfinden: Woran macht ihr es fest?

Post 12 im Thema

Beitrag von -Mia- » Mi 13. Jul 2016, 09:12

@Sara und @Simone
Ich danke euch erst mal für eure Fragestellungen und eure Freds, denn das sind genau die Fragen die mich seid einiger Zeit auch beschäftigen!

Wie schon gesagt worden ist, verschwimmt eine klare Definition von Frau und Mann wenn man die Körperlichen Attribute bei Seite lässt.
Könnte man es vielleicht so sehen wie ein Schneckenhaus? Da wo ich mich am wohlsten fühle da bin ich zuhause? Also ein Gefühl der Geborgenheit?

Das kam mir jetzt so in den sinn beim Lesen des Freds hier.

LG Mia
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Re: Geschlechtliches Empfinden: Woran macht ihr es fest?

Post 13 im Thema

Beitrag von Anke » Mi 13. Jul 2016, 09:46

Hallo Sara,

das ist natürlich die Mutter aller Fragen und alleine die dadurch losgetretene Folgefrage nach der Definition von Weiblichkeit macht deutlich, wie schwierig das ist.

Ich versuche mal zu beschreiben, wie ich damit umgegangen bin.

Eine ganze Weile habe ich es rational versucht, viele der oben genannten Punkte und Argumente kommen mir deshalb sehr bekannt vor. Aber das hat mich immer wieder in eine gedankliche Sackgasse geführt und ich war noch verzweifelter, als davor. Allein die Frage, was ist der Unterschied zwischen männlich und weiblich hat mich schier zur Verzweiflung gebracht. Ich bin mir sicher, dass der Unterschied (und ich meine nicht den körperlichen) existiert und gravierend ist. Aber ich finde es unfassbar schwierig ihn zu greifen und ihn dann auch noch in Worte zu fassen.

Irgendwann habe ich diesen Ansatz aufgegeben. Denn wenn ich immer wieder in der selben Sackgasse lande, dann ist die Methode vermutlich falsch.

Also habe ich angefangen meine Gefühle und Empfindungen zu befragen. Ich habe mir Fragen gestellt wie: Möchte ich als Mann leben? Empfinde ich mich als Mann? Würde ich etwas vermissen, wenn ich nicht mehr als Mann leben würde? Wie fühlt es sich an wenn ich mir vorstelle, als Frau zu leben? Gibt es etwas in einem Leben als Frau, bei dem ich Probleme hätte es anzunehmen? Wie fühle ich mich, wenn ich weiblich gedresst bin? Und so weiter....

Und plötzlich war es für mich sehr einfach. Auf all diese Frage hatte ich schnell sehr eindeutige Antworten. Nachdem ich mich zuvor Wochen und Monate über den rationalen Weg vergeblich abgearbeitet hatte, war mir nun innerhalb weniger Tage klar, was ich wollte, was gut und richtig für mich ist.

Meine Umgebung und was bedeutet das in der Wirklichkeit, all das habe ich erst einmal ausgeblendet. Mit war es sehr wichtig mir erst einmal Gewissheit über mich selbst zu verschaffen. Erst als das klar war, habe ich mir über darüber Gedanken gemacht, wie wohl meine Umgebung reagiert, wie der Weg aussieht und wie ich es umsetze.

Auch die Frage nach dem Warum und dem Wieso habe ich dabei ausgeblendet. Natürlich sind das für mich interessante Fragen. Aber auf der Suche nach mir selbst und dem was ich will, hätten sie mich nur gestört.

Wie einige hier wissen, habe ich mich gefunden, seitdem weiß ich was ich, hab mir meinen Weg gesucht und bin ihn auch gegangen. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass es zumindest für mich genau so richtig war und auch immer noch ist.

Liebe Grüße

Anke
Sentio ergo sum. - Ich fühle, also bin ich.

Les femmes sont fortes quand elles sont feminines. (Coco Chanel)

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Re: Geschlechtliches Empfinden: Woran macht ihr es fest?

Post 14 im Thema

Beitrag von Eisfee » Mi 13. Jul 2016, 10:28

Anke hat geschrieben: Auch die Frage nach dem Warum und dem Wieso habe ich dabei ausgeblendet. Natürlich sind das für mich interessante Fragen. Aber auf der Suche nach mir selbst und dem was ich will, hätten sie mich nur gestört.
Vielen Dank für Deinen Beitrag Anke, das entspricht ganz exakt auch meiner Ansicht und Vorgehensweise.


Vielleicht noch ein Klassiker für die Argumentsuchenden:

Mann und Frau als Paar streiten sich.
Er geht danach ins Bett und schläft in aller Seelenruhe.
Sie denkt nächtelang darüber nach und sucht nach einem Harmoniekonsens.
Tage später präsentiert sie ihm ihre Gedanken und Ideen.
Aber er hat es meistens schon längst vergessen und ist vielleicht noch genervt von ihrer Diskussionsfreudigkeit.


An solchen "einfachen" Alltagsgeschehnissen orientiere ich zum Beispiel mein Geschlechtsempfinden.


Trotzdem sollte man dabei übrigens nicht verdrängen und sich auch nicht dafür schämen, dass man als Frau mit TS-Hintergrund auch die Männlichkeit oft gut nachempfinden kann.
Wenn ich zum Beispiel mal eine Liebesgeschichte über Mann und Frau lese, dann kann ich meist beide Seiten, beide Gefühlswelten, ziemlich gut nachempfinden.
Allerdings identifiziere ich mich als Person dann stets in der weiblicheren Rolle in der Geschichte, welches natürlich in den allermeisten Fällen die Frau ist.
(na)

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Re: Geschlechtliches Empfinden: Woran macht ihr es fest?

Post 15 im Thema

Beitrag von Marielle » Mi 13. Jul 2016, 10:38

Guten Morgen Sara, Hallo zusammen,
Aber da wird mir "Weiblichkeit" zu diffus. Wenn ich mir etwas wünsche, muss dieser Begriff ja irgendeinen Inhalt haben.
Ganz bestimmt hat der Begriff Weiblichkeit (bzw. Geschlecht) einen Inhalt. Ich glaube aber, dass das kein universeller Inhalt ist, den man klar benennen kann und über den man Einigkeit in Form einer Definition herstellen kann. Es ist vielmehr eine Art (Ideal-)Bild, dass sich jeder Mensch vorstellt bzw. das er in sich trägt. Man kann es aus der eigenen Sicht heraus beschreiben, aber weil man es nicht sehen kann, werden sich andere Menschen nach dieser Beschreibung nie exakt vorstellen können, wie das Bild aussieht. Es bleiben Unschärfen und Interpretationsspielräume.

Daraus erkläre ich mir (ansatzweise) auch das Geschlechtsempfinden. Man hat ein Bild davon, wie man selbst ist, wie das eigene Geschlecht ist und gleicht dieses Bild mit sich selbst, seinen körperlichen und psychischen 'Gegebenheiten' ab. Dieser Abgleich ist individuell, findet aber unweigerlich auch im jeweiligen sozialen Geflecht eines Menschen statt. Wenn dieser Abgleich keine wesentlichen Differenzen zu dem eigenen Bild von Geschlecht ergibt, ist man 'cis'. Wenn man Menschen sexuell attraktiv findet, deren Bild sehr anders als das eigene ist, ist man 'hetero'.

Und wenn man es (aus welchen Gründen auch immer) will, kann man Menschen anhand irgendwelcher Merkmale in zwei Gruppen einteilen, dazu jeweils einen statistischen Mittelwert der individuellen Bild-Beschreibungen ermitteln und diese Positionen 'Mann' und 'Frau' nennen. Ich finde aber, man sollte das nicht tun, weil es m.E. keinen guten und vernünftigen Grund dafür, aber durchaus welche dagegen gibt.

Und wenn ich mir wünsche, dass andere mich genauso wahrnehmen, muss dieser Begriff auch eine inhaltliche Schnittmenge mit dem haben, was andere darunter verstehen.
Das sind dann wohl die genannten 'Mittelwertspositionen', an denen man seine eigene Aussendarstellung (Kleidung, Verhalten usw.) ausrichten kann oder denen sie einfach von allein entsprechen.

Aber ist es nicht so, dass man damit auch eine Forderung aufstellt, für die es vielleicht gar keine Grundlage gibt? Der Wunsch, von anderen als etwas Bestimmtes wahrgenommen zu werden, bedingt doch, dass es gesellschaftliche Vereinbarungen / Konventionen gibt, die diese gewünschte Wahrnehmung beschreiben und damit auch normieren. Das wären nur leider die gleichen Normierungen, die vorher zu einem Differenzerleben zwischen dem eigenen Bild einerseits und den eigenen 'Gegebenheiten' sowie den äusseren Erwartungen und Zuweisungen anderseits geführt haben.

Wenn die erwünschte Weiblichkeit zu variabel und undefiniert bleibt, verliert der Wunsch danach ja auch an Bedeutung.

Ich glaube, dass darin ein nicht optimaler (sogar falscher) Ansatz steckt. Weiblichkeit ist für dich doch nicht variabel oder undefiniert. Du kannst dein Bild von deinem Geschlecht ja ganz genau sehen; wenn du lange und genau genug hinguckst in allen Details. Undefiniert wird nur der soziale Teil des Abgleichs, der zwischen dir selbst und den Mittelwerten (die dann verschwunden wären) abläuft. Das macht die Sache nicht leichter, aber besser (finde ich). Es ist schwieriger, sich selbst zu bestimmen, als ein von aussen gereichtes Bild zu beschreiben, aber es ist besser, weil damit auch Normierungen und Zuweisungen ihre Macht verlieren. Dein Wunsch wird aber nicht an Bedeutung verlieren, wenn du dich selbst bestimmst, anstatt dich bestimmen zu lassen.
Also im Wesenskern: Was genau will ich eigentlich, wenn ich weiblich sein will?
Wenn meine Vorstellung stimmt, willst du deinem eigenen Bild ((d)einem guten Ideal) entsprechen. Du willst du selbst sein. Aber frag bitte nicht, wie dein Bild aussieht. Ich kann es nicht sehen, nicht beschreiben und werde dich auch nicht normieren.

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