Gendergerecht in Romanen
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ExuserIn-2020-11-14
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Gendergerecht in Romanen

Post 1 im Thema

Beitrag von ExuserIn-2020-11-14 »

Hallo Forum,

ich möchte jetzt hier ein Problem diskutieren, bei dem ich (erst einmal?) frustriert "die Flinte ins Korn geschmissen" habe. Ich zitiere dazu aus dem Sci-Fi-Roman "Elian von Erda", an dem ich gerade schreibe:
Anlim legt seine - oder Ihre? - Ausrüstung am Ufer ab und beide gehen zu dem Haus, das Elians Mutter gehört. Er oder sie? Die Wüstenkinder auf Valunor sind beides, Mann und Frau. Zwitter oder intersexuell könnte man sagen, aber bei ihnen sind im Gegensatz zum Menschen beide Geschlechter vollständig ausgeprägt. Sie können als Mann ein Kind zeugen, können aber auch als Frau ein Kind gebären. Das hat sich evolutionär auf Grund ihrer weit zerstreuten Lebensweise in der Wüste so entwickelt.

Vor sehr langer Zeit war es einmal so: Wenn jemand zu Besuch kam, und sich Sympathie zum Gastgeber oder der Gastgeberin entwickelte, bot der Besucher der Gastgeberin an ihr ein Kind zu schenken. Sie wurde dann als Frau mit einem Eisprung bereit zur Empfängnis. Bei ihm zeigten sich die männlichen Merkmale, und es wurden Spermien produziert. Wenn sich der Gast wieder verabschiedete, blieb die Gastgeberin zuhause und konnte im Schutz ihres Hauses das Kind austragen. Sich irgendwie selbst befruchten können Wüstenkinder nicht. So etwas wäre Inzucht. Für eine gesunde Population braucht es eine Vermischung der Gene.

So hat, auch heute noch, ein Wüstenkind immer nur eine Mutter, die gleichzeitig für ein anderes Kind der Vater sein könnte. Es kennt üblicherweise den Namen des Vaters, trifft aber mit ihm - oder ihr? - in der Regel nicht zusammen. Und es kann irgendwo einen Bruder oder eine Schwester geben, von dem oder der es nie etwas erfährt. Es sei denn die Mutter erzählt, dass sie einmal Vater geworden ist.

Was 'er' oder 'sie' angeht, wird nachfolgend für die Wüstenkinder aus Valunor die, im Deutschen leider bevorzugte, männliche Anrede verwendet, solange sie nicht irgendwelche Aufgaben einer Mutter übernehmen. Eine gechlechtsneutrale Anrede kennt die deutsche Sprache leider nicht, und irgendwelche Konstrukte wie sie*/_er, sier, xier oder ähnliches passen einfach nicht in den Textfluss eines Romans hinein. Und wäre es beispielsweise statt 'er' immer 'Elian', würde das ewige „Elian .. .”, „.. Elian ..”, „.. Elian.” beim Lesen auch nur auf die Nerven gehen.
Der "Knackpunkt" ist rot und fett hervorgehoben. Ich habe es Genderneutral versucht. Meinen Text hätte ich dann selbst nicht lesen wollen, obwohl ich da als Enby ja einiges gewohnt bin. Ein typischer oder normaler Leser eines Romans würde aber so etwas nach wenigen Zeilen wütend in die Ecke werfen.

Inzwischen nervt mich dieses "er", weil ich es für alle Wüstenkinder verwende, und so irgendwie der Eindruck von einem Jungen-Gymnasium oder Mönchskloster entsteht. Hat hier vielleicht jemand Anregungen, wie man es trotzdem irgendwie hin bekommen könnte. Ein "außerirdisches" Valunor-Pronomen vielleicht? Das müsste dann auch dekliniert werden können - aber bitte nicht xien, xier, xiehm, ... oder so ähnlich. So etwas will niemand in einem Roman lesen.

Beispiel: Elan steigt in ..? (sein) Raumschiff. Dann fährt ..? (er) den Plasma-Schwebe-Kreisel hoch. ..? (Ihm) springt dabei etwas sofort in Auge ...

Sonst schreibe ich jetzt einfach mit "er", "sein", "ihm", ... weiter. Es hinterher in ein anderes passendes Pronomen ändern wäre kein allzu großer Aufwand.

Liebe Grüße
Erika
!EmmiMarie!
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Re: Gendergerecht in Romanen

Post 2 im Thema

Beitrag von !EmmiMarie! »

Hi Erika...


das ist wieder mal schwierig..

was mir zuerst ins Auge sprang war viel mehr, das du Erda und Valunor
benutzt, was etwas zu sehr nach Tolkien Arda und Valinor riecht...

aber danach hast du ja nicht gefragt (moin)

Ich finde es total gut nur die Namen zu benutzen, das ist der einzige
Weg den ich sehe um von er/sie/es wegzukommen, oder über den Satzbau.
Erich_Erika hat geschrieben: Mo 3. Aug 2020, 10:39 Beispiel: Elan steigt in ..? (sein) Raumschiff. Dann fährt ..? (er) den Plasma-Schwebe-Kreisel hoch. ..? (Ihm) springt dabei etwas sofort in Auge ...
Elian steigt in das (seltsam geformte, regenbogenfarbene) Raumschiff (beschreiben wie sieht das Raumschiff aus, ohne Bezug
auf die Person). Dann plötzlich beim Hochfahren des Plasma-Schwebe-Kreisels ertönt ein Signal und die auffällige Leuchte
auf der Mitte des Schaltpultes ändert die Farbe von blau in lila.

Was will ich sagen-wenn man mehr umschreibt braucht es weniger Pronomen.

Alles Liebe Marie (flo)
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Re: Gendergerecht in Romanen

Post 3 im Thema

Beitrag von ExuserIn-2020-11-14 »

Danke EmmiMarie.
!EmmiMarie! hat geschrieben: Mo 3. Aug 2020, 11:08 .. etwas zu sehr nach Tolkien Arda und Valinor riecht ..
Hierzu muss ich sagen, dass ich da schon Tolkien im Hinterkopf hatte. Es sind erst einmal Arbeitsbezeichnungen, die ich jederzeit mit Suchen und Ersetzen ändern kann. - Ich will erst einmal etwas auf die Festplatte bekommen statt über irgendwelche Namen nachzudenken. Wenn ich krampfhaft welche suche, fällt mir nichts ein. 'Erda' kommt eigentlich von Enki (bei mit Elian) und den Sumerern. Tolkien hat 'Arda' daraus gemacht.

Sonst bekomme ich das, was Du schreibst, im Autoren-Hilfeforum immer unter 'show, don't tell' empfohlen. Ich lese aber überwiegend Sach- und Fachbücher, was natürlich meinen Schreibstil prägt. Und wenn es Romane sind, denn eher Tolkien - der erzählt auch lieber, als dass er zeigt - oder - noch schräger - Stanislav Lem. Also fällt mir so etwas schwer und ist folglich auch nicht wirklich mein Stil. - Es wäre aber schon einmal ein Aspekt beim Überarbeiten. Wenn ich mich aber verbiege, bringt es auch nichts.

Es geht einfach oft ohne Pronomen nicht. Vor allem, wenn von einer Szene zu einer anderen übergeleitet wird. Irgend etwas außerirdisch-prägnant-kurzes statt "xier", "xien", "xiehm" wäre ideal. Sonst mache ich viel mit wörtlicher Rede. Dabei braucht es nur selten Pronomen.

Gruß Erika
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Re: Gendergerecht in Romanen

Post 4 im Thema

Beitrag von Blossom »

Hi,

dürfte äußerst schwierig werden und damit letztlich sehr schwer zu lesen sein.
Mir stellt sich schon die Frage, wie sich die Bewohner selbst nennen und welches Pronomen sie für sich selbst verwenden. Auf der anderen Seite wird dann aber wieder in Begriffen von Vater und Mutter geschrieben ... Die Mutter wäre dann ja wohl eher das Wesen, dass Anlim geboren hat - ohne Bezeichnung Mutter.
Die textliche Erörtung der Verhältnisse kommt auch nicht gut. Wie das Problem zu lösen ist? Schwierig, da der Plot nicht bekannt ist - gehe ja davon, dass einer vorliegt.

Hier mal mein Ansatz dazu:
Anlim ließ die Ausrüstung am Ufer liegen, ehe sie gemeinsam zum Haus der Mutter schritten. Wieder einmal kreisten seine Gedanken darum, was er nun eigentlich war: ein Junge oder doch ein vielleicht ein Mädchen? Immerhin waren beide Geschlechter vollständig ausgeprägt, was sowohl eine Zeugung als auch eine Empfängnis zuließ. Anlim empfand sich wie ein Hybrid, jederzeit in der Lage genau die biologische Rolle auszufüllen, die von der Natur gerade als erforderlich angesehen wurde. Ein nachdenkliches Lächeln huschte über Anlims Gesicht, bei der Überlegung, einerseits Mutter eines Kindes sein zu können und für ein anderes zugleich der Vater …
Denke, dass es so besser zu lesen wäre ... Einen solchen Stil beizubehalten ist aber äußerst problematisch. Ich habe in meinem Ansatz nicht alle Details aufgeführt ... Begriffe, wie intersexuell etc. würde ich grundsätzlich vermeiden. Ein Roman soll unterhalten und nicht dazu führen Begrifflichkeiten googeln zu müssen, die einem Durchschnittsleser nicht bekannt sind. Vor allem sollten Teile, die der Autor/die Autorin verfasst - also keine direkte oder indirekte Rede darstellen - keine umfassenden erklärenden Infos bringen. Die sollten aus dem Ablauf der Geschichte heraus ersichtlich werden ... wird sonst schnell zu einem Sachbuchtext.

Okay, meine paar Gedanken dazu

Grüße
Blossom
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Sie wollen es vielleicht nicht zugeben, aber ich garantiere, sie kennen jemanden.«
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Re: Gendergerecht in Romanen

Post 5 im Thema

Beitrag von Tarja »

Hi,

du sprichst in deinem Text von Mutter, Vater, Schwester, Bruder, Mann und Frau. Damit führst du doch schon eine Geschlechtsunterscheidung ein. Wenn du es korrekt ausformulieren wolltest, müsstest du darauf verzichten.

Was ist denn der Kern des Textes? Vielleicht versteifst du dich zu sehr auf die Beschreibung der möglichen familiären Verhältnisse.

VG
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Re: Gendergerecht in Romanen

Post 6 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Becky Chambers schreibt Sci-Fi, die mir gut gefällt. In der Wayfarer Serie kommen etliche schön beschriebene Spezies vor, die wie so häufig auch als Analogien zu menschliche Varianten gelesen werden können. Die Aeluons zum Beispiel haben einen biologischen Geschlechtszyklus mit binären Polen und einem neutralen dritten Zustand. Es ist interessant zu lesen, wenn sich für die gleiche Figur über die Zeit die Pronomen ändern. Chambers verwendet die Neopronomen xe/xyr für den neutralen Zeitraum und an anderer Stelle auch an Stellen, wo über Wesen unabhängig von ihrem Geschlecht gesprochen wird, etwa bei unbestimmten Dritten.

Die drei Wayfarer Bücher kann ich stark empfehlen, beginnend mit "The Long Way to a Small, Angry Planet" bzw. der deutschen Übersetzung, deren Qualität ich allerdings nicht kenne. Es geht nicht um Kriege oder Imperien, sondern über sehr schön überlegte Gesellschaften.
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Re: Gendergerecht in Romanen

Post 7 im Thema

Beitrag von rika »

Liebe Erika,

zunächst: Erda ist ein Stadtteil von Hohenahr im Lahn-Dill-Kreis :lol:

Und jetzt: außer Latein, welches eine gewisse Logik enthält und fast eine Naturwissenschaft sein könnte, sind viele Sprachen "gewachsen" und nicht logisch zu erklären. Warum ist der Tisch männlich, die Lampe weiblich und das Fenster Neutrum? Macht alles keinen Sinn, oder?

Da ist Englisch viel leichter mit dem Artikel, aber auch wieder nicht, wenn es um Beschreibungen wie "he", "it" oder "she" geht.

Ich befürchte, dass Umschreibungen oder die Suche nach Alternativen schnell vom Inhalt ablenken, der Dir sicher wichtig ist.

rika
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Re: Gendergerecht in Romanen

Post 8 im Thema

Beitrag von ExuserIn-2020-11-14 »

Hallo,

erst einmal herzlichen Dank an alle für die Antworten. Ich habe die Anregungen einfach auf mich einwirken lassen und dann in einer schlaflosen Nacht den Text komplett überarbeitet.

Statt der Elben aus Valinor dachte ich, dass die Altlanter eigentlich besser in das beschriebene Szenario vor rund 8000 Jahren auf 'Erda' passen. Da denken doch bestimmt viele an Erich von Däniken. Also habe einfach die Buchstaben ein wenig verdreht und 'Alantar' daraus gemacht.

Das Problem mit den Pronomen habe ich folgendermaßen gelöst: So viele Stellen, wo es die Wüstenkinder aus Alantar betrifft, gibt es nicht. Also wird es immer umschrieben und sonst wird der Name genannt. Bei den Kindern von Erda bleibt bei "er" und "sie". Einzig eindeutig uneindeutig ist es nur mit dem Kind von Elian (Wüstenkind) und Lildim (Kind von Erda, weiblich), das zuerst als Mann bei den Kindern von Erda und später als Frau bei den Wüstenkindern aus Alantar lebt. Da ist es jetzt als Mann "er" und als Frau "sie".

Damit wäre dieses Thema für meinen Roman abgeschlossen. Gewissermaßen als Zugabe Zitiere ich einen überarbeiteten Abschnitt aus dem (noch unvollendeten) Roman:
..........
Zunächst wird der kleine weiße Zwerg, der Zentralstern des Alantar-Systems, mit seinen Planeten beim Blick nach hinten einfach immer kleiner. Bald sind die Planeten, wie auch der kleine weiße Zwerg, selbst mit einem Fernrohr nicht mehr zu erkennen. Sonst erscheint zunächst alles noch ganz normal. Nach längerer Zeit ändert sich mit der zunehmenden Geschwindigkeit aber alles. Beim Blick zurück leuchten die Sterne immer schwächer. Ihre Farbe ändert sich erst zu gelb und dann zu einem immer dunkleren Rot. Nach vorne werden sie zunächst heller und erscheinen dann in einem immer schwächer werdenden Violett.

Bei einem Blick Quer zur Bewegungsrichtung erscheint mit einem fließenden Übergang zu den beschriebenen Farben alles völlig verzerrt. Nur in einem immer schmaler werdenden Streifen genau senkrecht zur Bewegung bietet sich noch das gewohnte Bild. Es wird immer gespenstischer. Man hat immer mehr den Eindruck direkt in die Hölle zu fahren. Im Raumschiff ist aber alles in Ordnung. Als beim Blick nach vorne statt der Sterne nur noch völlig unbekannte Objekte zu sehen sind, spricht Elian Galandil an.

„Wie soll man denn da noch wissen, wo die Reise hin geht?”
„Wir haben eine Karte dieser Objekte aus Infrarot- und Wärmestrahlen berechnet, die wir jetzt hier mit dem Doppler-Effekt als leuchtende Sterne sehen. Also wissen wir genau, wo sich dazwischen der Stern der Sirion befindet. Zudem erhalten wir ein realistisches Bild von unseren Ziel, wenn wir Röntgenstrahlen in sichtbares Licht umrechnen. - Als ich das erste Mal zu einem fremden Stern unterwegs war, schockierte es mich aber genauso wie dich jetzt. Man hat den Eindruck plötzlich in einem ganz anderen Universum unterwegs zu sein.”
„Wie schnell sind wir jetzt eigentlich gerade?”
„Momentan ist es auf das Zeitmaß im Raumschiff bezogen ungefähr die zehnfache Lichtgeschwindigkeit. Maximal werden wir mit einer der fünffachen Schwerkraft auf Alantar entsprechenden Beschleunigung die sechzehn fache Lichtgeschwindigkeit erreichen. Dann drehen wir das Raumschiff um und bremsen wieder genauso stark ab. Damit dauert die Reise für uns statt der zwei Sternenjahre für die beiden galaktischen Meilen nur ungefähr ein Viertel eines Sternenjahres.”
„So bleiben Astronauten jung! Auf Alantar sind dann über zwei Sternenjahre vergangen.”

Abgesehen vom Blick aus den Fenstern ist es an Bord des Raumschiffs recht eintönig. Galandil überwacht alle Anlagen für den Antrieb und die lebenserhaltenden Systeme um eventuelle Fehlfunktionen rechtzeitig zu erkennen und entsprechend einschreiten zu können. Wenn da alles in Ordnung ist, gibt es viel Zeit zum Lesen verschiedener Bücher. Die anderen bereiten sich auf ihre Aufgaben am Ziel der Reise vor.

Elian ist für das Synchronisieren der Sternzeit mit dem Teilchenpaar-Transmitter zuständig und müht sich sonst mit der Chronik über den Abbau der Metalle auf IgWA 5-157-87-3 ab. In jedem Satz ist irgendwie zu Spüren, wie die Verfasser nur widerwillig ihrer Pflicht mit dieser Chronik nach kamen. Es sind zwar alle Aktivitäten dort vollzählig aufgeführt oder beschrieben, aber ein Sinn oder Zusammenhang ist nicht immer wirklich zu erkennen.

Elian spricht Galandil an: „Hier verstehe ich mal wieder überhaupt nicht, was das sollte, was da gemacht wurde. Kannst du dir das einmal ansehen?”
„Nein! Meine Aufgabe ist, euch mit diesem Raumschiff da hin zu bringen, wo das alles geschehen ist. Damit beschäftige ich mich, und sonst mit nichts. - Wenn du meine Meinung zum Abbau von Metallen auf fernen Planeten wissen willst: Früher sind wir auf Alantar mit dem klar gekommen, was auf der Außenseite unseres Planeten mit den Meteoriten dort hin gekommen ist. Dann wollten das die Waldkinder nicht mehr in der Enge der Fahrzeuge einsam und verlassen suchen und ausgraben. Und die Wüstenkinder sind sich ja zu fein für so etwas. Ich kann mir denken, was da jetzt auf diesem Planeten abgeht: Erst die Waldkinder und jetzt die Bewohner dort. - Also macht, was ihr wollt, aber bitte ohne mich! Ich bringe euch als Navigator da hin und reise mit der nächsten Gelegenheit zurück nach Alantar.”

Mit Galandils Meinung erscheint diese Chronik für Elian plötzlich in einem anderen Licht. Es ist sehr lange her, aber jeder, der auf Alantar lebt, weiß oder kennt es. Da gab es eine Zeit, in der es auf Alantar eine Entwicklung gab, die zu ähnlichen Zuständen hätte führen können, wie sie in dem Video bei dem Seminar von dem Roboter-Planeten gezeigt wurden. Bei den Wüstenkindern entwickelte sich die Technik rasant immer weiter, während die Waldkinder weiter in kleinen Dorfgemeinschaften von dem lebten, was ihnen die Natur bot.

Die künstliche Intelligenz zur Steuerung von Maschinen und Robotern war noch nicht weit entwickelt. Also brauchte man Arbeitskräfte in den Fabriken und auf der Außenseite des Planeten zu Einsammeln der Metalle. Deshalb lockte man die Waldkinder mit allen möglichen eher vermeintlichen Bequemlichkeiten in die Fabriken und nach draußen in den Weltraum. In den Wäldern wurde von immer weniger Waldkindern entsprechend weniger Nahrung produziert. Das Essen für die Waldkinder kam dann meistens aus den Fabriken, wo es möglichst effektiv hergestellt wurde.

Am Anfang ging alles gut. Es gab viele interessante neue Dinge, mit denen man sich die Freizeit vertrieb. Für die Wüstenkinder änderte sich erst einmal nichts. Ihre Nahrung kam weiter aus dem Meer und aus den Gärten bei ihren Häusern. Bald wurde es aber auch damit effektiver. Immer größere Schiffe zogen immer größere Netze durch das Meer. So wurden es immer weniger Fische. Also gab es auch bei den Wüstenkindern immer mehr Nahrung aus der Fabrik.

Zuerst wurden die Waldkinder krank. Deren Arbeitskraft wurde aber mehr und mehr durch selbständig arbeitende Maschinen und Roboter ersetzt. Also kümmerte es die Wüstenkinder nicht wirklich. Die Waldkinder kehrten in ihre Wälder zurück. Statt aber wieder ihre eigenen Lebensmittel auf natürliche Weise herzustellen, hingen sie nur noch herum und betäubten sich mit Mumdim. Dieses starke alkoholische Destillat aus Kräutern und Pilzen war bald fast das einzige Produkt, das die Waldkinder noch herstellten.

Nun wurden auch die Wüstenkinder krank. Wie schon zuvor die Waldkinder wurden sie fett und träge. In den Fabriken war inzwischen alles so perfekt organisiert, dass die Maschinen und Roboter nicht nur fast alle Arbeiten selbständig ausführten, sie reproduzierten sich auch bereits weitgehend selbst. Es brauchte nur noch ein paar wenige Wüstenkinder um diese ganze Produktion am Laufen zu halten.

Nun spitzten sich die Zustände zu. Metalle waren auf Alantar immer knapp, vor allem Kupfer für elektrische Leitungen. Manchmal wurden daher neu verlegte Fernleitungen in einsamen Gegenden einfach wieder abgerissen, weil man sich mit dem Kupfer bereichern wollte. Dann hatten wieder die Waldkinder die Aufgabe, in der brütenden Hitze der Wüste diese Leitungen zu bewachen, obwohl ihre Körper an ein solches Klima gar nicht angepasst sind.

Die Energie erzeugte man damals bereits mit der Wirbel-Kernfusion. Auch Schwebegleiter mit Plasma-Schwebe-Kreiseln waren bereits im Einsatz. Mit einer interstellaren Raumfahrt ging es aber nur langsam voran. Einen Kontakt zur galaktischen Union gab es noch nicht. Der entwickelte sich erst, als Raumschiffe begannen das Alantar-Sternsystem zu verlassen. Mit dem Kontakt setzte dann auch langsam ein Wandel bei den Zielen der technischen Entwicklung ein. Es wurde immer mehr eine natürliche Lebensweise angestrebt, die mit der Technik unterstützt und nicht von der Technik abgelöst wird.

Bald ist der Zeitpunkt zum Umdrehen des Raumschiffs erreicht. Dann wird mit der fünffachen Schwerkraft auf Alantar gebremst. Bis zum Ziel ist es für die Astronauten nur noch ein Achtel eines Sternenjahres. Nach der auf einen festen Punkt bezogenen Sternzeit ist es etwa ein Sternenjahr. So nach und nach zeigt sich draußen wieder ein immer normaleres Bild. Bald ist auch der angesteuerte Stern wieder zu sehen, und man kann ohne ein Umrechnen der Wellenlänge des Lichts direkt auf ihn zu steuern.

Es ist Sternzeit 8754-6820-3627-58. Das Zielobjekt ist nun deutlich zu sehen. Es ist ein sehr großer Stern, ein roter Riese. ...........
Zur Sternzeit: Ein Sternenjahr entspricht ungefähr 24 irdischen Jahren. Die Schreibweise ist: Epoche-Jahr-Tag-Stunde. Ein Tag hat 64 Stunden, ein Jahr 4.096 Tage, eine Epoche 65.536 Jahre. Seit dem Urknall sind 8754 Epochen vergangen.

IgWA bedeutet 'Intergalaktischer Weltraum-Atlas'. Schreibweise: Galaxie-Sternhaufen-Stern-Planet.

Liebe Grüße
Erika
Anella
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Re: Gendergerecht in Romanen

Post 9 im Thema

Beitrag von Anella »

Die Sprache sollte immer ein Werkzeug für menschliche Gedanken sein. Wenn mir als Mechaniker ein Werkzeug fehlt, da muss ich es selber herstellen. Wieso haben wir nicht das gleiche Recht bei der Sprache? Meine Hauptsprache ist norwegisch, ich bin zwar mit deutsch aufgewachsen. Die Pronomen er und sie sind auf norwegisch „han“ und „hun“. In letzter Zeit haben wir das gleiche Bedürfnis bekommen ein genderneutrales Wort zu finden. Das Wort „hen“ hat sich da beeinflusst vom finnischen „hän“ eingebürgert. Interessanterweise kennt das Finnische kein eigenes Wort für er und sie. (Unterschied zwischen der, die und das gibt es auch nicht). Dies hat eine besondere moderne Implikation für die Bibel. Gott ist da immer „hän“, und damit weiss keiner ob er männlich oder weiblich ist. Der Allmächtige ist nicht an ein Gender oder Geschlecht gebunden. Weiter unterscheidet man heute im Norwegischen nicht mehr zwischen Lehrerin und Lehrer, sondern braucht immer nur eine Bezeichnung (ohne -in) für alle Berufe, was ja auch die Sprache vereinfacht, und den Sprachfluss (was hier auch diskutiert wird) verschnellert. Das Deutsche hat da auch wieder den komplizierten Weg gewählt, um nicht diskriminierend zu sein schreibt man immer beide Formen.
Die Rechtschreibung im Norwegischen wird so weit wie möglich der Aussprache angepasst. Wir hatten etwa drei Sprachreformen im zwanzigsten Jahrhundert durchgeführt. Dies ist nicht immer zum Besten für die ältere Generation, doch die Kinder haben es dadurch einfacher in der Schule, und für Menschen mit Legasthenie ist es auch eine Befreiung. Weiter hat man im norwegischen die Groß Kleinschreibung schon lange abgeschafft, und Fremdwörter mit ph konsequent auf f verändert, nicht wie im deutschen wo man fast Akademiker sein muss um zwischen Fremdwörter und Lehnwörter zu unterscheiden.
Reden wir hier nicht über Diskriminierung? Die Sprache wird diskriminierend wenn wir nicht den Mut haben unsere Gedanken mit neuen Wörter zu vermitteln, und alte aufgeben. Der Blick nach Nordeuropa von wo Pippi Langstrumpf und Selma Lagerlöf kommen wäre ein guter Anfang. (Selma war die erste Frau die den Nobelpreis für Literatur bekam. Sie war übrigens Homosexuell). Dies wäre auch ein neuer Impuls für diejenigen die in der deutschen Monokultur leben, oder nur die englische Weltherrschaft bewundern
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Re: Gendergerecht in Romanen

Post 10 im Thema

Beitrag von Blossom »

rika hat geschrieben: Mo 3. Aug 2020, 15:18 Warum ist der Tisch männlich, die Lampe weiblich und das Fenster Neutrum? Macht alles keinen Sinn, oder?
Liebe Rika,

macht Sinn ... lächel ... Während DER Tisch fest auf seinen Beinen steht, ist DIE Lampe eher ein wechselhaftes Wesen - mal an, mal aus; - aber sowohl ER als auch SIE können gemeinsam durch DAS Fenster schauen ... na, macht das nicht doch Sinn? ... hihi

Liebe Grüße vom
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Re: Gendergerecht in Romanen

Post 11 im Thema

Beitrag von -Alexandra- »

Hallo Blümchen,
jetzt bin ich aber neugierig geworden warum es DAS Fenster heißt und warum sie zu DEM rausschauen ;-)

Lg Alexandra )))(:
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Re: Gendergerecht in Romanen

Post 12 im Thema

Beitrag von Blossom »

-Alexandra- hat geschrieben: Mo 4. Jan 2021, 19:53 etzt bin ich aber neugierig geworden warum es DAS Fenster heißt und warum sie zu DEM rausschauen
Na, Alexandra ... die beiden beobachten lächelnd ihr Nachwuchs ... DAS Beistelltischchen und DAS Nachttischlämpchen, im Garten spielend ... lächel ... die beiden, die noch gar nicht wissen. ob sie nun später DIE Konsole oder DER Kronleuchter werden wollen ... Wie du siehst, hat der Nachwuchs Eltern, der es seinen Kleinen überlässt und ihn liebt wie er ist ... Ist doch toll, oder?

ein schmunzelndes
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