conny hat geschrieben: Mo 2. Mär 2026, 17:47
Wally hat geschrieben: Mo 2. Mär 2026, 13:55
Eben diese grundlegende Erkenntnis unterscheidet das Neue Testament vom Alten: statt "Auge um Auge" eben mal
nicht "zurückschlagen" (wobei ja in einem Krieg
jeder Schlag "bloß" ein "Zurückschlagen" ist...), sondern diese Gewaltspirale durchbrechen und dem Feind "auch noch die andere Wange hinhalten". Klingt erst mal naiv, ist aber in aller Regel die EINZIGE Möglichkeit einen Kampf unmittelbar zu beenden: schon zu einem bloßen Waffenstillstand kommt man logischerweise NUR dadurch, dass einer der Kontrahenden mittendrin einfach mal aufhört, "zurückzuschlagen" - in der Hoffnung, dass es der andere dann auch tut.
Das ist m.E. aber ziemlich naiv. Du schreibst selbst "in der Hoffnung". (...)
Natürlich "nur" Hoffnung; das kann auch schiefgehen. Es
kann passieren, dass ich erst richtig in die Fresse kriege, sobald ich aufhöre, "zurückzuschlagen". Dieses Risiko muss ich eingehen, wenn ich einen akuten Kampf beenden will. Frieden kriegt man in einem akuten Kampf nicht umsonst, man muss dafür - und damit - in
Vorleistung treten. Frieden schließen erfordert deshalb zuallererst Mut: sogar
mehr Mut, als weiter zu kämpfen! "Feigheit vor dem Feind" beweist dagegen oft gerade derjenige, der den Feind "präventiv" angreift - eben,
weil er ihn fürchtet, und schon der bloßen
Möglichkeit eines Angriffs seinerseits begegnen will. Das ist zwar menschlich verständlich, er will halt überleben. Aber mutig ist das nicht, und dem Frieden dienlich erst recht nicht.
Einen Kampf einseitig einzustellen schafft noch keine Sicherheit - aber immerhin Raum für Hoffnung. Für den Moment ist das besser als nichts! Solange beide
nicht aufhören, "zurückzuschlagen", gibt es dagegen auch keine Hoffnung. Man kann nun mal einen Krieg nicht beenden, indem man ihn aktiv weiterführt oder gar noch eskaliert: das ist ein Widerspruch in sich.
So weit zur Theorie; nun zum konkreten Fall:
Ich denke, wir sind uns hier so ziemlich einig darüber, dass die israelischen Juden existenziell bedroht sind, und zwar von mehreren Seiten, zu denen auch der Iran gehört. Insofern mag es nicht unbedingt heldenhaft und "gerecht" sein, wenn sie zur Waffe greifen; verständlich ist es allemal. Es ist müßig, da jetzt über strittige Völkerrechtsgrundlagen dreier, vorangegangener Generationen zu debattieren: wenn mir jemand aktuell den Kopf abzuschneiden droht, dann ist das nicht der geeignete Moment für so eine Debatte. Dann kann ich nur alles, wirklich ALLES Verfügbare tun, um JETZT das Messer von meinem Hals fernzuhalten. Andernfalls kann ich nur noch tun, was ein Mensch ohne Kopf eben so tut: garnix mehr, Gerechtigkeit hin oder her.
Auch einen "Präventivangriff" wage ich in dieser Situation nicht in Bausch und Bogen zu verurteilen: um zu beurteilen, wie weit so etwas "gerechterweise" gehen darf, müsste man mehr über die Situation wissen, als die Kombattanten selber wissen.
Eine Notwehrlage ist immer subjektiv. Einen "gerechten" Krieg kann es sowieso niemals geben, weil der Krieg selber das denkbar größte Unrecht ist, das man Menschen überhaupt antun kann. Es ist entschuldbar, wenn man in einer Notwehrsituation zur Waffe greift - aber mehr auch nicht. "Gerecht" kann der Griff zur Waffe auch dann
nicht sein, weil Waffengewalt IMMER auch Unrecht gegen den menschlichen Gegner beinhaltet; man kann das gar nicht vermeiden. Die Israeli sind deshalb in meinen Augen prinzipiell (außer natürlich für echte Kriegsverbrechen) im aktuellen Konflikt erst mal entschuldigt - aber
nicht politisch gerechtfertigt! Wie eine
gerechte Einigung in diesem Konflikt aussehen könnte, ist eine ganz andere Frage, über die man überhaupt erst dann sinnvoll reden kann, wenn das gegenseitige Abschlachten aufgehört hat - auf BEIDEN Seiten. Solange jemand auf mich schießt, kann ich mit ihm unmöglich fair verhandeln.
Für Trump und die Amerikaner sieht das grundsätzlich anders aus. Die sind
nicht existenziell bedroht! Als erklärte Schutzmacht Israels haben sie natürlich eine ethische Verpflichtung zur Hilfe; aber die kann niemals so weit gehen, damit wiederum anderen Völkern vermeidbares Unrecht anzutun. Die Amerikaner können sich da nicht auf eine Notwehrsituation berufen; im Gegensatz zu den Israelis selber müssen sie bei der Wahl ihrer Mittel in diesem Konflikt strikt auf
Verhältnismäßigkeit achten; alles andere wäre ein Kriegsverbrechen. Obwohl er die größte Streitkraft der Welt befehligt, kann auch der amerikanische Präsident Israels Sicherheit auf Dauer nicht wirklich garantieren. Wenn Israel nicht zu retten sein sollte,
ohne anderweitig ähnliche Menschheitsverbrechen zu begehen, dann ist Israel eben nicht zu retten. Trump ist nicht Gott.
Zudem sind die USA - im Gegensatz zu Israel - eine globale Großmacht. Als solche haben sie eine besondere, ethische Verpflichtung, den Weltfrieden zu wahren. Ich gehöre nicht zu denen, die den Amis reflexhaft unterstellen, in Nahost "nur" das iranische Öl einheimsen zu wollen; aktuell mag das für Trump wirklich nur eine Nebenrolle gespielt haben. Aber als Präsident einer Weltmacht muss er solche Dinge ins Kalkül ziehen: es ist keine Kleinigkeit, wenn durch seine Militäraktionen in Venezuela und Iran zusammen plötzlich fast 30% der weltweit bekannten Erdölreserven von der östlichen in die amerikanische Einflußsphäre übergehen. Eine derart gravierende Machtverschiebung birgt ein immenses, weltweites Konfliktpotenzial, das Trump hier zu verantworten hat. Speziell im Verhältnis zu China, wo es unter anderem (nicht nur) wegen Taiwan eh schon kokelt, ist das ein gewaltiger, zusätzlicher Affront - eine weitere Weichenstellung in Richtung eines globalen Kriegs.
Wie Kriegslogik funktioniert, kann man aktuell am Ukrainekrieg studieren: der wird jetzt erst mal munter weitergehen, kein Ende in Sicht - allein schon deshalb, weil er die Russen militärisch bindet und sie davon abhält, sich im Iran einzumischen. Es gibt also jetzt nicht etwa Krieg im Iran
statt in der Ukraine, sondern Krieg im Iran
und in der Ukraine, das bedingt sich gegenseitig (ohne den Ukraine-Krieg hätten die Amerikaner diesen Überfall auf den Iran gar nicht erst wagen können). Im Libanon brennt's jetzt auch schon wieder, weil der Iran als Schutzmacht für die dort mächtige Hisbollah paralysiert ist. Wo es jetzt sonst in der Welt noch überall zu brennen anfängt, muss man sehen. Der neuerliche Krieg zwischen Pakistan und Afghanistan z. B. scheint zwar auf den ersten Blick mit Nahost nichts zu tun zu haben; aber in der weltweiten Lagerbildung angesichts der wachsenden Anzahl der Konflikte werden auch die sich Verbündete suchen, und dann einen möglichen Flächenbrand kräftig mit anheizen.
Ich bin von Trump schwer enttäuscht. Nicht, dass ich einem "demokratischen" Präsidenten Besseres zugetraut hätte; was Trump jetzt im Iran tut, ist ja ziemlich exakt derselbe Mist, wie ihn seine Demokraten-Vorgänger - im Fall Obama dafür groteskerweise auch noch mit dem Friedensnobelpreis behängt - auch schon verbrochen haben. Nur ist dasselbe in der gegenwärtigen Weltlage noch ungleich gefährlicher geworden... Aber diesem Trump hätte ich nach seiner ersten Amtszeit - und dem ersten Jahr seiner zweiten - mehr zugetraut. Eine Zeitlang schien es ja wirklich so, als ob er dem Frieden die erste Priorität einräumen würde. Stattdessen zündelt er jetzt mit seinem MAGA fahrlässig an der Lunte zum 3. Weltkrieg herum.
So richtig entsetzt bin ich mal wieder über "unsere" europäischen Politiker. Solange Trump Friedenspolitik versucht hat, haben sie sich tagtäglich gegenseitig dabei übertroffen, auf ihn einzudreschen. Aber genau jetzt, wo Kritik - oder wenigstens eine vorsichtige Distanzierung - wirklich mal dringend angebracht wäre, ist da plötzlich Schweigen im Walde. Kein Wort mehr vom vorher so Monstranz-artig herumgetragenen Frieden und Völkerrecht: wenn beides auf
dieser Seite so eklatant gebrochen wird, scheint das ganz okay zu sein. Jenseits aller transatlantischen Differenzen der letzten Jahre scheint man sich über eines mit den Amerikanern nahtlos einig zu sein: MAN WILL KRIEG.
Die Grünen waren doch einstmals DIE Anti-Kriegs-Partei. Wohin ist dieses Denken eigentlich verschwunden? Kaum waren sie mit an der Regierung, haben sie fleißig im völkerrechtswidrigen Jugoslawien-Krieg mitgebombt. Und gegenwärtig sitzen sie zwar in der Opposition, gerieren sich aber mit ihrer unsäglichen "Brandmauer" als fester Bestandteil des Regierungsblocks, der nur zufällig grade mal eine Auszeit genommen hat - und machen auch die Kriegstreiberei dieser Regierung frischfröhlich und völlig distanzlos mit.
Es wäre höchste Zeit, dass sich die Grünen erstens auf ihre pazifistischen Wurzeln und zweitens auf ihre Oppositionsrolle besinnen. Es wäre höchste Zeit, dass sie endlich wieder die Massen
gegen eine in einen neuen Faschismus abkippende Regierung mobilisieren, sie auf die Straßen schicken und Druck machen lassen, wie ehemals gegen SPD-Kanzler Schmidt's "Nachrüstungsbeschluss". Sie würden damit in beiden anderen Oppositionsparten bereitwillige Mitstreiter finden, und sie könnten sich damit auch endlich wieder redlich neue Wählerschichten erschließen. Denn eines sollte klar sein: die große Mehrzahl der Deutschen will - durchgehend seit 1945 bis heute - NIE WIEDER KRIEG! Diese Lektion haben wir Deutsche ein für allemal gelernt. Nur unsere Regierung nicht.