Transgender und Integration in die Familie
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Sally

Transgender und Integration in die Familie

Post 1 im Thema

Beitrag von Sally » So 26. Dez 2010, 13:38

Moin und frohe Weihnachten allen! (smili)

In Hubertines Vorstellungs-Thread ist mir etwas... hmm, aufgestoßen: Rosi_neu hat da was geschrieben, was mich nachdenklich macht und brennend interessiert (u. a. auch aus professioneller Sicht, ich bin Sonderpädagogin). Allerdings hab' ich gedacht, ich poste es hier, da das eindeutig über Willkommensgrüße hinausgeht - hoffe, das ist ok. Rosi schrieb Folgendes (Thema "Akzeptanz in der Familie", grob umrissen):
da stellt sich die Frage: Wie alt? Mein Sohn (15) dürfte das nicht wissen, er würde
mich verachten und als schwules Schwein abstempeln.
Da stellen sich mir gleich mehrere Fragen:

Dein Satz enthält gleich mehrere negative :!: Erwartungen.

Verachten - woher nimmst Du die Sicherheit (reine Interessenfrage, ich zweifle nicht an Deinen Erwartungen), dass Dein Sohn so negativ reagieren würde?

Abstempeln - Wenn Dein Sohn solchen "Schubladen" und "Etikettierungen" gedanklich folgt, kann man da nicht ... hmm ... erzieherisch was tun? Oder anders gefragt: Hat Man(n) als Vater / Eltern nicht das Bedürfnis, den Kindern mehr Offenheit mitzugeben? Versteh' mich nicht falsch, ich sage nicht, dass das mal eben gemacht ist - aber ich hätte damit gerechnet, dass Du als Trans*-Mensch selbst eine gewisse gedankliche Offenheit zum Thema Geschlecht und dem entsprechenden (oder nicht entsprechenden :wink: ) Rollenverständnis hast. Und somit hätte ich zumindest mit Anführungszeichen für den Ausdruck

schwules Schwein gerechnet. Das verwirrt mich ein bisschen. Homosexualität ist doch zum Glück fast komplett gesellschaftlich etabliert!

Falls ich den Eindruck erwecke, mit erhobenem Zeigefinger hier rumzuwedeln: Das ist nicht meine Absicht :) Ich bin mir bewusst darüber, dass erhobene Zeigefinger unkonstruktiv sind, in jeglichem Zusammenhang. Ich würde nur gern wissen, ob Dein Post mich zurecht so verwirrt, oder ob ich etwas falsch verstanden habe :?:

Spannend finde ich auch, was Jennifer erwidert hat:
Meine Tochter ( 11 ) hat einmal durch Zufall mibekommen,das ich eine rote Corsage gekauft hab und hat gesagt,das ich schwul wäre und das sie mich wieder davon abringen möchte. Dabei bin ich nicht schwul.
Wie ging es / geht es weiter? Sprichst Du darüber mit Deiner Tochter? Ist es ein Thema? Also, nicht nur Deine rote Corsage, sondern auch die Tatsache, dass man Schwulsein nicht "wegmachen" kann - selbst wenn es Dich persönlich nicht betrifft.

Die Integration des Themas Transgender in die eigene Familie zu bringen - das finde ich spannend. Sicher, es muss eine grundlegende Basis an Offenheit/Akzeptanz da sein, zumindest vom Partner - allerdings scheint das ja in beiden Fällen so zu sein. Nur: es kann doch nicht bei den Kindern Halt machen mit der Integration - oder? Kann man(n) sich einerseits freuen, dass die Partnerin "damit" klarkommt und gleichzeitig selbst damit klarkommen, dass die Kinder einen "abstempeln"?

Interessierte liebe Grüße
Sally

Anne-Mette
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Re: Transgender und Integration in die Familie

Post 2 im Thema

Beitrag von Anne-Mette » So 26. Dez 2010, 14:00

Moin,

Es ist schön, dass Du für diese Zwecke ein neues Thema aufgemacht hast (smili)
Eine ähnliche Diskussion hatten wir zwar schon einmal, aber das macht nichts.
Abstempeln - Wenn Dein Sohn solchen "Schubladen" und "Etikettierungen" gedanklich folgt, kann man da nicht ... hmm ... erzieherisch was tun?
Das ist eine Frage, die sich auch mir stellen musste.
Nun ist es so, dass für sehr viele Jugendliche Peer-Groups eine wichtige Rolle spielen - und dass Erzeugnisse der Subkulturen eher zum Gesetz werden wie freiheitliches Denken.
Man darf sich gern noch einmal erinnern an die Texte von Sido, Bushido und Konsorten. Teilweise wurde eine richtige Schwulen-Hatz betrieben und beschrieben.
... und Leute, die keine Ahnung haben, stecken Männer in Frauenkleidung gern mit in die große Tüte mit dem Label "schwul".
Weiterhin habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele unserer Kinder und Jugendlichen sehr festgelegt sind mit ihrem Denken - und meinen, dass es nur Mann und Frau gibt und keine weiteren Erscheinungsformen.
Mein Sohn sagte einmal: "ein Mann ist ein Mann und eine Frau eine Frau. Das muss man schon an der Kleidung erkennen können. Männer tragen Hosen und Frauen Röcke...".

Ich kann mir also gut vorstellen, dass der Eine oder Andere Befürchtungen hat, sich vor seiner Familie - und vor allen Dingen vor seinen Kindern zu outen.

Gruß
CPG

Jamie
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Re: Transgender und Integration in die Familie

Post 3 im Thema

Beitrag von Jamie » So 26. Dez 2010, 14:18

cpg hat geschrieben:dass Erzeugnisse der Subkulturen eher zum Gesetz werden wie freiheitliches Denken
ja, genau! Nichts ist, für diese "Gruppenmitglieder", schlimmer, als schwul, berechtigt oder nicht,
eingestuft zu werden. Diese Klassifizierung ist so ziemlich das Schlimmste in dem Alter.
Und da wird sich eben an Äußerlichkeiten festgemacht. Wer nicht "Marken" Konform ist,
wird bestraft.
Sally hat geschrieben:Homosexualität ist doch zum Glück fast komplett gesellschaftlich etabliert!
oberflächlich betrachtet schon, aber geh mal an den "Stammtisch" oder so ..
Zuletzt geändert von Jamie am Di 28. Dez 2010, 23:50, insgesamt 1-mal geändert.
Liebe Grüße - Jamie

Sally

Re: Transgender und Integration in die Familie

Post 4 im Thema

Beitrag von Sally » So 26. Dez 2010, 14:55

...hmmm... ich sträube mich gegen diese Pauschalisierung.

Und ich will mich kurz erinnern an meine Pubertät (Achtung: die ist jetzt 25 Jahre her!).

Mal abgesehen von dem ganzen hormonellen Durcheinander, das romatische Extreme nach sich zog :mrgreen: , war ich sehr interessiert daran, mein Gehirn zu benutzen. Das hätte ich damals wahrscheinlich nicht so gesagt - aber ich habe viel viel Zeit damit verbracht, mit wenigen, sehr engen Vertrauten stundenlang zusammenzusitzen und Diskussionen zu führen. Über uns, über mich, über Themen wie die Todesstrafe, das Erkunden des Weltalls, Hundehaltung, Marihuana, Popmusik, holländischen Käse, AIDS und was weiß ich nicht noch alles. Das Spannende daran waren nicht die Themen selbst - sondern das Darüber-Nachdenken, das Sich-eine-eigene-Meinung-bilden, das eigene-Meinung-vor-anderen-vertreten - und damit nicht zuletzt auch sozial und emotional vielfältigen Kontakt zu haben.

Da war nicht nur eine Subkultur vertreten, das war bunt gemischt. Da waren die Punks, die Gothics, die Segler, die Streber - und es hat funktioniert.

DAS hatmich geprägt. Klar, es gab auch andere, die haben halt anderen Kram gemacht. Und immer nur "unter sich". Und das machen die heute noch (tun mir ein bisschen leid :wink: ). Aber für mich war das wichtig - und ich war nicht allein, sonst hätte ich nicht so viele Antworten und Anregungen bekommen :mrgreen: .

Sicher gibt es den großen Drang, "dazuzugehören" - egal, zu welcher Gruppe. Aber ich weiß noch, dass für mich das Gefühl vorherrschend war, ein "Selbst" zu werden. Eigen. Aus der Menge erkennbar und nicht mehr "nur" ein Teil eines wabernden Ganzen - Abgrenzung war da ebenso wichtig.

Also, was ich sagen will: Traut der Jugend etwas zu - gerade emotional und intellektuell :) Nicht mit der Tür ins Haus - aber ein erwachsen-Werdender freut sich m.E. durchaus über Anregung und die Möglichkeit, sich im ursprünglichen Sinne zu bilden. Und damit meine ich nicht Mathe und Französisch 8)

LG
Sally

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Re: Transgender und Integration in die Familie

Post 5 im Thema

Beitrag von Anne-Mette » So 26. Dez 2010, 15:04

Moin,

ja, natürlich sollte man nicht pauschalisieren. Schon bei uns in der Familie gibt es große Unterschiede.
Die beiden älteren Jungs habe meine Veränderungen ohne lautstarke Missfallensäußerungen akzeptiert.
Sie waren auch nicht ganz so geprägt von "deutschem Liedgut" (smili)
Witziger Weise hat die Theatergruppe der Schule ein Stück aufgeführt, in dem ein Transvestit mitspielte. Ein guter Freund meines ältesten Sohnes hatte diese Rolle :lol:

Gruß
CPG

Jamie
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Re: Transgender und Integration in die Familie

Post 6 im Thema

Beitrag von Jamie » So 26. Dez 2010, 15:11

Sally hat geschrieben:Also, was ich sagen will: Traut der Jugend etwas zu - gerade emotional und intellektuell
da hab ich aufgegeben .. Intelektuell!? Was ist das denn? Unterhalten sich nur noch über den und den bei Mekkes
(McDonalds) und über Facebook .. Weigern sich Bücher zu lesen (ausser vlt. Harry Potter, etc.).
3. und 4. Personen (und ihre angeblichen Probleme) sind wichtiger als man selbst.
Nee, wenn kein Wunder geschieht - der Untergang des Abendlandes ist uns gewiss ..
Liebe Grüße - Jamie

Joe95
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Re: Transgender und Integration in die Familie

Post 7 im Thema

Beitrag von Joe95 » So 26. Dez 2010, 22:32

für mich denke ich das eine gute art der annäherung respekt ist...
und zwar gegenseitiger respekt...

ich kann auch ein kind respektieren und ein kind, das es als normal empfindet das man ihm zuhört und seine ansichten und meinungen beachtet, wird seinerseits ansichten und meinungen anderer respektieren...

jedenfalls hab ich die erfahrung gemacht, wir hatten kinder zwischen 0 und 16 jahren im haus als ich anfing öffentlich röcke zu tragen...
Den Weg sehe ich vor mir, es wird Zeit für den einen oder anderen Schritt.

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Re: Transgender und Integration in die Familie

Post 8 im Thema

Beitrag von s_Roeckchen » Di 28. Dez 2010, 23:25

Mir fällt dazu erst mal ganz heftiger Tobak ein:

Wenn die eigenen Kinder so reden, hat man dann zur Tarnung sich dermassen selber verleugnet? Sicher nicht nur, denn auch die Umfelder Schule, Freunde, Nachbarn tragen das ihre zu so einer Ansicht bei. So Ansichten kommen ja nicht aus dem Nichts.

Es ist nach meiner Erfahrung vollkommen egal, welchen Hintergrund Jugendliche haben. "Migrationshintergrund" oder nicht, wenn sie mich als CD sehen fallen die Reaktionen so halbe halbe aus. Das ändert sich aber ab Grüppchen von 5 aufwärts. Da können sich die negativen Äusserungen schon aufschaukeln.
Interessant ist auch, daß in der Theatergruppe meiner Tochter die meisten Schwierigkeiten mit meinem Kleidungsstil ausgerechnet das Mädel aus der Schauspielerfamilie hat. Nix mit offenem Geist.

Meine 2 kennen mch inzwischen nicht anders. Meine Tochter sagte mal: "Auch wenn Du einen Rock anhast, bist Du immer noch Du. Du verhältst Dich nicht anders als wenn Du eine Hose anhast."
Wir hatten aber auch dazu einen Runden Tisch, wo ich meine Beweggründe sagte und sie wie sie sich dabei fühlen.

(Ich bin aber kein Transidenter, kann also sein, daß es meine Fam. "leichter" hatte.)
...ridicule is nothing to be scared of...
(A.Ant "Prince Charming")

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