taz: Konflikt zwischen Biologie und sozialer Konstruktion
taz: Konflikt zwischen Biologie und sozialer Konstruktion

Hintergrundwissen
Antworten
Anne-Mette
Administratorin
Beiträge: 13563
Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
Geschlecht: InterS
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Ringsberg
Membersuche/Plz: 24977
Hat sich bedankt: 687 Mal
Danksagung erhalten: 5093 Mal
Gender:

taz: Konflikt zwischen Biologie und sozialer Konstruktion

Post 1 im Thema

Beitrag von Anne-Mette » Mo 1. Okt 2018, 15:49

Moin,

es geht um eine Thematik, die auch mich schon eine ganze Weile bewegt; denn was nützen Fortschritte, die eine "theoretische Freiheit" in Bezug auf eine geschlechtliche Einordnung (oder auch NichtEinordnung) bringen könnte, wenn die Papiere nur als Wandschmuck dienen können und es "in der Praxis" schwer ist, (s)eine Rolle zu leben, die einem richtig und angemessen erscheint.

Die Autorin Marlen Hobrack schreibt in der Welt, man dürfe die biologische Definition von „Frau“ nicht durch Inklusion von trans* Frauen auflösen, und darum geht es in der Kolumne in der taz: http://www.taz.de/!5536251/

Gruß
Anne-Mette

MichiWell
registrierte(r) Benutzer(in)
Beiträge: 2951
Registriert: Mo 19. Dez 2016, 09:45
Geschlecht: Teilzeitfrau
Pronomen: sie
Membersuche/Plz: Leipzig - Chemnitz - Gera
Hat sich bedankt: 1393 Mal
Danksagung erhalten: 2093 Mal

Re: taz: Konflikt zwischen Biologie und sozialer Konstruktion

Post 2 im Thema

Beitrag von MichiWell » Mo 1. Okt 2018, 19:22

Das zeigt, dass Feminismus und Konservativismus sich nicht per se ausschließen.

Es geht (leider) immer nur um Eines: Um Macht.

Ein guter *Ismus zeichnet sich m.M.n. dadurch aus, dass er für nicht weniger als alle eintritt. Und da fallen mir ad hoc nur Humanismus und Buddhismus ein.
Brauchst Du Hilfe oder einfach jemanden zum quatschen? Schick mir ´ne PN!

Vicky_Rose
registrierte(r) Benutzer(in)
Beiträge: 1645
Registriert: Do 20. Nov 2014, 15:59
Geschlecht: m und f
Pronomen:
Membersuche/Plz: Raum Karlsruhe
Hat sich bedankt: 184 Mal
Danksagung erhalten: 953 Mal

Re: taz: Konflikt zwischen Biologie und sozialer Konstruktion

Post 3 im Thema

Beitrag von Vicky_Rose » Di 2. Okt 2018, 09:36

MichiWell hat geschrieben:
Mo 1. Okt 2018, 19:22
Es geht (leider) immer nur um Eines: Um Macht.
Vielleicht auch um Angst. Oder um beides, denn Machtverlust kann auch Angst vor Kontrollverlust sein.
Make Feminism Great Again!


Dieser peinliche Spruch steht auf einem T-Shirt, der von "Emma" vertrieben wird. Braucht dieser Feminismus diese Anlehnung an die Trump'sche Rhetorik ? Oder soll das ein selbstironischer Anflug sein, der verschleiern soll, wo der Feminismus steht ?

Der Feminismus hat in seinen früheren Phasen eine sehr wichtige Rolle gespielt und spielt auch heute noch in vielen Bereichen eine wichtige Rolle. Aber aus dem Für und Gegen muss auf Dauer ein Miteinander werden, statt sich nur abzugrenzen, denn in meinen Augen ist die Abgrenzung immer ein Rückschritt, der zeitweise notwendig erscheint.

Was können wir aus dem o.g. "Konflikt" denn lernen ? Gibt es ihn überhaupt ? Und wenn ja, an welcher Stelle ?

Ich kann ihn im Kern nicht erkennen. Alle körperlichen Formen, auch Intersexualität, sind biologisch determiniert. Aber auch die soziale Konstruktion findet letztlich ihren Niederschlag in der Biologie, nämlich im Gehirn. Und welche Auswirkungen diese Determinierung sonst noch hat, wissen wir nicht. Sie dürfte z.B. einen Einfluss auf das Erleben haben.

Die eigentlichen Probleme sind der Dimorphismus des Geschlechts, egal auf welcher Ebene und die Unabhängigkeit von Biologie und Konstruktion. Den biologischen Dimorphismus gibt es so nicht in der Natur. Es ist mindestens eine Dreiteilung: m, f oder inter. Die Unabhängigkeit von Biologie und Konstruktion führt letztlich dazu, dass sich Menschen als transsexuell fühlen.

Somit irrt der Feminismus, aber auch viele andere Beschreibungen von Geschlecht an dieser Stelle.

Wenn ich in einem Farbspektrum der unterschiedlichsten Farben nur schwarz und weiß zulasse (eine Konstruktion) oder nur zwei Farben erkennen kann (Biologie), bin ich mir sicher, dass die Einteilung in beiden Fällen unterschiedlich sein wird. Aber beide sind offensichtlich objektiv falsch. So ähnlich sehe ich die Diskussion in der Frage des Geschlechts ob es einen Konflikt zwischen Biologie und Konstruktion gibt. Beide sind falsch, wenn man nur einen polaren Dimorphismus zulässt. Damit sind sie auch nicht vergleichbar, denn das was "Mann" und "Frau" in der Biologie bedeuten, ist nicht das gleiche wie in der sozialen Konstruktion. Wer wüsste das besser als wir, die genau in diesem Spannungsfeld stehen ? Wir fallen überall durch das Raster. Vielleicht sollte man Geschlecht in einem Diagramm auftragen.

Bild

Horizontal wird das biologische Geschlecht aufgetragen, vertikal die soziale Rolle oder Geschlecht als Konstruktion. Jetzt ergeben sich die Einteilungen nicht nur als polare Zuordnungen, sondern es finden CIS-Männer und -Frauen ebenso wie Transmenschen und Intersexuelle ihren Platz. Wenn man eine solche Beschreibung sowohl einer gesellschaftlichen als auch biologischen Beschreibungsweise zu Grunde legen würde und diese von allen akzeptiert werden könnte, wären viele Probleme in den Diskussionen gelöst. Eine Zuweisung in einer Klinik könnte auf biologischer Basis erfolgen (hier als Dreiteilung (m, f oder inter), später kann dann der Mensch sich selber auf der vertikalen Achse frei im Grad der eigenen Befindlichkeit positionieren.

Wäre das nicht auch eine Möglichkeit, der Öffentlichkeit unsere "Gleichwertigkeit" zu erklären ?
Viele Grüße
Vicky

Never regret something that made you smile ...

Ralf-Marlene
registrierte(r) Benutzer(in)
Beiträge: 326
Registriert: Fr 10. Aug 2018, 17:54
Pronomen: was auch immer
Wohnort (Name): Berlin
Membersuche/Plz: z.Zt. 12555
Hat sich bedankt: 170 Mal
Danksagung erhalten: 100 Mal

Re: taz: Konflikt zwischen Biologie und sozialer Konstruktion

Post 4 im Thema

Beitrag von Ralf-Marlene » Di 2. Okt 2018, 12:36

Liebe Vicky,
in Deiner Überlegung definierst Du "den Feminismus" als bipolar im Sinne von Frau Schwarzer. Der Artikel redet aber gerade von der Weiterentwicklung des Feminismus im Intersektionalen Denken.
Es geht ja gerade um die Frage, ob zur Durchsetzung der Gleichwertigkeit nicht das tradierte Bild von Frau als Uterusbesitzerin und Mann als Samenspender in Frage gestellt werden muss.
Auch diese Diskussion ist auf verschiedenen Ebenen so alt wie der "Geschlechterkampf". Schon in den siebziger Jahren habe ich den Spruch gehört, dass "die Emanzen" die Biologie in Frage stellen, wenn sie auf ihr Recht auf körperliche Selbstbestimmung bestehen und "wie die Männer" werden wollen.
Eigentlich sehr skuril, wenn ausgerechnet der Feminismus "den Männern" die Infragestellung des eigenen zugeschriebenen Rollenbildes abspricht.

Ich empfinde queer-feministisch denkende Menschen durchaus als konsequent feministisch.

Es ist ähnlich wie Michel Friedmann es in einer sonst von mir nicht zitierten Presse schon 2017 in Bezug auf Antisemitismus sagte:
https://www.bz-berlin.de/berlin/judenfe ... ndlichkeit
Judenfeindlichkeit ist nichts anderes als Menschenfeindlichkeit!

Ähnlich ist es bei Fragen der Gleichberechtigung: Ausgrenzung egal welcher Gruppe durch egal welche Gruppe ist immer Menschenfeindlichkeit. Unberührt dabei bleiben für mich benötigte Schutzräume wie Frauenhäuser, dieses Forum, der schwul-lesbische Sportverein oder der reine Frauensportverein, Häuser für queere Geflüchtete und so weiter.

Aber wie überall hat hier nicht die eine Seite Recht (Judith Butler...) und die andere Unrecht (Alice Schwarzer...). Das Leben ist nirgendwo schwarz-weiß.

Da gibt es noch viel zu reden, es hilft nur mit allen Betroffenen im Gespräch bleiben...
Ralf-Marlene

Vicky_Rose
registrierte(r) Benutzer(in)
Beiträge: 1645
Registriert: Do 20. Nov 2014, 15:59
Geschlecht: m und f
Pronomen:
Membersuche/Plz: Raum Karlsruhe
Hat sich bedankt: 184 Mal
Danksagung erhalten: 953 Mal

Re: taz: Konflikt zwischen Biologie und sozialer Konstruktion

Post 5 im Thema

Beitrag von Vicky_Rose » Di 2. Okt 2018, 14:45

Ja, ich weiß, das ist nicht der klarste Beitrag von mir. Das Thema Feminismus ist mir mit der von Michi aufgeworfenen Machtfrage verbunden. Die Absätze ab dem "Konflikt" beziehen sich auf den Titel des Strangs.

Natürlich geht es um eine Weiterentwicklung des Feminismus. Aber was soll der Kern sein ? Ich habe versucht, die geschlechtlichen Unterscheidungen auf den Ebenen der Konstruktion und der Biologie unabhängig voneinander zu sehen. Also kein entweder-oder, sondern ein sowohl als auch. Damit habe ich auf einmal ein System, in dem die gängigen Formen der Selbstbezeichnung einen Platz finden. Bei den meisten Überlegungen geht es nur um eine Dimension, nämlich die von Mann und Frau. Und die ist auf der Achse der Biologie etwas anderes als auf der der Biologie. Das ist die Krux. Hier werden zwei unterschiedliche Sachverhalte mit den gleichen Worten belegt. Wenn ich zwei Achsen definiere, bekomme ich auf einmal ein ganz anderes Spektrum an Möglichkeiten. T*-Menschen stehen demnach nicht mehr zwischen den Geschlechtern, sondern sie kommen einen eigenen Raum im Universum der Möglichkeiten. Das hat wahrscheinlich schon jemand beschrieben, aber ich keine Veröffentlichung zu diesem Gedanken.
Viele Grüße
Vicky

Never regret something that made you smile ...

Wally
registrierte(r) Benutzer(in)
Beiträge: 58
Registriert: Fr 7. Sep 2018, 23:37
Geschlecht: Beides
Pronomen: Sie
Wohnort (Name): Hurlach
Membersuche/Plz: 86857
Hat sich bedankt: 9 Mal
Danksagung erhalten: 28 Mal
Gender:

Re: taz: Konflikt zwischen Biologie und sozialer Konstruktion

Post 6 im Thema

Beitrag von Wally » Di 2. Okt 2018, 15:11

Vicky_Rose hat geschrieben:
Di 2. Okt 2018, 09:36
Den biologischen Dimorphismus gibt es so nicht in der Natur. Es ist mindestens eine Dreiteilung: m, f oder inter.
Liebe Vicky,

Oh doch, den Dimorphismus gibt es sehr wohl, er ist sogar das grundlegende Prinzip jeglicher, geschlechtlicher Fortpflanzung: eben nicht drei oder fünf oder beliebig viele Geschlechter, sondern deren genau ZWEI. Ein Dimorphismus, kein Trimorphismus, und erst recht kein Kontinuum.

Ein Kontinuum wurde daraus erst allmählich im Lauf der Evolution, weil der Dimorphismus sich auch weit jenseits der bloßen Fortpflanzungsfunktion auf die Auslesebedingungen auswirkte, weil so auch "sekundäre" Geschlechtsmerkmale entstanden, deren durch Hormone vermittelte Entwicklung nun ein QUANTITATIVER Effekt ist, kein qualitativer mehr - da haben wir also tatsächlich anstatt des Dimorphismus ein Kontinuum mit beliebigen Zwischenstufen. Das gilt aber nur für die sekundären Geschlechtsmerkmale; die reine Fortpflanzungsfunktion ist über alle Evolution hinweg seit der Entstehung primitiver Organismen der alte Dimorphismus geblieben: sie ist männlich ODER weiblich - ein Drittes gibt es da nach wie vor nicht, es sei denn, man zählte die Unfähigkeit zur Fortpflanzung als "drittes Geschlecht".
Vicky_Rose hat geschrieben:
Di 2. Okt 2018, 09:36

Die Unabhängigkeit von Biologie und Konstruktion führt letztlich dazu, dass sich Menschen als transsexuell fühlen.
Einspruch, Euer Ehren :-) Wir können gar nicht unabhängig von der Biologie fühlen, weil die Gefühle selber nichts anderes als biologische Funktionen sind. Zudem ist jedenfalls eine transsexuelle Veranlagung alles andere als unabhängig von der Biologie: hätte ich mir das frei und unabhängig von meiner (Gehirn-)Biologie aussuchen können, dann wäre ich heute ein stinknormaler, hetrosexueller Mann. Ich hab's immerhin 40 Jahre lang mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln versucht...

Ich erkläre mir das Ganze folgendermaßen: Jenseits des (dimorphen) Fortpflanzungsgeschlechts gibt es beim Menschen ein über Hormone vermitteltes, körperliches Geschlecht, das unsere sekundären Geschlechtsmerkmale festlegt: Behaarungstyp, Fettverteilung, Knochenbau, Stimme usw. Das sind zwar durchweg nur quantitative Unterschiede mit weiten Überschneidungen zwischen den Geschlechtern; aber trotzdem bestimmen sie unsere körperliche Erscheinung so weitgehend, dass wir - mit seltenen Ausnahmen - allein (!) daran unsere Mitmenschen im Alltag prompt und eindeutig als Männer ODER Frauen wahrnehmen.

Zu den angeborenen, sekundären Geschlechtsmerkmalen gehören nun aber nicht nur diese äußerlich sichtbaren Merkmale, sondern auch Unterschiede im Gehirn: hier vor allem in den stammesgeschichtlich tiefer liegenden Schichten, die unsere Gefühle und Emotionen steuern. Da "ticken" Männer und Frauen nun mal deutlich unterschiedlich, obwohl das - genauso wie bei den äußerlich sichtbaren Geschlechtsmerkmalen - auch hier nur quantitative Unterschiede mit weiten Überschneidungen zwischen den Geschlechtern sind. Generell sind die sekundären Geschlechtsmerkmale beim Menschen weitaus stärker ausgeprägt als bei den allermeisten anderen Säugetieren; vernünftigerweise sollte man davon ausgehen, dass das auch für unsere emotionale "Grundausstattung" gilt.

An genau diesem Punkt irrt der Feminismus grundlegend: Männer und Frauen haben eben NICHT dasselbe Gehirn. Sie unterscheiden sich sehr spezifisch und vielfältig in ihren Emotionen; die sozial unterschiedlichen Genderrollen sind eben KEINE böswilligen Unterdrückungsinstrumente des "Patriarchats", sondern einfach Ausdruck unterschiedlicher Emotionen, aufgrund derer Männer und Frauen dann auch unterschiedliche Verhaltensweisen präferieren. Für die meisten Menschen passt das ja auch, sie fühlen sich mit nur wenigen Ausnahmen in ihrer jeweiligen Genderrolle wohl. Nur wir Transgender büchsen da aus, weil unser (angeborenes!) psychisches Geschlecht - ganz oder teilweise konträr zu unserem Fortpflanzungsgeschlecht ist.
Vicky_Rose hat geschrieben:
Di 2. Okt 2018, 09:36
Horizontal wird das biologische Geschlecht aufgetragen, vertikal die soziale Rolle oder Geschlecht als Konstruktion. Jetzt ergeben sich die Einteilungen nicht nur als polare Zuordnungen, sondern es finden CIS-Männer und -Frauen ebenso wie Transmenschen und Intersexuelle ihren Platz. Wenn man eine solche Beschreibung sowohl einer gesellschaftlichen als auch biologischen Beschreibungsweise zu Grunde legen würde und diese von allen akzeptiert werden könnte, wären viele Probleme in den Diskussionen gelöst. Eine Zuweisung in einer Klinik könnte auf biologischer Basis erfolgen (hier als Dreiteilung (m, f oder inter), später kann dann der Mensch sich selber auf der vertikalen Achse frei im Grad der eigenen Befindlichkeit positionieren.

Wäre das nicht auch eine Möglichkeit, der Öffentlichkeit unsere "Gleichwertigkeit" zu erklären ?
Ich fürchte, das bringt's nicht: weil dieses Diagramm das körperliche und soziale Geschlecht jeweils als einheitlichen Parameter darstellt. Das stimmt auf der körperlichen Seite schon deshalb nicht, weil das Fortpflanzungsgeschlecht tatsächlich ein Dimorphismus ist, während das weite Feld unserer sekundären Geschlechtsmerkmale - genauso wie das soziale Geschlecht - ein Kontinuum darstellt. Man bräuchte also im Diagramm zumindest noch eine dritte Dimension für das Fortpflanzungsgeschlecht. Sooo nebensächlich ist das ja nun nicht, dass man's einfach weglassen könnte :-)

Vor allem aber sind sowohl das sekundär-körperliche als auch das soziale Geschlecht keine unifaktoriellen Parameter, bei denen man einfach eindeutig seinen persönlichen Status eintragen könnte. Beide Ebenen haben eine enorme Vielzahl geschlechtlicher Aspekte, die im selben Individuum höchst unterschiedlich und zum Teil auch konträr ausgeprägt sind. Dein Diagramm könnte man da allenfalls als globale Summenfunktion nehmen; die sagt dann aber über ein geschlechtliches Individuum ähnlich wenig aus wie z.B. das Körpergewicht in kg über die Statur eines Menschen. Das Geschlecht ist beim Menschen ein sehr komplexes Phänomen; zwei oder drei Parameter (oder gar eine einzige, digitale Speicherzelle) reichen zu seiner Beschreibung bei weitem nicht aus.

Ich pflege den "Normalos" in meiner Umgebung das menschliche Geschlecht - und unsere spezielle Stellung darin - als eine Art Mosaik zu erklären: ganz viele, kleine Steinchen in den unterschiedlichsten Farb- und Helligkeitstönen. Ein einzelnes Steinchen sagt nur sehr wenig aus; erst in der Gesamtschau ergibt sich ein Bild, zu dem aber doch wieder jedes einzelne Steinchen seinen Beitrag leistet. Und was unsere Gleichwertigkeit angeht: wir Transgender haben grundsätzlich genau dieselben Eigenschaften wie ganz normale Männer oder Frauen; sie sind bei uns nur etwas exotisch gemischt.

Herzliche Grüße
Wally

Ralf-Marlene
registrierte(r) Benutzer(in)
Beiträge: 326
Registriert: Fr 10. Aug 2018, 17:54
Pronomen: was auch immer
Wohnort (Name): Berlin
Membersuche/Plz: z.Zt. 12555
Hat sich bedankt: 170 Mal
Danksagung erhalten: 100 Mal

Re: taz: Konflikt zwischen Biologie und sozialer Konstruktion

Post 7 im Thema

Beitrag von Ralf-Marlene » Di 2. Okt 2018, 15:42

Also ich kann in mir keine klare Abgrenzung zwischen biologischen Anlagen. entstandenem und anerzogenem Sein ziehen. Ich kenne bisher auch keine wissenschaftliche Abhandlung, die dies belegen kann.
Bei all' den gesellschaftlichen Wertungen von "weiblichen" und "männlichen" Funktionen im Hirn gibt es auch keine wissensachaftlich definierten Festlegungen.

Kein Mensch stellt die biologischen Funktionen der Vermehrung in Frage. Die Unterschiede in Begabung, Emotionalität und anderen hirnbasierten Fähigkeiten sind aber zwischen zwei x-beliebigen Menschen des selben Geschlechts nicht geringer als zwischen einem zufällig gewählten Mann und einer ebensolchen Frau.

Kein ernst zu nehmender Wissenschaftler bestreitet, dass es Umwelteinflüsse auf körperliche Gegebenheiten und Hirnbildung gibt. Also auch Menschen, die sich mit keiner anderen Frage als dem, was es heißt Mann oder Frau zu sein, haben keine eindeutige Antwort auf die Anteile, die biologisch begründet und die, die gesellschaftlich gemacht sind.

Schön, dass Du, liebe Wally, Dir da so ganz sicher bist. Bei Vicky seh ich da ein nachdenken, keine absolute Wahrheit. An diese absolute Wahrheit glaube ich nicht.
Ralf-Marlene

Wally
registrierte(r) Benutzer(in)
Beiträge: 58
Registriert: Fr 7. Sep 2018, 23:37
Geschlecht: Beides
Pronomen: Sie
Wohnort (Name): Hurlach
Membersuche/Plz: 86857
Hat sich bedankt: 9 Mal
Danksagung erhalten: 28 Mal
Gender:

Re: taz: Konflikt zwischen Biologie und sozialer Konstruktion

Post 8 im Thema

Beitrag von Wally » Di 2. Okt 2018, 17:29

PolitTunte hat geschrieben:
Di 2. Okt 2018, 15:42

Schön, dass Du, liebe Wally, Dir da so ganz sicher bist. Bei Vicky seh ich da ein nachdenken, keine absolute Wahrheit. An diese absolute Wahrheit glaube ich nicht.
Nun ja: die die Gleichheit männlicher/weiblicher Gehirne ist ja wohl eine der "absoluten Wahrheiten" des Feminismus; daran glaube ICH nicht. Und zwar aus guten, naturwissenschaftlich untermauerten Gründen - während der Feminismus dieses Dogma eigentlich nur damit "begründet", dass es so 'rum besser ins politisch-ideologische Konzept paßt.

Aber an diesem Punkt wird's politisch - und ich habe mir nun mal vorgenommen, hier nicht zu politisieren. SCHNITT.

Herzlichen Gruß
Wally

Ralf-Marlene
registrierte(r) Benutzer(in)
Beiträge: 326
Registriert: Fr 10. Aug 2018, 17:54
Pronomen: was auch immer
Wohnort (Name): Berlin
Membersuche/Plz: z.Zt. 12555
Hat sich bedankt: 170 Mal
Danksagung erhalten: 100 Mal

Re: taz: Konflikt zwischen Biologie und sozialer Konstruktion

Post 9 im Thema

Beitrag von Ralf-Marlene » Di 2. Okt 2018, 23:05

Oh, liebe Wally. es gibt Unterschiede in Größe und Gewicht der Gehirne, genau wie ein Penis halt keine Vagina ist. Alles andere sind Urteile. Wenn das reine Messen da naturwissenschaftlicher Grund ist, da weiß ich, dass die reine Größe nicht alles ist... aber Feminismus ist ja eher geisteswissenschaftlich begründet und damit den patriarchalischen Naturwissenschaften unterlegen... ich glaube auch nicht an dieses binäre Denken! (Geistes- gegen Naturwissenschaften)
Ralf-Marlene

Jaddy
registrierte(r) Benutzer(in)
Beiträge: 628
Registriert: Fr 24. Okt 2014, 21:38
Geschlecht: Enby
Pronomen: <Name, kein Pronome>
Wohnort (Name): Bremen
Membersuche/Plz: 28000
Hat sich bedankt: 81 Mal
Danksagung erhalten: 571 Mal
Gender:

Re: taz: Konflikt zwischen Biologie und sozialer Konstruktion

Post 10 im Thema

Beitrag von Jaddy » Mi 3. Okt 2018, 00:34

Also naturwissenschaftlich interessant wäre dann doch mal irgendeine Sache, die "männliche" Gehirne können bzw nicht können, die "weibliche" Gehirne nicht können bzw. können - und dazu der nachweisbare biologische, biochemische, nicht psychologische Beweis, warum das so ist. Also keine Tendenzen oder statistische Varianten, sondern knallharte, wiederholbar beweisbare (Nicht-)Fähigkeiten. Alles andere ist nämlich blöderweise durch "Software", sprich: Sozialisation und die fantastischen Anpassungsfähigkeiten des Gehirns viel plausibler erklärbar. Insbesondere, wenn es eben große Schnittmengen mit nur tendenziellen Abweichungen über die "männliche" und "weibliche" Bevölkerung gibt.

Erstes Problem wäre natürlich, welche der verschiedenen Definitionsvarianten von "männlich" und "weiblich" man dazu braucht. Merke: Genitalien haben meines Wissens nichts mit Hirnfähigkeiten zu tun.

Das wäre allerdings immer noch keine Begründung für die Benachteiligung von allen, die nicht als Männer angesehen werden - tradiitonell eben in der Hauptsache Frauen - bei Positionen, Tätigkeiten und Funktionen, die von Nicht-Mänern mindestens genauso gut ausgeführt werden können. Feminismus, das sollte vielleicht mal wieder in den Fokus rücken, ist zum einen die Beendigung dieser Benachteiligung, zum anderen die EInbeziehung gewisser sozialer Fähigkeiten, deren Unterdrückung, Verächtlichmachung, etc. zu einem durchaus nicht gerade positiven "Männlichkeitsbild" geworden ist. Es ist ja nicht so, dass Männer diese Fähigkeiten grundsätzlich nicht hätten. Sie werden ihnen nur nachweislich abtrainiert, was sehr viele Menschen aller Geschlechter ziemlich unglücklich macht.

MichiWell
registrierte(r) Benutzer(in)
Beiträge: 2951
Registriert: Mo 19. Dez 2016, 09:45
Geschlecht: Teilzeitfrau
Pronomen: sie
Membersuche/Plz: Leipzig - Chemnitz - Gera
Hat sich bedankt: 1393 Mal
Danksagung erhalten: 2093 Mal

Re: taz: Konflikt zwischen Biologie und sozialer Konstruktion

Post 11 im Thema

Beitrag von MichiWell » Mi 3. Okt 2018, 18:05

Vicky_Rose hat geschrieben:
Di 2. Okt 2018, 09:36
MichiWell hat geschrieben:
Mo 1. Okt 2018, 19:22
Es geht (leider) immer nur um Eines: Um Macht.
Vielleicht auch um Angst. Oder um beides, denn Machtverlust kann auch Angst vor Kontrollverlust sein.
Vielleicht auch nicht ... eher sogar nur "nicht". :wink:

Angst ist Gefühl, ist vielmehr Folge und "Nebenwirkung" von Machtkampf. Angst ist nicht intrinsisch, also von innen her kommend.
Vicky_Rose hat geschrieben:
Di 2. Okt 2018, 09:36
Make Feminism Great Again!


Dieser peinliche Spruch steht auf einem T-Shirt, der von "Emma" vertrieben wird. Braucht dieser Feminismus diese Anlehnung an die Trump'sche Rhetorik ? Oder soll das ein selbstironischer Anflug sein, der verschleiern soll, wo der Feminismus steht ?
Ich finde, dieser Spruch ist im Grunde sogar ziemlich dumm. Aber ganz gleich, ob dumm, peinlich oder mit der Absicht zu verschleiern, er zeigt zugleich sehr anschaulich, dass die in feministischen Kreisen recht verbreitete deterministische*) Zuschreibung bzw. Aufteilung von Eigenschaften wie gut/böse, klug/dumm, ... zu den biologischen Geschlechtern weiblich/männlich eher aus den Fingern gesogener Blödsinn ist.


Liebe Grüße
Michi

*) Willensfreiheit verneinend, vorher bestimmbar
Brauchst Du Hilfe oder einfach jemanden zum quatschen? Schick mir ´ne PN!

Antworten

Zurück zu „Hintergründe“