Konstruktive Distanz
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JaquelineL
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Konstruktive Distanz

Post 1 im Thema

Beitrag von JaquelineL » Fr 6. Jan 2017, 00:52

Dieser Beitrag richtet sich eher an transsexuelle Menschen mit ihren Partner*n – solche Menschen, die durch eine Transition hin zu einer vollzeitlichen Umstellung der Geschlechtsdarstellung betroffen sind oder sein werden. Natürlich bin ich aber auch für Rückmeldungen von „Teilzeittransen“ offen :)

Auch hier im Forum wird ja gerne der Erhalt der Partnerschaft als höchstwertiges Ziel angesehen. Jene Sekundärbetroffenen (hier meist Partnerinnen), die sich mit ihren Trans-Partnern auseinandersetzen und die Transition mit durchleben, werden gerne als „Sechser im Lotto“ betrachtet. Doch wer etwas genauer auf die vielen Berichte von und über diese Partnerinnen achtet, stellt schnell fest, dass jede dieser Partner(innen) selbst bei positivster Grundeinstellung Phasen von Angst, Selbstzweifeln und sonstigen Problemen durchlaufen, häufig bis hin zur völligen Verzweiflung. Beim Großteil der Berichte geht es denn auch eher um die schwerwiegenden Probleme, die die Partnerinnen mit der Transition erleben und die den meisten von uns trotzdem fremd erscheinen. Selbst in den, oberflächlich betrachtet, positiven Berichten kann man relativ einfach herauslesen, mit welchen Problemen die jeweilige Partnerin zu kämpfen hat.

Bei uns (Angel und mir) ist dies auch zu beobachten und es ist bei uns vielleicht sogar stärker als das, was sonst so in den meisten Berichten der anderen zu lesen ist. Dennoch wollen wir versuchen, dass „unsere Transition“ mindestens in einem positiven Zusammenleben mündet und nicht zu einem völligen Scheitern führt. Wir sind jetzt ziemlich genau ein Jahr auf dem „TS-Weg“ (die vielen Diffizilitäten haben augenscheinlich durchaus einige von euch in meinem Tagebuch verfolgt) und fast unabhängig voneinander sind wir zu der Überzeugung gekommen, dass wir es zusammen nicht schaffen werden. Jedenfalls nicht, wenn wir die gesamte Transition in unserer bisherigen intensiven Nähe durchlaufen werden.

Bei allen Höhen und Tiefen unseres bisherigen Prä-TS-Zusammenlebens fühlten wir uns immer sehr eng verbunden. Unsere Liebe war (und ist) sehr stark und auch wenn ich berufsbedingt häufig und weit von zuhause weg war: Es gab zu jeder Zeit eine emotionale Nähe, die uns jede Trennungsphase überstehen ließ. Bedrohungen von außen konnten wir auf diese Weise vergleichsweise gut meistern, an uns biss sich jedes Drama bislang die Zähne aus. Wir waren stets ein gutes Team, wenn es darauf ankam. Natürlich gab es in dem mehr als einem Vierteljahrhundert unserer Ehe auch immer wieder Zeiten, in denen der eine oder die andere mal nicht voll leistungsfähig war, doch dies fing die bzw. der andere dann irgendwie automatisch auf, übernahm für eine Zeit das Ruder und sorgte so dafür, dass wieder alles ins Lot kam.

Doch TS ist anders, im Sinne der Beziehung viel destruktiver: Wir arbeiten das erste Mal gegeneinander. Was für mich gut ist, ist Gift für meine Frau. Dinge, die meiner Frau gut tun, bringen mich aus dem Gleichgewicht. TS ist kein Thema, an dem eine typische Partnerschaft wächst – sie geht daran zugrunde. Sie ist, anders als beispielsweise eine ernsthafte Erkrankung oder eine dritte Person, keine Bedrohung von außen, sondern arbeitet von innen heraus.

Das Resultat dieses Kampfes ist in der Regel das Ende der Liebesbeziehung zwischen der heterosexuellen Partnerin und der Transsexuellen. Das muss nicht bedeuten, dass die Beziehung formell auseinanderbricht, doch wie häufig habe ich schon gehört, dass man nach der Transition „wie Schwestern zusammenlebt“. Selbst hier im Forum ist von (zurecht) hoch geschätzten Partnerinnen zu lesen, dass mit der HET oder der GaOP „die Liebe stirbt“, „keine Berührungen mehr möglich sind“ oder dass „CD ja noch ging – bis dann der Partner erkannte, TS zu sein“. Die Verhältnisse nach der Transition sind bestimmt so vielfältig wie die Betroffenen, doch scheint mir bei den weiterhin zusammenlebenden Partnern eine Umstellung auf eine WG mit (mehr oder eher weniger intensiver) emotionaler Bindung die Regel zu sein.

Angel meinte vor Kurzem zu mir: „Bislang hielt ich diejenigen Partnerinnen, die bei ihren Trans-Partnern bleiben, für die starken Frauen. Aber ich bin mir da nicht mehr so sicher: Es könnte durchaus sein, dass die wirklich starken Partnerinnen ihren eigenen Weg gehen und sie sich trennen. Vielleicht sind es gerade die nicht so starken Partner, die diese Trennung nicht schaffen und sich daran zerreiben, ihr bisheriges Bild zumindest teilweise noch aufrecht zu erhalten und sich dazu über ihr Zusammenleben [für sich selbst] aufopfern?“ Dieser Gedanke besitzt durchaus Logik, auch wenn er dem gängigen Bild in den Foren widerspricht. Doch wie hinter vielem stark emotionalisierten Widerspruch könnte auch hinter der im Forum heftigen Reaktion auf Trennungsforderungen (bis hin zu einem „shit storm“) nicht nur die Angst vor dem gleichen Ergebnis in der eigenen Situation liegen, sondern auch das verdrängte Wissen darum, dass eine solche Trennung durchaus eine (mindestens mental) positive Entwicklung für die eigene Partnerin bedeuten könnte.

(Nicht unerwähnt möchte ich meine Vermutung lassen, dass gerade in meiner Altersklasse hinter so mancher bleibenden Partnerin die durch eine traditionelle Partnerschaft entstandene wirtschaftliche Situation und vor allem die Angst vor massiven wirtschaftlichen Problemen steckt.)

Aber eigentlich ist es völlig egal, ob man den Grund für das Zusammenbleiben nun bei Stärke, Liebe oder Schwäche ansiedelt: Für die sekundärbetroffenen Frauen, so ist zumindest der entstehende Eindruck bei der Lektüre des Forums, stellt die Transition ihres „Mannes“ eine extrem belastende Zeit dar. Häufig wird von eigenem physischen Schmerz berichtet, wenn die körperlichen Veränderungen miterlebt werden muss und die GaOP mit ihrer finalen Wirkung stellt meist noch einmal eine besondere Herausforderung dar. Und so versuchen Angel und ich uns auf das Unmögliche vorzubereiten: Dass meine weitere Entwicklung, die ja für das laufende Jahr quasi direkt vor der Tür steht, Angels Belastbarkeit über die Maßen des Möglichen strapaziert. Wie sollten wir darauf reagieren, zumal wir beide bislang fest an der Vorstellung hängen, dass wir auch zukünftig zusammen leben und gemeinsam alt werden wollen?

Neben in Verbalisierungen wie „wir werden das Badezimmer getrennt nutzen müssen, weil ich den Anblick der körperlichen Veränderung nicht mehr ertragen kann“ resultierenden Emotionen, versuchen wir auch rational mit dieser Möglichkeit umzugehen. Ich halte es mittlerweile für sehr wahrscheinlich, dass wir auch mental getrennte Wege gehen müssen, zumindest eine gewisse Zeit und in begrenztem Umfang. Angel wird die Gelegenheit schaffen müssen, Teile meiner Transition nicht miterleben zu müssen und sich auf diese Weise ihre „trans-freien Räume“ zu schaffen. Die ultima ratio wäre eine auch physische Trennung auf Zeit, doch weder wollen wir es riskieren, mit getrennten Wohnungen den Vorläufer einer dauerhaften Trennung zu schaffen, noch „haben wir mal eben so das dafür nötige Kleingeld“. Selbst ohne die räumliche Trennung ist schon genug Risiko dafür vorhanden, dass diese „Flucht in die eigene Welt“ zu einer permanenten Entfremdung führt, wir also dort landen, worauf die oben erwähnten Beschreibungen hindeuten: „schwesterliche Liebe“ oder gar „Frauen-WG“. Andererseits bietet sie auch die Chance zu erkennen, dass aus der Ferne betrachtet „die neue Frau“ auch wesentliche Teile des alten Partners besitzt und dass dieser Mensch nicht nur fehlt, sondern auch in greifbarer Nähe ist. Falls dem dann überhaupt so ist und nicht „der Schmetterling“ vor allem eines ist: niederschmetternd anders im Wesen als der Mann, der früher an der Seite seiner Partnerin stand.

Ich bin Freund beschreibender Begriffe und so nenne ich diese Notfall-Lösung die „konstruktive Distanz“. „Distanz“, das ist ein für mich besonders schreckliches Wort, da ich auf der Welt niemand anderes habe als meine Frau und ich mich ihr noch nie auch nur eine Armeslänge entfernt gefühlt hatte. Andererseits bietet es in diesem Fall die Hoffnung auf Hilfe, indem Angel nicht laufend mit der Nase auf alle Details gestoßen wird, sondern ihr eigenes Tempo findet, sich mit den neuen Gegebenheiten auseinanderzusetzen. „Konstruktiv“ ist meine Hoffnung darauf, dass auf diese Weise eine neue Beziehung geschaffen werden kann, auf dem Fundament der alten Liebe gebaut und dennoch ein wahrscheinlich neues, ganz anderes Gebäude. Wir werden uns erst an die neuen Räumlichkeiten gewöhnen müssen – doch hoffentlich schaffen wir es, dort zusammen einzuziehen und uns dort nicht nur aus dem Weg zu gehen. Das wäre für mich dann der Beweis, dass eine Transition auch positiv enden kann.

Insgesamt bin ich aber auch zu dem Schluss gekommen, dass wir in all unserer Glorie auch anerkennen müssen, dass nicht nur die weiterhin in der Beziehung lebenden Partnerinnen Gehör und Anerkennung in unserer Runde finden dürfen. Ich bin der Überzeugung, dass Partnerinnen, die vor allem (oder sogar ausschließlich) Probleme mit ihren Trans*-Partnern haben, genauso auf das Elementare ihrer Gefühle pochen dürfen wie wir Primärbetroffenen, die wir doch gerne für uns reklamieren „nicht anders zu können“. Ich finde es wichtig und fände es richtig, wenn auch solche Partnerinnen bei uns Hilfe und Beistand bekämen, und sei es in einem eigenen Bereich, in dem sie vor Verunglimpfungen und unfeiner Anmache geschützt wären. So böte sich für diese Partnerinnen nicht nur ein ihrem berechtigten Interesse entsprechender Raum für Unterstützung, sondern vielleicht ja auch die Möglichkeit, ein wenig „über den Zaun zu schauen“ oder sogar einen Weg zu finden, doch noch mit dem Schmerz fertig zu werden. So wie Partnerinnen, die den Weg selbst nach geraumer gemeinsam erlebter Transition nicht mehr mitgehen können, dort dann Unterstützung fänden. Dass dem einen oder anderen Trans-Menschen dann ein „nur lesend“-Zugriff auf solche Bereiche (bzw. auf einen entsprechenden, abgestuft nutzbaren Bereich) beim Verstehen der eigenen Partnerin helfen könnte, würde ich geradezu erwarten. Und wer sich dadurch zu sehr angegriffen fühlt, muss dort ja nicht die Nase hineinstecken.

Wer sich bis hierher tapfer durchgekämpft hat fragt sich nun bestimmt, was ich mit diesem langen Text bezwecken wollte. Mir hat das Schreiben, gegenlesen, neu formulieren dabei geholfen, meine eigenen Gedanken zu sortieren. Gespannt bin ich auf Reaktionen derjenigen, die diese Probleme der Transition mittels einer „teilweisen gedanklichen Trennung“ bereits in den Griff bekommen haben, zumal mich die daraus nach der Transition resultierende Beziehung interessieren würde. Auch falls ihr ein solches Vorgehen schon mal selbst diskutiert (aber noch nicht oder bewusst nicht umgesetzt) habt, bin ich sehr an euren Kommentaren interessiert. Die Diskussion darüber, ob und wie man intoleranten Partnerinnen in diesem Forum Platz bieten kann, ist hoffentlich nicht nur kontrovers, sondern im wesentlichen spannend und konstruktiv – aber dennoch eventuell in einem separaten thread besser aufgehoben.

Liebe Grüße
Jackie

(Edit: Zitate deutlicher hervorgehoben)
Zuletzt geändert von JaquelineL am Fr 6. Jan 2017, 11:13, insgesamt 1-mal geändert.
Today is the first day of the rest of my... forget it.

Daenerys Targaryen
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Re: Konstruktive Distanz

Post 2 im Thema

Beitrag von Daenerys Targaryen » Fr 6. Jan 2017, 08:06

Hallo Jackie,

danke für Deinen interessanten Beitrag. Ich hatte für zwei Tage meine Ex mit den Kindern zu Gast, und wir haben natürlich abends auch lange über unsere Beziehung gesprochen. Seit unserer Trennung sind inzwischen zwei Jahre vergangen. Meine Ex war der erste Mensch, dem ich mein "Problem" anvertraut habe, und sie war der erste Mensch, der mich in Frauenkleidung gesehen hat. Das war zu Beginn unserer Beziehung, denn ich wollte, anders als in früheren Beziehungen, ehrlich sein. Sie ist nicht gegangen. Wir kamen zusammen, und sie hat mir damals sehr geholfen, durch die schwierige Selbstfindungsphase zu kommen. Trotzdem haben wir uns getrennt.

Wenn zwei Menschen sich lieben, und diese Liebe ist so groß, dass sie alle Herausforderung einer Transition meistert, dann ist das etwas Großartiges. Aus diesem Grund hat uns doch "The Danish Girl" so bewegt. Die Liebe von Einar/Lili und Gerda übersteht alle Herausforderungen bis zu Lilis Tod.

Nur ist das Hollywood, und die Buchvorlage ist ein Roman. Ich weiß nicht, mit welchen Problemen Lili und Gerda in Wirklichkeit gekämpft haben, wie stark ihre Liebe war. Ein/e gute/r Partner/in ist immer auch ein/e Freund/in. Aber Liebe ist für mich mehr. Es ist das Gefühl, den einen Menschen im Herzen zu tragen! Ich liebe meine Freunde, aber die Frau, die ich liebe, nimmt noch mal eine ganz andere Stellung ein. Kann Liebe eine Schwäche sein? Ja, natürlich. Sie ist Stärke und Schwäche zugleich. Weil zwei Partner/innen sich durch ihre Liebe in sich spiegeln.

Ich kann an diesem Punkt wirklich nur von meiner ganz persönlichen Erfahrung berichten. Aus meiner Sicht ist meine Ex eine starke Persönlichkeit, mutig, neugierig, einfühlsam, weltoffen… Ich könnte die Liste der positiven Eigenschaften endlos fortsetzen (Nein, liest hier nicht heimlich mit, sie spricht kein Deutsch. :wink: ) Als wir zusammen kamen, wusste niemand, wie sich alles entwickeln würde. Wenn es schwierig ist, eine langfristige "Vision" von dem zu bekommen, wie sich eine Partnerschaft entwickelt, lebt man sehr für den Augenblick, im "Hier und Jetzt". Nachdem die Karten auf dem Tisch lagen, war klar, dass es zu tiefgreifenden Veränderungen kommen kann. Meine Partnerin hat innerlich eine "kritische Distanz" gewahrt, um sich zu schützen, da bin ich mir heute sicher. Und ich gehe sogar soweit zu behaupten, dass das bei mir auch der Fall war. Das Gefühl war: Wir haben einen traumhaften Sommer. Aber… Winter's coming! :wink:

Während unserer langen Gespräche ging es natürlich viel um meine Transition. Meine Ex war damals ein einziges Mal mit mir in einer Selbsthilfegruppe. Danach hat sie geweint. Ich hatte es schon vergessen oder verdrängt, aber sie erinnerte mich an ihre Worte am nächsten Morgen: "Wenn Du diesen Weg gehst, bitte, bitte mach es gut!" Ich wusste, was sie damit meinte. Sie wollte, dass ich glücklich bin, aber mich nicht verrenne. Dass ich auf dem Boden bleibe. Dass ich mir Zeit nehme und auf mich achte, innerlich und äußerlich. In der Biografie von Jean Lessenich steht irgendwo der Satz von einer anderen Transfrau: "Ich habe Jahre gebraucht um zu begreifen, dass die Frau in mir den Mann in mir zerstören wollte." Darum ging es ihr. Meine Transition sollte keine Zerstörung sein. Kein Auslöschen des Mannes mit Schminke, Kleidern und Skalpell. Sondern ein Prozess der Selbstfindung.

Aber hinter den mahnenden Worten standen natürlich auch persönliche Wünsche von ihr, bei denen sie nicht sicher war, ob ich sie erfüllen konnte. Die Sorge um den Partner mischt sich mit der Sorge um die Liebe. Das war der Punkt, an dem die Unsicherheit Einzug hielt in unsere Beziehung, vor dem, was kommen würde. Keine 1%ige Restunsicherheit, die es in jeder Beziehung geben sollte, sondern die große Unsicherheit, scheitern zu können. Die Kluft zwischen unserer Liebe und dem beiderseitigen Bedürfnis, sich zu schützen, wurde größer. Wir sprachen auch über die GaOP. Meine Partnerin wiederholte ihre Worte von damals: "Wenn Du damit 100% glücklich bist, musst du es tun. Ich wäre damit nicht klar gekommen!" Harte Worte, die mich damals genau so getroffen haben wie heute. Damals, weil wir noch zusammen waren. Heute, weil die Option einer GaOP durchaus im Raum steht. Ob ich sie jemals machen werde, ist eine andere Geschichte. In Gesprächen kokettierte ich manchmal mit meiner Androgynität, bezeichne mich scherzhaft als "Schwanzmädchen". Jedes Mal stirbt das Lachen schnell in meinem Gesicht. Ein Schutzmechanismus. Da ist sie wieder, die Unsicherheit.

Ich glaube, Betroffene, die die Bedürfnisse ihrer Partnerinnen herunter reden, machen sich etwas vor oder übertragen blind ein überhöhtes weibliches Idealbild auf ihre Partnerin. "Im Grunde ändere ich mich doch nicht…" Solche Sätze kann man hier häufig lesen. Als hätte die Partnerin jahrelang im Kopfkino auf dem Nachbarsessel gehockt und genüsslich das gleiche Popcorn gemampft. Ich hab den Satz zu meiner Partnerin damals auch gesagt. Wäre ich im Umkehrschluss bei ihr geblieben, wenn sie trans* gewesen wäre? Ich weiß es nicht, aber ich bezweifle es. In jedem Fall hätte ich "eine abwartetende Distanz" gesucht. Eine schöne Frau, die ihre blonden Locken abschneidet und sich die Brüste abbindet? Deren Haut durch Testosteron grobporig wird, und die sich einen Bart stehen lässt? Huh…

Googelt mal im Netz nach Buck Angel. Buck ist ein Transmann, Glatze, Tatoos, Bart, durchtrainierter Körper… Es finden sich Fotos vor seiner Transition. Er hat als Model gearbeitet, war eine attraktive "Frau". Wärt ihr mit dieser Veränderung von Buck (der ein verdammt cooler Typ ist!) klar gekommen? Ich vermutlich nicht. Und das, obwohl ich durchaus Beziehungen mit Männern hatte.

Wir alle haben im Grunde drei Gesichter, ein öffentliches, ein privates und ein privatestes. Der Schritt, das privateste Gesicht (die Frau) erst zu einem privaten und dann einem öffentlichen zu machen, ist gewaltig. Ich habe die hitzigen Diskussionen über Partnerschaften in diesem Forum auch verfolgt. Natürlich solidarisieren wir als Primärbetroffene uns erst mal mit anderen Primärbetroffenen, das ist ganz normal. Wir sollten die Sekundärbetroffenen darüber aber nicht vergessen. Sie kämpfen ihren eigenen Kampf, und der ist nicht minder schwierig.

Liebe, Partnerschaft, Familie, Kinder... All das sind keine Kleinigkeiten. Wären sie es, hätte uns Gerdas Liebe für Lili nicht zum Weinen gebracht.

Liebe Grüße

Daenerys
Zuletzt geändert von Daenerys Targaryen am Fr 6. Jan 2017, 08:19, insgesamt 4-mal geändert.

exuserin-2017-01-16

Re: Konstruktive Distanz

Post 3 im Thema

Beitrag von exuserin-2017-01-16 » Fr 6. Jan 2017, 08:09

Hallo Jackie , auch ich hab mich durch gekämpft. :roll: Viele Gedanken zum Thema, die alles und einzig entscheidende Frage dabei ist aber ist deine Frau Bisexuell oder Lesbisch veranlagt. Wenn sie mit einem klaren Nein antwortet sieht es schlecht aus. Man kann einen Menschen nicht umpolen. Ich kenne das von meiner Ex und von anderen TF ,wo es ähnlich gelagert ist. Tolleriert wird es nur von den Frauen die Sexuell offener sind.
Deine Annahme das nur die starken Frauen weggehen, neu anfangen teile ich auch. Die meisten Frauen bleiben wegen der gemeinsamen Kinder und des Häuschens ,der dadurch geschaffenen Abhängigkeit vom Partner und der Angst vor den Folgen einer Trennung.
Als ich das erste Mal zur SHG in Dresden kam ,war auch eine Frage und du lebst noch mit deiner Frau zusammen und den Kindern ? Darüber habe ich mich gewundert ,heute nicht mehr. In der Gruppe lebt keine mit dem alten Partner mehr zusammen und den Kindern. Das scheint leider die Realität zu sein auf unserem Weg, Ausnahmen bestätigen die Regel.
Meine Ex hat es Jahrelang tolleriert bis ich an dem Punkt kam die Transition zu beginnen.
Wünsche dir Kraft für die schwere Zeit
LG Uta

Anne-Mette
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Re: Konstruktive Distanz

Post 4 im Thema

Beitrag von Anne-Mette » Fr 6. Jan 2017, 10:10

Liebe Jaqueline,

da hast Du einen sehr bewegenden Beitrag geschrieben!

Auch wenn unsere Wege unterschiedlich verlaufen und das, was Du angesprochen hast, bei uns nicht Thema ist, könnte es durchaus ansatzweise "im Unausgesprochenen" versteckt sein.
Allerdings: bei mir wird "nicht mehr viel kommen an Entwicklung", denke ich mal - und mit den bisherigen Veränderungen sagt meine Frau, kann sie gut leben.
Einige findet sie sogar gut - und ihren Spruch (vor etlichen Jahren) "auch das noch!" würde sie in der jetzigen Situation wohl nicht mehr äußern.
Im Gegenteil: sie betont oft, dass ncht nur meine Entwicklung eine Bereicherung ist, sondern auch, dass sie dadurch viele Menschen kennengelernt hat, die sie sonst nie getroffen hätte. Sie kommt gerne mit zu den Gruppentreffen, reist gerne mit mir zu den Forumtreffen - und hat ein offenes Ohr für die Menschen, die uns besuchen.
Die hat sie ins Herz geschlossen, denke ich.
Auch unsere "innere Beziehung" hat sich nicht großartig geändert.

Ich muss an einen Beitrag von Ulrike-Marisa denken, die mal über das "Schuldhaben" geschrieben hat.
Wenn ich Deinen Beitrag lese, dann mache ich mir darüber Gedanken, was auch bei uns "im Verborgenen" sein könnte - und da würde ich mir dann auch die Schuld geben, dass es zu einer vielleicht latent bestehenden Unsicherheit kommen könnte, die sogar zu einer Ablehnung führen würde.

Vielleicht darf ich unsere Situation nicht zu rosig sehen; aber ich will auch nicht immer bohren nach dem Motto: "da MUSS doch etwas sein!"

Herzliche Grüße
Anne-Mette

ab08
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Re: Konstruktive Distanz

Post 5 im Thema

Beitrag von ab08 » Fr 6. Jan 2017, 16:24

Hallo ihr Lieben,

Gratulation für Eure ausgezeichneten, ehrlichen, bewegenden(Danke Anne-Mette) Beiträge. (flo)
Bei mir liegt die Scheidung über 20 Jahre zurück, so kann ich wenig emotionale Details beisteuern und fasse mich kurz. Da der Titel im Bezug auf meine frühere Beziehung+Trennung passt, und ich gerade bei dem Thema und so guten Beiträgen nicht schweigen möchte, ergänze ich meine/unsere Erfahrungen:

Da ich von Anfang an gegenüber der Partnerin ehrlich war, war sie informiert. Trotzdem realisierte sie die Tragweite erst vollständig, als die Jüngste schon unterwegs war. Zuvor und danach gab es aber wegen meiner Transsexualität immer wieder heftige Konflikte. Auch wenn ich nach außen für Jahrzehnte weiter den "Mann" spielte, beschreibt man unsere Beziehung nach der Geburt der Jüngsten am besten als "schwesterlich". Der Partnerin war nun nämlich stets bewusst, dass ich kein "Mann" war.

Fast zehn Jahre bis zur Scheidung lebten wir nebeneinander und kümmerten uns gemeinsam um die Kinder. In der Erziehung arbeiteten wir zusammen, wobei ich immer mehr Aufgaben übernahm. Im Grunde änderte auch die Scheidung (gemeinsames Sorgerecht für die Kinder, die teilweise bei Mutter und 'Vater' wohnten) an unserer Beziehung nichts. Die Partnerin lebte dann mit neuem Partner, den ich übrigens sympathisch fand. Die Kinder wurden größer, verbrachten Ferien abwechselnd mit Mutter und "Vater"... Wichtige Entscheidungen, in denen es um die Kinder ging, trafen wir stets gemeinsam...
=> Konstruktive Distanz beschreibt daher unser Verhältnis sowohl vor, als auch nach der Scheidung bis heute ziemlich exakt.

Wir sind trotz TS und Scheidung Eltern unserer Kinder. Das Verhältnis ist heute ziemlich*) normal/alltäglich.
*) (Naja... bei der Hochzeit unserer Jüngsten war Frau B... "Vater" der Braut. -> Aber das war zu dem Zeitpunkt eher weniger wichtig.)

Liebe Grüße
Andrea

Daten: - Eheschließung3/1980 - Kinder1981/1983/1985 - Scheidung2/1996 - CO2008 - GAOP2016
FÜR: Respekt, Menschenrechte und eine gelebte, demokratische Zivilgesellschaft, die Minderheiten schützt
ERGO: Umfassende Bildung für alle, effektive Regeln in Alltag und Netz, eine gut ausgestattete Polizei/Justiz

Vicky_Rose
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Re: Konstruktive Distanz

Post 6 im Thema

Beitrag von Vicky_Rose » Sa 7. Jan 2017, 17:30

Hallo in die Runde,

ich musste mich bisher nicht "durchkämpfen", da Eure Ansichten überaus spannend zu lesen sind. Ich bin nicht TS, sondern nur "Teilzeittranse" oder besser gesagt, ich schwanke immer hin und her ohne mich auf einer Seite verorten zu können. Ich habe vor einiger Zeit beschlossen, dass ich eben irgendwo dazwischen bin.

Meine Frau habe ich vor ca. 6 Jahren kennen gelernt und ihr von Anfang an insofern reinen Wein eingeschenkt, dass ich ihr gesagt habe, dass das Thema Weiblichkeit Bestandteil meines Lebens ist. Im Laufe der Zeit ist es mehr und mehr in unseren Alltag, teilweise auch im sexuellen Bereich, übergegangen, aber bisher nur mit gelegentlicher Konfrontation en femme. Ich habe in der Zwischenzeit den Eindruck gewonnen, dass sie damit vielleicht noch besser klar kommt, als ich selber, denn mir fällt es noch nicht leicht, mich en femme zu präsentieren. Ich denke, dass die ehrliche, aber langsame Annäherung an das Thema sehr hilfreich war, denn wir haben vor gut zwei Wochen geheiratet. Es ist bei uns eher die umgekehrte Version: Ehe durch Annäherung. Gefühlsmäßig würde ich sagen, dass mein Transentum ein Element ist, dass uns näher zusammen gebracht hat. Meine Frau hat keinerlei gleichgeschlechtliche Interessen, aber unser Zusammenleben hat sicher einige Elemente, die ich so in einer lesbischen Beziehung verorten würde. Aus meiner Sicht sind es zwei Punkte, die von besonderer Bedeutung sind: die vertrauensvolle Öffnung zum Partner und sowie die zuverlässige Annahme des jeweiligen Partners in den Facetten, die für ihn/sie wichtig sind.

Ob die Partnerin in einer Beziehung bleibt oder geht, hat mMn überhaupt nichts mit Stärke oder Schwäche zu tun. Entscheidend ist, sie selber der eigenen Bedürfnisse klar zu werden und danach ehrlich zu handeln. Wobei die Bedürfnisse durchaus nicht von vorneherein klar sein müssen. Die Veränderung der Randbedingungen im Zusammenleben führt immer dazu, sich selber zu hinterfragen, ob eine Veränderung der eigenen Ansichten geboten ist. Ob die geschilderte Situation, dass die Partner "auf einmal" Hormone nimmt und sich einen Bart stehen lässt, für mich erträglich ist, hängt für mich ganz stark davon ab, wie meine Partnerin mit mir umgeht. Bin ich in den Prozess eingebunden ? Bin ich von Anfang an eingeweiht ? Nimmt mich die Partnerin mit meinen Problemen ernst ? Kann ich ihr vertrauen ? Wie verändert sie sich durch die Transition ? Wie fühle ich mich dabei ? Das wären für mich einige Kernfragen, die immer wieder neu beantwortet werden müssen.

Den Titel des Freds finde ich unter einem anderen Vorzeichen sehr gut gewählt. Kennt Ihr das Buch von David Schnarch, Die Psychologie der sexuellen Leidenschaft" ? Ich finde, es ist ein hervorragendes Werk. Eine seiner Hauptthesen ist, dass man sich vor einer falschen Harmonie, wie sie in romantischen Vorstellungen von Liebe vorherrschen, hüten sollte, sondern viel mehr anerkennen, dass beide Partner eigenständige Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen sind. Er nennt es Differenzierung. Eigentlich ist es selbstverständlich, aber viele Beiträge, auch in diesem Forum, zeigen mir, dass wir oft in einem überfrachteten Liebesverständnis verhaftet sind. Dieses Anerkennen der Unterschiede kann dazu führen, dass man dem Partner die Freiheit lässt, er selber zu sein. Diese Unterschiede können in einer Beziehung nicht nur sehr förderlich sein, sondern sind der eigentliche Motor für die eigene und die des Partners. Das "Risiko" besteht darin, dass man erkennt, dass man mit dem Partner nicht mehr weiter zusammen leben kann. Aber auch das kann ein sehr produktiver Weg sein, denn er öffnet neue Wege für beide. Der Sexualtherapeut Ulrich Clement verfolgt eine ähnliche Richtung. Auf seiner HP und im übrigen Netz kann man einiges dazu lesen.

Ich bin jedenfalls überzeugt davon, dass ein Klammern an einer Situation niemanden weiter bringt. Das ist etwas anderes, als die Treue zu Partner_in und zu sich selber. Stärke bedeutet für mich, sich der Situation zu stellen und eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Partner_in und sich selber zu stellen. Beides, eine Trennung oder eine konstruktive Fortsetzung der Beziehung kann die Folge sein. Egal zu welchem ergebnis man kommt, wird es aus meiner Sicht produktiv sein. Keiner hat je versprochen, dass es einfach sein wird. Schwäche bedeutet für mich, davon zu laufen oder krampfhaft an der Beziehung fest zu halten.

Aber wer kann immer stark sein ? Das Schöne ist, man kann jederzeit auch seine Schwäche erkennen und künftig sein Verhalten den Erkenntnissen anpassen. Vielleicht nicht immer in der gleichen Beziehung, aber immer in seinem eigenen Leben. Hilfreich ist dabei, sich selber auch die eigene Schwäche vergeben zu können. Hierzu vielleicht noch ein Link: http://www.vcp.de/detail/artikel/wege-z ... b815d964ce. Differenzierung und Vergebung sind für mich zwei wesentliche Elemente in einer Beziehung. Ein drittes Element ist die Selbstliebe, wie sie im Gedicht von Charlie Chaplin zum Ausdruck kommt: http://www.heldenreise.com/html/charlie ... stlie.html.
Viele Grüße
Vicky

Svetlana L
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Re: Konstruktive Distanz

Post 7 im Thema

Beitrag von Svetlana L » So 8. Jan 2017, 12:01

Liebe Jackie,

ich habe lange mit mir gerungen, ob ich auf deinen sehr bewegenden Beitrag überhaupt anworten soll, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich die richtigen Worte finde. Meine Frau hat deinen Beitrag und die bisherigen Antworten ebenfalls gelesen und wir haben darüber diskutiert. Auch meine Antwort hier ist von ihr gelesen und teilweise ergänzt bzw. geändert worden, ist also in dem Sinne ein Gemeinschaftswerk.

Zum Anfang möchte ich feststellen, dass es eine 100%ige Sicherheit in einer Partnerschaft - wie Daenerys auch schon geschrieben hat - nicht geben kann. Das ist in "normalen" Partnerschaften zwischen Mann und Frau so, warum sollte es da in einer Partnerschaft mit trans*-Partner_in anders sein!? Ich kann gut nachvollziehen, wenn du schreibst, dass ihr Bedrohungen von außerhalb eurer Beziehung gemeinsam gut meistern konntet, aber jetzt mit dem Thema trans* die Bedrohung quasi aus dem Inneren kommt. Was ich aber auch hier im Forum schon wiederholt gelesen habe, dass trans* das Ende der Liebesbeziehung zwischen der heterosexuellen Partnerin und der trans*-Partnerin darstellt. Das liest sich oftmals so, als handele es sich hierbei um ein Naturgesetz. In dieser oft formulierten Absolutheit muss ich dem ganz entschieden widersprechen. Letztendlich kann ich nur aus unserer Perspektive schreiben, auch wir haben in mittlerweile 33 Jahren Partnerschaft (davon fast 31 Jahre verheiratet) viel durchgemacht, das fing in den ersten Jahren mit einer Wochenendbeziehung an, als ich noch bei der Bundeswehr war und immer zwischen Neumünster und Berlin pendelte, dann das gemeinsame Großziehen unserer Kinder bis hin zur Krebserkrankung meiner Frau. So etwas schweißt zusammen und genau wie du und Angel sehen wir uns auch als ein Spitzenteam, das alle Hürden gemeinsam meistert. Ich denke aber auch, jede_r Partner_in, auch wenn er_sie noch so tolerant und offen ist, muss bei einem solchen Outing erstmal heftig schlucken. Was da auf einen zukommt, kann man im ersten Moment vermutlich nicht mal ansatzweise erahnen und die Zukunft liegt dann vielleicht erstmal in großer Schwärze. Auch wir wissen ja oftmals nicht, wie es weitergeht und vieles ergibt sich dann auch step by step. Diese belastende Situation zu meistern geht m. E. nur gemeinsam, wenn die Beziehung weiterhin Bestand haben soll. Daher möchte ich auch Angel widersprechen, dass starke Frauen einen Schlussstrich ziehen und ein neues Leben anfangen und nur schwache Frauen aus irgendwelchen wirtschaftlichen Gründen die Beziehung aufrechterhalten. Ich will es mal ganz provokativ sagen: Frauen, die einen Schlussstrich ziehen, sind vielleicht in dem Moment, wo diese Entscheidung getroffen wird, stark und mutig, aber im Grunde genommen sind sie doch auch feige, weil sie alles über evtl. sogar viele Jahre gemeinsam erarbeitete und aufgebaute hinschmeißen und sich dieser gemeinsamen Aufgabe nicht stellen. Starke Frauen stehen zu der Situation und werden durch die Auseinandersetzung mit dem Thema trans* in Verbindung mit der eigenen Beziehung noch stärker. So rum kann man es auch sehen. Was gar nicht beleuchtet wird, dass ja auch vielleicht der_die trans*-Partner_in sich anders orientieren will und einen Schlussstrich zieht. Auch das ist natürlich möglich. Analog zu dem bisher Geschriebenen geht dann natürlich nur der_die starke trans*-Partner_in, der_die schwache trans*-Partner_in muss dann aus wirtschaftlichen Gründen in der Beziehung bleiben.

Ich bin der Meinung, dass eine Entscheidung in Richtung Transition bzw. der sich dann anschließende Weg gemeinsam zu schaffen sind. Sollte der_die Partner_in nicht so schnell mitkommen, dann muss das Tempo eben auch mal gedrosselt werden. Ich weiß doch selbst, dass es "uns" oftmals nicht schnell genug gehen kann. Eine Beziehung ist aber immer auch eine Herausforderung für die eigene Kompromissbereitschaft. Von einer Trennung auf Zeit halte ich nicht viel. In meinen Augen ist das lediglich die Vorstufe für eine endgültige Trennung, z. B. wenn dann eine_r oder sogar beide feststellen, dass es auch allein geht. Auch möchte ich mit meiner Frau nie in einer Frauen-WG oder wie Schwester und Schwester zusammenleben. Ich behaupte mal, dass dafür unsere Liebe auch viel zu groß und intensiv ist.

@ Uta
... die alles und einzig entscheidende Frage dabei ist aber ist deine Frau Bisexuell oder Lesbisch veranlagt
Ist das wirklich die alles entscheidende Frage? Dann basiert eine - vielleicht viele Jahre andauernde - Beziehung ausschließlich auf der sexuellen Anziehung? Das ist natürlich ein wichtiger Aspekt, aber ich fände es erschreckend, wenn es der einzige wäre. Eine lesbische Kollegin von mir hat eine neue Partnerin, mit der sie erst seit kurzer Zeit zusammen ist. Diese bezeichnet sich keineswegs als lesbisch oder bisexuell (ausschlaggebend sollten hier die Selbstzuschreibungen der Personen sein), aber sie liebt eben explizit diese Frau (meine Kollegin). Auf bento gab es kürzlich einen Artikel über Pansexualität. Da bezieht sich die Liebe auf einen Menschen, vollkommen unabhängig davon, mit welchen Geschlechtsorganen dieser Mensch ausgestattet ist bzw. welche Geschlechtsidentität dieser Mensch für sich beansprucht. Auch das ist möglich.

So, ich glaube ich bzw. wir haben jetzt erst mal genug geschrieben. Lasst euch nicht von Meinungen beeinflussen, dass eine Beziehung mit einem trans*-Partner quasi automatisch zum Scheitern verurteilt ist. Letztendlich ist jede Beziehung - ob nun mit oder ohne trans*-Partner_in - einzigartig und nur ihr könnt eine für euch passende Lösung finden. Wir hoffen, dass euch das gelingt und ihr damit beide gut umgehen könnt.
Liebe Grüße aus Berlin
Svetlana

JaquelineL
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Re: Konstruktive Distanz

Post 8 im Thema

Beitrag von JaquelineL » So 8. Jan 2017, 12:28

Liebe Svetlana, liebe Grüße auch an Deine Frau,

vielen Dank für Eure überlegte, positive und lebensbejahende Antwort!

Ich möchte gar nicht im Detail auf einzelne Punkte Eurer oder der Antworten davor eingehen, aufgrund der bei mir kurzfristig anstehenden Änderungen gärt dieser Tage zu viel und so lasse ich eure Rückmeldungen vor allem auf mich wirken. Meine Frau übrigens auch, wir sind ja beide hier angemeldet, auch wenn vor allem ich hier zu Wort komme ;)

Ich freue mich sehr darüber, dass hier eine gehaltvolle Diskussion in Gang kommt, in der verschiedene Seiten und Blickwinkel zu Wort kommen: Das war meine Absicht, nicht nur ich/wir profitieren davon, aus unserem gefühlten gedanklichen Kreis auszubrechen. Aus diesem Grund möchte ich aber auch, dass mein Startbeitrag nicht als Bitte um Diskussion meiner Situation gesehen wird. Ich möchte vor allem an euren Gedanken zu den von mir und von allen folgenden Beitragenden beschriebenen Ansätzen teilhaben und daraus lernen und schauen, wie sie mir bei der Gestaltung der aktuellen Phase weiterhelfen. Meine Frau und ich stehen einfach nur mal wieder an einer der vielen Kurven und Gabelungen unseres gemeinsamen Weges und versuchen das Richtige zu tun, da kann die Erfahrung anderer helfen. Die Entscheidung treffen und unseren Weg gehen, das müssen wir dann allerdings selbst ;)

Insofern hoffe ich für mich und alle zukünftigen Leser, dass noch viele von euch, die vor diesen Entscheidungen stehen oder sie schon getroffen haben, uns Einblick in eure Gedanken gebt.

Vielen Dank euch allen und ganz liebe Grüße
Jackie
Today is the first day of the rest of my... forget it.

Drachenfrau
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Re: Konstruktive Distanz

Post 9 im Thema

Beitrag von Drachenfrau » Mo 9. Jan 2017, 22:34

Schon eine Weile lasse ich mir eure Zeilen durch den Kopf gehen.

Ich glaube nicht, dass es wichtig ist, ob eine Beziehung bestehen bleibt oder nicht - sondern, ob beide Partner einen Weg finden können, mit dem sie glücklich leben können und der ihnen gibt, was sie brauchen.

Zwar dachte ich einmal, dadurch, dass ich doch eine Neugierde auf das eigene Geschlecht verspüre, dass es mit das ist, was mich bleiben lässt.
Nein - im Fall von Denies ist es momentan nicht der Faktor. Der kann vielleicht eine Rolle spielen, wenn die geschlechtsangleichenden Maßnahmen deutlich zu sehen sind.

Das, was mich aktuell bei ihr bleiben lässt, sind die Qualitäten des Menschen, den ich kennen lernte.
Hätte Denies keine tantrischen Seminare besucht, dann wäre mir die Frau im Mann wahrscheinlich schon sehr viel früher aufgefallen. So schob ich das Sanfte, Achtsame, etc., auf die tantrischen Seminare.
Doch ich erlag dem Menschen selbst und unser Verstand war auf Urlaub als wir uns kennenlernten. (Wir zogen in derselben Woche zusammen, in der wir uns kennenlernten, nachdem wir uns 3 Mal trafen.)

Wir geben einander allen Freiraum, den wir beide brauchen, um mit der Situation umgehen zu können und unser Freiraum ist nicht starr geregelt, sondern manchmal müssen wir ihn täglich neu definieren.

Ein großes Gut, was wir miteinander haben, ist, dass wir uns unsere Gedanken mitteilen, auch in dem Risiko, dass sich einer von uns verletzt fühlen könnte - doch wir haben Klarheit, was gerade in uns lebendig ist, sprechen es direkt an.

Manchmal empfindet mich Denies als schwach, doch wenn ich mir anschaue, dass ich gerade in meiner Familie aufräume, manche alte Themen an die Tür klopfen – die mir noch nicht bewusst waren - und dann auch noch den Weg mit einer transsexuellen Frau gehe, dann empfinde ich mich gerade sehr stark.
Was Denies betrifft, so lasse ich mich, mich auch von meinen Gefühlen überwältigen und gehe da ganz tief hinein, bis ich erforscht habe, was in mir alles passiert und kann dann wieder ein Stück loslassen, was mich den Tränen nahe brachte.

Denies hat mir auch den Spiegel vor die Nase gehalten.
So, wie bei ihr etwas "raus" wollte, ging/geht es auch mir. Deswegen auch "Drachenfrau", denn es ist, als wollten da bei mir die Qualitäten endlich zum Vorschein kommen und gelebt werden, die man als unterdrückte Wut, Abgrenzung, sich aus dem Gefängnis befreien, Wildheit, und einiges mehr nennen kann.
Ein Mensch ist auf dem Weg zu sich selbst beides, stark und schwach - mal so und mal so - und manchmal wird man von außen anders gesehen als man sich selbst empfindet.

Jedoch wird mir immer eins bewusster und klarer: es gäbe nichts, kein Vermögen, kein Haus, kein Umfeld, etc. - was mich dazu bringen würde, mit Denies rein freundschaftlich oder schwesterlich zusammen zu leben.
Würde unsere Beziehung zu Ende gehen, dann wäre ich dafür, dass wir uns trennen.

Weiter hilft mir, unseren Weg als Weiterentwicklung ansehen zu können. Wir beide verschieben geistige Grenzen und lösen begrenzende Gedankenmuster auf. Jeder anders, aber doch gemeinsam und uns gegenseitig unterstützend.
Je mehr ich in Verbindung mit mir selber bin, desto leichter löse ich meine „Probleme“.

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