Das ist mein "Mann"!
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nicole.f
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Das ist mein "Mann"!

Post 1 im Thema

Beitrag von nicole.f » Di 12. Jul 2016, 23:38

Letztes Wochenende war ich mit meiner Partnerin bei den Schwiegereltern (in spe), wir waren zum Essen eingeladen. Es sollte in ein sehr gut laufendes Lokal im Bergischen gehen, Familien geführt und die Schwiegereltern kennen die Besitzer seit einigen Jahren. Nach den ganzen Regentagen hatte wir sogar Glück mit dem Wetter, nicht zu warm, meistens Sonne, also gute Laune Wetter und schön zum draußen sitzen.

Der Vater hatte einen Tisch reserviert und so gingen wir zunächst in das Haupthaus, um uns anzumelden. Direkt am Eingang saßen an einem Tisch die Besitzerin, ihr Mann, der dort die Küche leitet, und zwei weitere Personen. Es dauerte einen Augenblick, bis sich alle wiedererkannten, doch dann wurde sich freundschaftlich begrüßt, meine Partnerin und ich stellten uns mit Namen vor und dann begann auch schon der Smalltalk. Meine Partnerin und ich standen etwas teilnahmslos daneben und lächelten höflich - wir kannten die anderen ja (noch) nicht. Doch dann schwenkte das Gespräch zu uns, die Wirtin, ganz Gastwirtin eben, erkundigte sich nach der Tochter und meine Partnerin reagierte brav - alles gut etc.

Kurz darauf kam Glatteis in Sicht: "Wo ist denn der Mann?" fragte die Wirtin meine Partnerin. Oh oh, dachte ich, jetzt wird es aber spannend. Grätschen jetzt vielleicht sogar die Schwiegereltern, peinlich berührt, dazwischen?

Ich muss dazu sagen, dass wir nur selten in dererlei Situationen geraten. Die meisten Menschen, mit denen wir zu tun haben oder bekommen, kennen uns schon irgendwie, mehr oder weniger lange. Oder es sind unverfängliche Situationen, in denen man sich begegnet. Doch hier waren wir mit einer Reihe von Personen zusammen, alle weit jenseits der 60 Jahre, in einem sehr öffentlichen Raum und sehr bürgerlichen Umfeld. Meine Schwiegereltern sind weit jenseits der 70 und kannten mich die längste Zeit noch als Kerl, also als Partner ihrer Tochter. Jetzt werden sie mit der Nase darauf gestoßen, dass ich ihre Tochter, zumindest von außen betrachtet, zur Lesbe gemacht habe - mal ganz ungeachtet der Tatsache, dass ich trans* bin. Für meine Partnerin ist das ja nun auch eine mindestens neue Erfahrung, so öffentlich Fremden und auch noch ihren Eltern gegenüber Farbe bekennen zu müssen.

Die Sekunden bis zur Antwort meiner Partnerin kamen mir wie eine Ewigkeit vor - mir fiel beim besten Willen nichts Schlagfertiges auf die Frage "Wo ist denn der Mann?" ein. Sie aber, cool wie sie eben schonmal ist, antwortete "Das ist mein Mann!" und nahm mich in den Arm "Ach so, ja!" sagte die Wirtin und das Thema war erledigt. Ich freute mich den ganzen restlichen Abend darüber, denn ich empfand es als ein großes Bekenntnis zu mir und zu uns!

Etwas später am Abend kam die Wirtin noch einmal an unseren Tisch und unterhielt sich länger mit meiner Schwiegermutter, über dies und das, total nett, geborene Gastwirtin eben. Irgendwann kam das Thema auch auf Kinder - ihre Kinder und sogar nun die ersten Enkel arbeiten inzwischen für sie in dem gleichen Lokal und das freute sie sehr. Kinder bekommen wurde Thema und schon wieder sah ich da dieses Glatteis auf uns zu kommen. "Ja, wenn man keine eigenen Kinder hat, kann man das einfach nicht nachempfinden. Das soll jetzt keine Kritk sein!" und schaute meine Partnerin und mich an. Was sie meinte ist klar, es solle keine Kritik an einer gleichgeschlechtlichen und damit vermeintlich kinderlosen Partnerschaft sein.


Tja, so ist das nun, nicht nur trans*, sondern auch homosexuell. Ich bin eine amtliche Lesbe.
Was mir das ganze auch zeigt ist, wie beschränkt diese Begriffe sind, so wie alle Begriffe, auch die so oft diskutierten trans* Begriffe. Irgendwie trifft das alles zu, doch irgendwie auch nicht. Die große Kunst ist es, denke ich, eben nicht nur auf die Begriffe und Worte zu schauen, sondern auch auf den Kontext, in dem sie verwendet werden. Für die Wirtin war es in dem Moment, in diesem speziellen Kontext, völlig in Ordnung von uns als lesbisch zu denken. Das kann ich nachvollziehen und für diesen Kontext auch akzeptieren. Doch das macht mich nicht zu einer Lesbe und meine Partnerin auch nicht. Aber hätten wir ihr das in der Situation erklären sollen oder gar müssen? Nein. Gäbe es überhaupt etwas zu erklären? Nicht für mich und nicht für meine Partnerin, nein. Das war OK so. Uneingeschränkt großartig war, dass niemand davon eine besondere Notiz nahm. Für die Wirtin war das völlig in Ordnung, für meine Schwiegereltern war es in Ordnung (obwohl ich mir nicht ganz klar darüber bin, ob sie wirklich gemerkt hatten, was da passierte) und für meine Partnerin und mich was es in Ordnung - ich liebe meine Partnerin dafür, wie selbstverständlich sie damit umgeht; und nicht nur dafür :-)


So, das wollte ich einfach nur mal berichten.

Liebe Grüße
nicole
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exuserin-2016-12-21

Re: Das ist mein "Mann"!

Post 2 im Thema

Beitrag von exuserin-2016-12-21 » Mi 13. Jul 2016, 06:41

(so) Wunderbar! (hs) ))):s Finde ich echt schön und alles gute und viel Harmonie in eurer Beziehung!

Feldmaus
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Re: Das ist mein "Mann"!

Post 3 im Thema

Beitrag von Feldmaus » Mi 13. Jul 2016, 07:50

Hallo Nicole
Danke, für deinen Beitrag.So ähnlich geht es mir mit Saskia manchmal auch.Da Saskia und ich zusammen eine kleine Firma leiten werde ich oft von Kunden nach
meinen Mann gefragt.Immer wieder muss ich erklären, das Saskia meine neue Partnerin ist und werde oft als lesbisch angesehen. Das ist den meisten Kunden zwar
egal, aber mich nervt es.Ich möchte nicht als lesbisch abgestempelt werden,nur weil ich mit einer Frau zusammen lebe. Deswegen rede ich vor Kunden von meiner Geschäftspartnerin. Privat ist das etwas anders, da kann ich unsere Situation gut erklären, doch geschäftlich ist dazu meist keine zeit.
Liebe Grüße (auch an deine Partnerin) Daniela
Man sieht nur mit dem Herzen gut.Das Wesentliche bleibt für die Augen unsichtbar.(Antoine de saint-exupery)

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Re: Das ist mein "Mann"!

Post 4 im Thema

Beitrag von Nicoletta » Mi 13. Jul 2016, 08:45

Hallo, Nicole,

Deine Gefühle kann ich sehr gut nachempfinden. Auch bei uns ist es so, dass meine Frau mich akzeptiert, aber keinesfalls als Lesbe betrachtet werden möchte, die sie ja auch nicht ist. Sie habe schließlich einen Mann geheiratet, und dabei bleibt es für sie. Als ich sie kürzlich in der Klinik, wo sie sich vorübergehend aufhielt, besuchte, hatte sie das Personal und Mitpatienten schon auf mich vorbereitet ("mein Mann ist eine Frau", so ihre Auskunft), und so wurde ich dann auch vorgestellt. Ich muss gestehen, dass es mir nicht gefällt, als Mann bezeichnet zu werden, kann ihr aber auch keine Alternative anbieten. "Partnerin" ließe an eine lesbische Beziehung denken. Sie selbst nennt mich auch nie ernsthaft bei meinem weiblichen Namen, allenfalls in Wendungen wie "wenn Du N. bist/eine Frau bist", was mir jedes Mal einen Stich versetzt. Aber ich kann natürlich auch verstehen, dass es ihr schwer fällt, mein Frausein nicht nur äußerlich zu akzeptieren.

Liebe Grüße,
Nicoletta
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Re: Das ist mein "Mann"!

Post 5 im Thema

Beitrag von ChristinaF » Mi 13. Jul 2016, 14:28

Hallo Nicole,

kann mich eines Schmunzelns nicht erwehren. (moin)
Trotzdem aber die Frage, was denn sooooo schlimm an einer Lesbe ist? Nicht böse sein, vielleicht interpretiere ich deinen Beitrag auch falsch. Nur bei meiner Frau und mir ist es genau umgekehrt. Nicht nur einmal wurde ich von meiner Liebsten als "ihre Frau" vorgestellt; was ja heißt, dass wir beide lesbisch sind.
LG
Christina

nicole.f
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Re: Das ist mein "Mann"!

Post 6 im Thema

Beitrag von nicole.f » Mi 13. Jul 2016, 15:19

Liebe Christina,
liebe alle,

das war von mir vielleicht etwas missverständlich formuliert. Es ist gar nichts Schlimmes daran, eine Lesbe zu sein und auch meine Partnerin und ich haben kein Problem damit, als solche angesehen oder auch "einsortiert" zu werden. Wenn sie nicht nach "ihrem Mann" gefragt worden wären, hätte sie mich auch als ihre Partnerin (wir sind nicht verheiratet) vorgestellt. Wir haben beide kein Problem damit. Ich glaube sogar, wenn man uns fragte, wie wir unsere Beziehung beschreiben oder benennen würden, so würde wohl auch lesbische Beziehung darin vorkommen. Wir können das nicht verleugnen, wir sind zwei Frauen in einer (langjährigen) Beziehung und diese Beziehung ist eine ganz persönliche Beziehung, nicht nur eine geschäftliche oder rein praktische, weil wir unter einem Dach leben. Wir sind Lebenspartnerinnen. Diese Beziehung erfüllt alle allgemeinen Kriterien einer lesbischen Partnerschaft und Beziehung.

Aber das beschreibt es eben nur zum Teil. Wir haben uns als Mann und Frau kennengelernt und als solche auch diese Partnerschaft vor etwa 15 Jahren begonnen. Ich wurde als Frau erst sichtbar, als das alles bereits geschehen und Vergangenheit war. Wir haben es nicht erlebt, wie es ist festzustellen, dass man gleichgeschlechtlich liebt. Wir wissen nicht, wie es ist, eine gleichgeschlechtliche Lebenspartnerin zu suchen, zu finden und eine Beziehung zu beginnen. Wir wissen (noch) nicht, wie es ist, sich Dritten gegenüber als homosexuell lesbisch zu behaupten. Wir haben keine Ahnung davon, was es bedeutet, Lesbe zu sein. Uns fehlt ein ganz wesentlicher Teil einer solchen Sozialisation. Es war sozusagen eher ein Unfall des Schicksals, dass wir nun eine lesbische Partnerschaft haben.

Doch das bedeutet nicht, dass wir weniger dazu stehen würden. Was ich nur meine ist, unsere lesbische Identität beginnt gerade erst zu wachsen. Durch Erlebnisse, wie das in dem Lokal mit der Wirtin, lernen wir und wachsen daran. Vor ein paar Wochen habe ich mit einige anderen homosexuellen Menschen gesprochen und ihnen offen davon erzählt, dass ich noch ein Problem damit habe, mich als Homosexuelle zu identifizieren. Ich habe nach wie vor ein Problem damit, lesbische Gruppen zu besuchen, weil ich das Gefühl habe, dort nicht zugehörig zu sein. Nicht weil ich das ablehnen würde, sondern weil mein Weg dahin ein ganz anderer war, als er es für cis Menschen war. Ich denke, meine Partnerin und ich werden uns irgendwann ganz selbstverständlich homosexuell lesbisch identifizieren, wenn wir auch, zumindest Teile, dieses Weges beschritten haben, ähnliche Erfahrungen, wie andere Lesben, gemacht haben, eben eine lesbische Sozialisation erfahren haben. Wie so vieles sind es, denke ich, auch Erfahrungen, die unsere Identität formen.

Liebe Grüße
nicole
Zuletzt geändert von nicole.f am Do 14. Jul 2016, 00:23, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Das ist mein "Mann"!

Post 7 im Thema

Beitrag von Bianca D. » Mi 13. Jul 2016, 17:02

Moin Nicole,

danke für die Klarstellung.So in etwa hatte ich deinen ersten Beitrag auch interpretiert. Ich finde es immer wieder spannend,solch Geschichten des Alltages zu lesen.Mich als Lesbe zu identifizieren hat mir allerdings nie ein Problem bereitet,einzig der nicht dazu passende Körper hat mir mein Leben lang die Tour vermasselt.Ich habe mich stets als geborene Lesbe mit falschem Körper bezeichnet,was natürlich stets zu dummen Gesichtern und Unvertändnis führte."Der hat nen Knacks",so hieß es oft.

Dir und deiner Partnerin alles Gute Bild

LG Bianca
Ick wees nüscht,kann nüscht,hab aba jede Menge Potenzial

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