Ich bin ich - aber wie soll ich damit umgehen?
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Marlin
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Ich bin ich - aber wie soll ich damit umgehen?

Post 1 im Thema

Beitrag von Marlin » Mo 27. Nov 2017, 20:14

Hallo liebe Gemeinde,
Ich habe ja schon mal kurz Hallo gesagt in den Vorstellungen. Hier nun mein erster Beitrag, in dem ich meine Vergangenheit, meine aktuelle Situation, und auch meine Wünsche und Planungen für meine Zukunft beschreiben möchte. Ich schreibe das alles hier im Forum, weil ich mich unsicher fühle und auch ein wenig Angst habe vor meinem weiteren Weg.

Geboren wurde ich im Sommer der Liebe 1969 und bin damit nun 48 Jahre alt. Mein Leben habe ich zumindest nach außen als Mann verbracht. Meistens habe ich mich allerdings auch so gefühlt.
Ich bin recht erfolgreich im Beruf und wenn man mich sieht, dann sieht auch alles nach Mann aus: Frisur, Bart, Bierbauch und eher "männliche" Tattoos. Aber das ist nur äußerlich.

In meiner Jugend habe ich mich ganz klar als Mann gefühlt. Auch wenn es mit den Beziehungen nicht so recht klappen wollte.
Mit 18 habe ich dann meine erste Beziehung geheiratet. Heute denke ich, dass das eine Jugendsünde war. Wir waren beide nicht reif für eine Ehe. Natürlich ging es bald in die Brüche und wir wurden wieder geschieden.
Gefühlsmäßig hat mich diese Zeit fertig gemacht. Ich habe seit dem nie wieder mit einer Frau geschlafen.

Mit der Zeit habe ich mich sexuell in der Selbstliebe verloren. Was natürlich fiese Nebenwirkungen gehabt hat: Ich wurde süchtig nach Pornos.
Das war richtig exzessiv. Masturbation bis zu 10 mal am Tag und, wie bei einer Sucht üblich, Verkümmerung der sozialen Kontakte. Dazu kam, dass ich beruflich immer erfolgreicher wurde und auch ins Ausland gezogen bin. Das Geld stimmte, aber persönlich und sozial verarmte ich immer mehr. In dieser Zeit habe ich auch das erste Mal weibliche Kleidung angezogen. Ganz klar Fetisch-orientiert um mich aufzugeilen.
Allerdings erkannte ich auch, dass es so nicht weitergehen kann. Ich suchte mir professionelle Hilfe und begab mich in Psychotherapie. Sie hat mir unglaublich geholfen. Ich bin wieder auf ein gesundes Maß zurückgekommen und bin heute glücklich damit. Pornos brauche ich seit dem auch nicht mehr. Ich habe erkannt, was gut für mich ist und habe entsprechende Konsequenzen gezogen.
Meinen Alltag habe ich auch geändert: Ich bin wieder in meine alte Heimat gezogen, wo meine Familie und Freunde sind. Ich hatte mal wieder Glück und habe einen guten Job gefunden. Nicht so gut bezahlt wie der im Ausland aber doch gut. Meine innere Anspannung fiel ab und ich fühlte mich fast wohl.

Was blieb ist, dass ich noch immer gerne weibliche Kleidung trage. Aber es ist nicht mehr zur sexuellen Stimulation. Und noch viel wichtiger: Ich fühle mich einfach richtig, wenn ich Strumpfhose, Rock, usw. trage. Es fühlt sich einfach so an, als ob ich endlich ich selbst bin. Ich wurde entspannter und ausgeglichener. Selbst andere körperliche Probleme wurden weniger. Ob das damit direkt zusammenhängt, kann ich aber nicht sagen.

Dadurch setzte sich in den letzten Jahren die Erkenntnis durch dass, dass mein weibliches Ich mich ausgleicht und nicht weiter unterdrückt werden sollte.
Es ist heute so, dass ich privat nur noch weibliche Kleidung trage. Das wissen und sehen auch einige Freunde (w & m) und sie akzeptieren das sehr gut.
Wenn ich aber tagsüber im Büro bin, dann sehnt sich alles nach dem Feierabend wo ich endlich wieder in Kleidung schlüpfen kann, in der ich mich wohl fühle und wo ich mich "echt" fühle.
Ich kann ehrlich sagen, dass es den sexuell aufgeladenen Fetisch bezüglich weiblicher Kleidung nicht mehr gibt. Es fühlt sich einfach nur noch richtig an.

Seit 2 Jahren habe ich das Bedürfnis meinen Körper meinem Gefühlsleben anzupassen. Dieses Gefühlsleben beschränkt sich nicht nur auf meine Geschlechtsidentität. Das ist einfach nicht Alles.
Ich habe das mit Tattoos getan. Ich liebe sie und sie drücken mein "ich" aus, auch wenn es bis jetzt nur meine männliche Seite ist.
Trotzdem fehlt mir etwas. Ich habe lange darüber nachgedacht, was fehlt und was mit mir los ist. Mein Ergebnis: Ich möchte, dass mein Körper etwas weiblicher ist und meine weibliche Seite auch nach außen sichtbar ist. Aber ich möchte trotzdem weiter als Mann leben. Was die Gesellschaft über mich denkt, ist mir eigentlich egal. Im Job wird es keine Probleme geben. Die Kollegen sind cool 8)

Es fällt mir sehr schwer mich mit meiner Geschlechtsidentität einzuordnen. Ich sehe mich nicht als transsexuell. Ich bin keine Frau in einem männlichen Körper! Aber ich bin auch kein Mann. Ich bin ich. Und ich will, dass ich mich in meinem Körper richtig fühle. Das wird wahrscheinlich kein einfacher Weg, aber ich bin breit ihn zu gehen.

heike65

Re: Ich bin ich - aber wie soll ich damit umgehen?

Post 2 im Thema

Beitrag von heike65 » Mo 27. Nov 2017, 20:59

Ich kann das sehr gut nachvollziehen, das war nicht mein Weg, aber du hast das authentisch und nachvollziehbar geschildert.

Auf der einen Seite bist du doch sehr weit, kennst Therapie, weißt was dir guttut, beruflich gibt es auch keine Probleme, die Umwelt akzeptiert diesen mischmasch, nur deine Angst scheint dich zu hemmen.

Ich kann dir nur sagen, alles richtig gemacht, und geh dein Tempo weiter, such dir vielleicht ne Schwester oder ne shg in deiner Nähe, in Gemeinschaft geht vieles leichter.

Was Du aber feststellen wirst, Eindeutigkeit ist anfangs eine Herausforderung, aber macht das Leben anschliessend leichter, nicht binäre Menschen haben es nicht unbedingt leicht

Heike

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Re: Ich bin ich - aber wie soll ich damit umgehen?

Post 3 im Thema

Beitrag von MichiWell » Mo 27. Nov 2017, 21:22

Hallo Marlin,

wie Heike schon geraten hat: Such dir doch Kontakte vor Ort.

So wie ich das bei einem anderen Kasselbesuch bei einem Aktionstag auf dem Königsplatz erlebt habe, gibt es wohl mehrere Gruppe vor Ort bzw. in der nahen Umgebung. Frage doch mal bei der AIDS-Hilfe nach. Die können dir bestimmt weiterhelfen.

Edit nach Jaddys Beitrag, der meine Erinnerungen noch mal getriggert hat:

Es sollte auch eine Gruppe bei euch geben, die sich nicht mit Trans* sondern mit den Themen Asexualität und/oder Nonbinary befasst.


Liebe Grüße )))(:
Michi
Zuletzt geändert von MichiWell am Mo 27. Nov 2017, 21:55, insgesamt 1-mal geändert.
Raider heißt jetzt Twix. Sonst ändert sich nix.

Der moderne Mensch ist leicht zu lenken, aber nur schwer zu etwas zu bewegen.

Wer so tut, als bringe er die Menschen zum Nachdenken, den lieben sie. Wer sie wirklich zum Nachdenken bringt, den hassen sie.

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Re: Ich bin ich - aber wie soll ich damit umgehen?

Post 4 im Thema

Beitrag von Jaddy » Mo 27. Nov 2017, 21:50

Hi Marlin,

willkommen im Forum und willkommen im Club der nicht so eindeutigen :) Mit dem Thema nicht-binärer Präsentation hadere ich auch gerade herum. Hab mich mit meiner Liebsten ausgetauscht und das wird sicherlich noch eine spannende Reise in den nächsten Jahren. Von der Tendenz her geht es bei mir in Richtung androgyn mit Andeutungen von beiden Enden des Spektrums.

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Re: Ich bin ich - aber wie soll ich damit umgehen?

Post 5 im Thema

Beitrag von Jenina » Di 28. Nov 2017, 08:03

Marlin,,

ich denke Du bist schon ganz stark auf dem richtigen Weg. Das wichtigste war, zu erkennen was in Deinem bisherigen Leben falsch war. Da hast Du ja schon konsequent aufgeräumt und es Du merkst an Dir, dass es Dir gut tut.

Nun gilt es die Erkenntnis, dass Du eine starke weiblichre Seite hast, in eine ebenso aufgeräumte Lebensform zu überführen. Dazu ist neben dem Ausleben durch das Tragen weiblicher Kleidung aber auch noch ein funktionierendes soziales Leben erforderlich. Einerseits durch Kontakte zu gleich fühlenden und denken Menschen wie hier im Forum, aber auch im richtigen Leben.

Das nächste ist dann das soziale Leben im Alltag einzurichten, was unendlich schwer ist. Aber lass Dir Zeit, tausche Dich aus und wende Ratschläge so an, dass sie Dir guttun. Es gibt viele wie Dich, die nicht "im falschen Körper" leben und "nur" eine Gefühlswelt haben die zwischen den Polen unseres abendländischen Geschlechtermodells liegt (ich zum Beispiel auch). Hier bist Du erst mal gut aufgehoben.

Jenina
Disclaimer: Dies ist eine persönliche Meinung, sie ist möglicherweise inkompatibel mit Deinem Glauben/Lifestyle/Parteiprogramm!

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Re: Ich bin ich - aber wie soll ich damit umgehen?

Post 6 im Thema

Beitrag von Nicola » Di 28. Nov 2017, 12:54

Hallo Marlin, herzlich willkommen im Club der «nicht binären». Ich habe in der letzten Zeit einige Menschen kennen gelernt, die sich als:
Einhorn * transqueer *Bigender * drittes geschlecht * genderfree * genderfluid * genderqueer * geschlechtsneutral * intertrans * non-binär * queer * two spirit * Universalmensch * Zwischenmensch...
bezeichnen, und alle diese Menschen sind daran oder haben schon herausgefunden wie sie ihr Leben gestalten, dass sie damit glücklich sind. Ich habe mich vor knapp zwei Jahren in meinem ganzen Umfeld geoutet und es ging besser als ich dachte. Bis auf ein paar wenige die ein kleineres und eine Person die ein grösseres Problem damit hat, gabs keine Probleme, und ich würde es wieder tun. Da du selber denkst, dass es im Job kein Problem sein sollte weibliche Kleidung zu tragen, würde ich dir empfehlen, dich so deiner Umwelt zu zeigen wie es für dich am stimmigsten ist. Nichts überstürzen, aber beharrlich Schritt für Schritt deinen Weg gehen.
Alles Gute Nicola

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Re: Ich bin ich - aber wie soll ich damit umgehen?

Post 7 im Thema

Beitrag von Marlin » Mi 29. Nov 2017, 11:11

Hallo liebe Gemeinde,

vielen lieben Dank für eure Antworten und die hilfreichen Tipps. Es fällt mir schwer mit anderen Betroffenen in Kontakt zu treten. Das liegt nicht am Angebot, sondern eher daran, dass mein Leben ziemlich vollgepackt ist. Daher suche ich den Austausch hier im Forum.

@Nicola: Es ist genau diese Vielfallt an Begriffen, die mich verwirrt. Daher schreibe ich auch, dass ich einfach Ich bin. Herauszufinden wer man ist, ist eine Lebensaufgabe und wahrscheinlich nie abgeschlossen. Leben bedeutet ja auch ständige Veränderung.

In meinem Job bin ich noch voll Mann. Ich trage im Büro keine weibliche Kleidung. Meistens zumindest. Unterwäsche und/oder Strumpfhose kommt schon mal vor.
Allerdings öffne ich mich nach und nach meinen Freunden. Wenn mich mal jemand besuchen kommt, öffne ich ihr/ihm im Rock und Strumpfhosen die Tür. Hilfreich ist dabei, dass ich wohl auch eher zurückhaltende Kleidung bevorzuge. Ich konfrontiere sie nicht mit Miniröcken, Strapsen, etc. Bisher haben alle sehr positiv reagiert und mir ihre Unterstützung angeboten. Es ist schön, wenn man merkt, dass man echte Freunde hat!

Wie ich bereits geschrieben habe, möchte ich, dass mein Körper zu mir und meinem Empfinden passt. Ich rasiere ihn regelmäßig seit vielen Jahren. Aber das reicht natürlich nicht.
Dank meiner Statur (klein & dick) habe ich bereits einen Brustansatz und ich liebe die Kleinen (smili)
Aber sie sind halt sehr klein, was das Tragen von BHs eher überflüssig / unnütz macht. Da der Brustumfang auch etwas kleiner als der Bauchumfang ist, fallen sie überhaupt nicht auf. Es ist schwer das zu beschreiben, aber ich empfinde das als noch sehr männlich.
Ich wünsche mir ein richtiges Dekolletee. Und ich habe die Entscheidung getroffen, dass ich dazu nun auch aktiv werden möchte.
Zunächst habe ich also im Netz recherchiert. Und war echt überrascht, wie viele Männer sich Brüste wünschen. Und was sie dafür zu tun bereit sind. Das ist teilweise erschreckend aber manchmal auch nachzuvollziehen.

Wie ich nun die ersten Schritte eingeleitet habe und wo ich heute stehe, werde ich in meinen nächsten Postings beschreiben.
LG
Marlin

Nicola
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Re: Ich bin ich - aber wie soll ich damit umgehen?

Post 8 im Thema

Beitrag von Nicola » Mi 29. Nov 2017, 18:22

Hallo Marlin,
vergiss die vielen Begriffe wenn sie dich nur verwirren, du bist du, wie du es gesagt hast. Ich erkläre den Leuten manchmal das ich non-binär bin und wenn sie nicht nachfragen was das bedeutet, bin ich eher erstaunt, und wenn ihnen der Begriff wirklich etwas sagt noch mehr. Es ist für mich eine Möglichkeit, zu erklären dass ich mich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht 100 prozentig zuordne, sondern irgendwo dazwischen bin. Dann sage ich ihnen meistens noch das ich mich dem weiblichen Geschlecht näher fühle. Wenn sich dann jemand wirklich interessiert, erkläre ich ihm das Ganze auch gerne genauer, ich möchte aber auch nicht, dass es dann jedes mal so ein riesen Ding wird. Ich habe viele Interessen und Qualitäten die mich ausmachen, und möchte nicht auf mein trans* sein reduziert werden.
Was die Körperliche Empfindung betrifft, kann ich deinen Wunsch gut nachvollziehen. Für mich würde ich es so beschreiben, so wie andere sagen sie machen eine Transition MzF mache ich ein MzI, I für Inter, so wie sich einige als Transfrau oder Frau bezeichnen, würde so für mich die Bezeichnung intertrans oder Inter zutreffend sein, aber jetzt kommen schon wieder diese Begriffe.
LG Nicola

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Re: Ich bin ich - aber wie soll ich damit umgehen?

Post 9 im Thema

Beitrag von Marlin » So 3. Dez 2017, 12:45

Hallo liebe Gemeinde,

gestern habe ich mich zum ersten Mal einem Familienmitglied gegenüber offenbart. Meine Kusine kam mit Mann zum Essen. Ich habe meine berühmten Hamburger gemacht und es war ein richtig schöner Abend.
Mit war ja schon klar, dass die beiden recht offen für non-konforme Lebensweisen sind. Aber sie haben nicht ein einziges Mal angesprochen, dass ich einen Rock trage.
Irgendwann habe ich dann einfach gefragt, warum sie eigentlich nichts zu meinem Outfit sagen. Antwort: „Wenn Du dich darin wohlfühlst ist das doch okay. Was sollen wir dazu denn sagen?“
Und ich habe mir vorher so den Kopf gemacht, ob ich sie wirklich in weiblichen Klamotten begrüßen soll. War also alles richtig gut! :D

Wie es bei mir weiterging:
Irgendwann war bei mir der Punkt gekommen, dass etwas passieren muss. Also zunächst erst Mal das Netz befragt, was man da machen kann, wenn man als Mann mit weiblichen Attributen leben möchte.
Mögliche Lösungen: OP, Hormone, Prothesen.

Zwei Sachen standen für mich sofort fest:
1. OP möchte ich nicht. Ich hätte das Gefühl einen Fremdkörper in mir zu haben. Ich glaube nicht, dass ich wirklich das Gefühl hätte, dass die Brüste wirklich „meine“ sind.
2. Prothesen sind auch nicht wirklich „meine“ Brüste. Ich käme mir verkleidet vor. Aber sie haben den großen Vorteil, dass ich ausprobieren kann, wie es sich mit Brüsten lebt.

Also habe ich mir Silikonbrüste bestellt. Ich habe mich beraten lassen und dabei gesagt, dass ich mir eine B-Körbchen wünsche. Als sie endlich ankamen, war ich erstaunt, wie groß sie sind. Natürlich habe ich sofort ausprobiert. Mit dem dazugehörigen Haftkleber angebracht und mit einem BH sehen sie unter Klamotten richtig gut aus. Das Tragegefühl der Silikonbrüste ist erstaunlich gut. Sie wippen beim Gehen und fühlen sich ziemlich gut an. Natürlich sind sie ein Fremdkörper, der einfach nur außen an mir dran klebt.

Mein erster Test war: Würde ich weiterhin als Mann ins Büro gehen können, wenn ich Brüste hätte? Antwort: Man sieht natürlich schon, dass da Brüste sind. Aber mit einem Sport BH, der etwas flach drückt, geht es. Trage ich dann noch dunkle Hemden, sind sie praktisch nicht zu sehen. Aber: Ich kann nicht von heute auf morgen mit den Prothesen ins Büro. Der plötzliche Unterschied würde dann doch sehr auffallen.

Zweiter Test: Wie sehen sie in einem richtigen BH (mit Bügel) aus? Antwort: Super! Ich war sofort in den Anblick verliebt. Ich hätte mich stundenlang im Spiegel betrachten können. So möchte ich aussehen! So fühle ich mich! Ich war richtig aufgewühlt.

Noch am selben Tag bin ich mit den Brüsten im „Versteckmodus“, also mit Sport BH und dunklem Hemd, einkaufen gegangen. Außer mir hat es keine Sau interessiert (yes)
Das habe ich mittlerweile schon oft getan und es merkt wirklich niemand, dass da Brüste sind. Oder es interessiert keinen.
Auch die erste Nacht schlief es sehr gut mit den Prothesen. Da könnte ich mich dran gewöhnen (yes)

Das Problem trat am nächsten Tag auf: Ich habe einen Ausschlag von den Dingern bekommen. Alle war rot und hat wie Hölle gejuckt :cry:
Es hat mehrere Tage gedauert, bis ich das wieder weg hatte.
Seit dem trage ich die Prothesen nur stundenweise und benutze den Haftkleber nicht mehr. So geht es einigermaßen. Aber das kann natürlich auch keine dauerhafte Lösung.

So. Genug für einen Post. Mehr kommt später.
Liebe Grüße
Marlin

Jaddy
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Re: Ich bin ich - aber wie soll ich damit umgehen?

Post 10 im Thema

Beitrag von Jaddy » So 3. Dez 2017, 15:07

Danke für Deinen Beitrag, Marlin. Ich bin auch gerade dabei, mir mein Erscheinungsbild neu zu überlegen. Welche Attribute sind mit meiner aktualisierten Positionierung für mein Gefühl wichtig und welche erzeugen bei den Binären da draussen die von mir gewünschten Reaktionen und Verhalten. Verschiedene Oberweiten haben meine Liebste und ich auch probiert. Bei mir wäre AA schon fast zu viel, gefühlt. Sieht in meinen Augen nicht stimmig aus, fühlt sich eher wie Fremdkörper bzw Verkleidung an. Aber da sind wir ja alle verschieden :)

Wir recherchieren derzeit über Hormone und was man wie steuern, abstimmen und testen kann. Immerhin möchte ich ja keine volle Verweiblichung sondern eher eine Entmännlichung mit Andeutungen zu beiden Seiten. Es bleibt spannend.

Joe95
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Re: Ich bin ich - aber wie soll ich damit umgehen?

Post 11 im Thema

Beitrag von Joe95 » So 3. Dez 2017, 17:35

Hallo Marlin,
der Wunsch mit weiblichen Attributen zu leben (ich nenne es die Sehnsucht nach meinen eigenen Brüsten) ist bei mir so extrem geworden, dass ich teilweise tagelang meine Prothesen trage.
Ich gehe also auch als Mann zur Arbeit, wobei ich Bh und Prothesen trage.
Allerdings benutze ich keinen Kleber, da fehlt mir das Vertrauen zu.
Bei einer Bh-Größe von 100 fülle ich ein A-Körbchen gut aus, ein B-Körbchen bedeckt die Prothesen gewöhnlich komplett (womit ich mich wohler fühle).
Obwohl ich noch reichlich Übergewicht habe sind die Brüste natürlich deutlich zu sehen.

Es wundert mich schon das ich deswegen noch nichts gehört habe. Selbst hinter dem Rücken geredetes kommt doch in so einer großen Firma irgendwann an.
Nicht einmal meine engeren Kollegen oder andere, mit denen ich befreundet bin, sagen etwas.
Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen.

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Re: Ich bin ich - aber wie soll ich damit umgehen?

Post 12 im Thema

Beitrag von Marlin » Fr 8. Dez 2017, 09:09

Hallo liebe Gemeinde,

es ist nach wie vor nicht einfach für mich zu wissen, wo die Reise hingehen soll. Der Wunsch, meinen Körper meinen Gefühlen anzugleichen, ist sehr stark. Der Wunsch, trotzdem im Alltag als Mann zu leben, ist genauso stark.
Ich habe mich dabei ertappt, dass ich bei Frauen anders als früher auf die Brüste achte. Wo es früher ganz klar sexuell motiviert war, ist es heute anders. Es immer mit der Frage verbunden, wie diese oder jene Oberweite an mir aussehen würde und ob das im Alltag funktionieren könnte.

Meine Tests, wo ich draußen die Sillies trage, sind auch nicht das Gelbe vom Ei. Ich fühle mich verkleidet. Da schwebt immer das Gefühl mit, dass sie nicht zu mir gehören. Ich bin ziemlich fest davon überzeugt, dass ich mich mit echten Brüsten viel selbstverständlicher bewegen würde. Nach dem Motto: „Das bin halt ich, so sieht mein Körper nun mal aus.“
Natürlich bin ich im Netz mit dem Thema Hormone in Kontakt gekommen. Die Vorstellung ist verlockend. Der Busen könnte wachsen, Körperhaare könnten zurückgehen und auch das Körperfett würde sich so verteilen, dass meine Erscheinung weiblicher aussehen würde. Wenn da nicht diese fiesen Nebenwirkungen wären. Ich habe vor Hormonen einen riesen Respekt!

Auch habe ich mich über das Thema Phytohormone schlau gemacht. Für mich persönlich halte ich das für Kompliziert. Nur weil sie pflanzlich sind, sind sie nicht harmlos. Der Erfolg ist auch nicht immer gegeben. Als letzte Möglichkeit aber vielleicht weiteres Nachdenken wert.

Eine solche Veränderung des Körpers ist irreversibel. Da kann man nichts rückgängig machen. Also habe ich mir geschworen: Mach nichts überstürzt! Ich habe mir daher Zeit gelassen und wirklich lange darüber nachgedacht, ob ich das will. Und ich will es wirklich!
Da es für mich (eigentlich) ausgeschlossen ist, unkontrolliert irgendwelche Hormone zu schlucken, blieb mir nur der Weg zum Hausarzt. Oh, wie war ich nervös, als ich vor ihm saß. Er kennt mich schon viele Jahre und ich habe ihn als offenen Menschen eingeschätzt. Es war schon merkwürdig das Gespräch mit den Worten „Ich will Brüste“ anzufangen. Aber ich konnte ihm meine Gefühlslage erklären und er war sehr verständnisvoll.

Seine erste Reaktion war: „Es gibt nichts, was es nicht gibt. Dann müssen wir mal schauen, wo wir einen Operateur finden.“ Auf meinen Hinweis hin, dass ich eigentlich keine OP will, sondern mein Ziel mit Hormonen erreichen möchte, sagte er mir, dass er mit MzF TS keine Erfahrung hat und sich daher auch mit einer Hormontherapie nicht wirklich auskennt. FzM TS hat er dagegen schon betreut. Er versprach mir mit einer befreundeten Frauenärztin zu sprechen und ich sollte mich ein paar Tage später wieder bei ihm melden.

Das tat ich natürlich. Er erklärte mir, dass er seine befreundete Ärztin nicht erreicht hat und stattdessen mit einer anderen Gynäkologin gesprochen hat. Die hätte die fassungslos reagiert. „Unmöglich. Das kann und darf nicht sein. Niemals!“. Aber er beruhigte mich. Diese Ärztin sei sehr konservativ und dem Thema nicht wirklich zugänglich. Ich sollte wieder ein paar Tage warten und ihn dann nochmal besuchen.
Und da hat er mir dann tatsächlich Nachrichten gegeben, die mich hoffnungsvoll stimmen. Die Ärztin hat zwar bestätigt, dass mein Vorhaben mit Risiken verbunden ist und dass das niemals(!) ohne ärztliche Kontrolle gemacht werden sollte. Aber sie würde mich gerne treffen und das Ganze besprechen.

Nun habe ich also meine Überweisung zur Frauenärztin. Leider habe ich erst einen Termin für Ende Dezember bekommen. Und das auch nur, weil mein Hausarzt darauf gedrängt hat. Ihre Sprechstundenhilfe hat auch gleich am Telefon gesagt, dass Sie schon auf meinen Anruf gewartet hätten. Nun heißt es also wieder abwarten.

Ich bin neugierig, was da passieren wird. Wie wird das Gespräch laufen? Wird sie mich untersuchen? Wie läuft das ab?
Im Idealfall gehe ich dann mit einem Rezept raus. Realistisch könnte es aber sein, dass sie mir erst mal Blut abnimmt und es dann wieder heißt: Warten. Bis ins neue Jahr. So langsam werde ich ungeduldig.

LG
Marlin

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Re: Ich bin ich - aber wie soll ich damit umgehen?

Post 13 im Thema

Beitrag von Anja » Fr 8. Dez 2017, 10:32

Hallo Marlin,

da bin ich ja mal gespannt, was die Frauenärztin dazu sagt.
Eigentlich müsste die Hormontherapie von einem Psychologen indiziert werden. Aber wenn sie nicht auf so einem Schreiben besteht...
Ich hatte ja auch das Glück schon ohne die Indikation mit der HT beginnen zu können.

Allerdings war ich bis heute noch nie bei einem Frauenarzt...

Grüße
die Anja
WER WILL FINDET WEGE. WER NICHT WILL FINDET GRÜNDE.

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Re: Ich bin ich - aber wie soll ich damit umgehen?

Post 14 im Thema

Beitrag von Marlin » Fr 8. Dez 2017, 11:06

Ich bin wirklich sehr gespannt. Als Mann zum Frauenarzt ist für mich schon eine komische Vorstellung. Aber was anderes als die Hormonwerte im Blut wird sie ja nicht untersuchen wollen. Sie ist Ärztin und wird hoffentlich wissen, was in meiner Situation gemacht werden kann.
Meine einzige Befürchtung ist, dass sie einfach nur neugierig ist und es mir dann ausreden will.
Übrigens soll das alles auf Privatrezept laufen. Ich hoffe, das macht es einfacher.

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Re: Ich bin ich - aber wie soll ich damit umgehen?

Post 15 im Thema

Beitrag von Jaddy » Fr 8. Dez 2017, 11:09

Anja hat geschrieben:
Fr 8. Dez 2017, 10:32
Eigentlich müsste die Hormontherapie von einem Psychologen indiziert werden. Aber wenn sie nicht auf so einem Schreiben besteht...
Ist das so? Oder sichern sie sich nur ab, dass jemand anders für eine abrechenbare Diagnose unterschrieben hat?

Ich meine mich zu erinnern, dass Ärzt.innen da recht freie Hand haben in Verschreibung, etc. Bei Selbstzahlung eh. Wäre interessant, was Hausarzt oder Gynäkologin als Abrechnungsschlüssel aufschreiben.

Auf jeden Fall Glückwunsch, Marlin, zu dem Schritt und viel Erfolg. Da meine Liebste und ich auch gerade über Hormone recherchieren: Irreversibel ist da kaum etwas. Zeugungsfähigkeit vielleicht. Ich habe persönlich gesehen, wie "Brüstchen" (AA-A) wieder verschwunden sind, nachdem das Östrogen abgesetzt bzw reduziert wurde. Zwei Anmerkungen noch: Da dein Ziel ja kein kompletter körperlicher Wechsel ist, wird die Dosierung auch nicht Standard sein können. Existiert überhaupt für "ein bisschen weiblicher" ein Therapieschema? Ich würde mich sehr freuen, wenn du darüber berichten würdest; ich bin da ähnlich unterwegs, wobei mir schon AA zu viel wäre. Aber den Rest, weichere Haut, weniger Behaarung, hätte ich gerne.

Und große Vorsicht ist offenbar bei den Testoblockern geboten, wegen massiver Wirkung auf die Psyche. Einige Ärzt.innen setzen die wohl schon gar nicht mehr ein.

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