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Aus dem taz-Archiv: „Wir sind nicht fluide“

Verfasst: Do 8. Mär 2018, 08:30
von Anne-Mette
Moin,

Es gibt ein großes Bedürfnis nach geschlechtlicher Eindeutigkeit. Und zugleich das Bemühen, sie aufzuweichen.

Ja, darüber streiten sich nicht nur "die Gelehrten", sondern es ist auch ein Streit-Thema in der Community.

https://www.taz.de/Archiv-Suche/!548746 ... men=Print/

Gruß
Anne-Mette

Re: Aus dem taz-Archiv: „Wir sind nicht fluide“

Verfasst: Do 8. Mär 2018, 10:25
von Marielle
Guten Morgen zusammen,

es ist ein Streitthema, das stimmt. Nur fehlt aus meiner Sicht in der TTT-Community leider immer noch der Streit dazu (Streit im Sinne einer, zur Not auch 'beinharten', Diskussion). Es werden bislang nur Standpunkte kundgetan und anschliessend wird darauf beharrt, bis das Gespräch beendet wird.

Ich kenne z.B. kein wirklich gutes, nachvollziehbares Argument, dass gegen die Abschaffung der kategorisch-normativen Einteilung nach Geschlecht und die zugehörigen Zuweisungen und Erwartungen spricht und dabei mehr als eine individuelle Forderung nach Anerkennung ist. So wichtig diese Anerkennung natürlich ist, sie ist ja immerhin eine notwendige Bedingung für ein gutes Leben, so wichtig ist die Frage, wie man diese Anerkennung herstellt. Darüber wird 'draussen' schon geredet, wie man auch an dem Interview sieht, während 'drinnen' noch beharrt wird.


Es ist sicherlich richtig, was Frau Becker in dem Interview über das "Bedürfnis nach Eindeutigkeit" sagt: "Das ist mit einer Identitätssuche verbunden, die sich auch am Geschlecht festmacht." Nur: Sollte dieses Bedürfnis wirklich durch kategorische Strukturen und Normierungen gedeckt werden? Oder wäre es nicht besser, wenn es einen gesellschaftlichen Prozess gäbe, an dessen Ende Geschlecht, wie Haarfarbe und Körpergröße, zwar eine individuelle Eigenschaft, aber keine wirksame Kategorie mehr ist? Das wäre für viele Menschen sicherlich anstrengender, aber es wäre m.E. der Weg, der die notwendige Solidarität ermöglicht, um gegen diejenigen zu streiten, die gegen jedwede Abweichung von der 'göttlichen Ordnung' wettern und die Gewährung von Anerkennung an ihre eigenen, kruden Bedingungen knüpfen wollen.

Man muss der Argumentation von Frau Becker, hinsichtlich der kapitalistischen Selbstoptimierung als Ursache dafür, nicht unbedingt folgen (kann man m.E. aber). Richtig an dieser Darstellung ist jedenfalls, dass nicht wir selbst der 'Feind' sind, sondern die Ursachen für unsere Schwierigkeiten von aussen kommen. Und dagegen hilft kein Beharren, sondern tatsächlich nur Solidarität, deren Basislinien in einem ordentlichen Streit ausgehandelt wurden.

Zur Zeit ist es (leider) so, dass es zwischen dem queer-T und L, S, B, I und vielen Cis-Heteros mehr Solidarität gibt, als unter den 'verschiedenen' Ts, wenn es um die Frage geht, wie die Anerkennung einzelner Menschen am bestens zu bewerkstelligen wäre; ob durch 'anerkannte' Kategorien und Normen für definierte Geschlechter oder durch die Möglichkeit einer wirklich freien Entfaltung, die zur Anerkennung als Mensch, mit oder ohne Geschlecht, schwarzhaarig oder blond, einssechzig oder einsneunzig hoch, führt.


Habt es gut

Marielle

Re: Aus dem taz-Archiv: „Wir sind nicht fluide“

Verfasst: Do 8. Mär 2018, 13:04
von Jaddy
Erster Eindruck: Frau Becker eiert ziemlich rum, um nicht klar sagen zu müssen, dass genau _sie_ ein Problem mit der Vielfalt in Genderfragen hat und alles insgesamt lieber schön geordnet hätte.

Klar schützt eine queere Selbstdefinition nicht vor anderen Problemen, die Menschen nun mal mit sich und ihren Mitmenschen haben können. Aber es macht nun mal glücklicher, sich nicht *auch noch* in Verhalten, KLeidung, etc. verbiegen zu müssen.

Völlig aus der Spur sind meiner Ansicht nach ihre Statements, dass heute plötzlich alle queer, fluide oder sonstwie deviant in sexueller Orientierung oder Gender-ID sein müssten. Sowas kommt sonst ja meist von ziemlich reaktionärer Seite: "Müssen wir jetzt alle schwul/bi/trans sein?". Nein. Niemand muss. Aber wer möchte, und sei es nur zeitweise zur Selbstfindung, soll gefälligst darin akzeptiert werden. Wenn das dann in eine glückliche Cis-Hetero-ID führt: auch prima.

Bei der abnehmenden Solidarität durch Vielfalt hat sie möglicherweise leider einen Punkt. Aber nur solange, wie Aktivist.innen aller Art sich auf einen Schauplatz und eine binäre Konfliktdefinition versteifen. Es gibt nicht nur Arbeter vs Kapitalisten oder Frauen vs Männer. Gerade durch mehr Vielfalt der Individuen ist jede.r von uns in mehreren Gruppen/Minderheiten und deren Spannungsfeldern beteiligt. Und das könnte, wenn es gut läuft, zu einer inklusiven Solidarität über die diversen Gruppen und Minderheiten hinweg führen. Am aktuellen Beispiel "Essener Tafel" geht meiner Ansicht nach eben nicht darum, Hilfebedürftige nach ihrem Pass zu sortieren, sondern die Ursachen der Notwendigkeit dieser Organisation zu thematisieren, und an jedes Politiker.innenstatement dazu die Frage zu hängen, was hen bzw hens Partei denn wohl so getan hat, um Tafeln insgesamt überflüssig zu machen.

Update: Ein Fachartikel der Frau Becker zum Thema Trans* https://www.crossdresser-forum.de/phpBB ... 55#p195511

Re: Aus dem taz-Archiv: „Wir sind nicht fluide“

Verfasst: Do 8. Mär 2018, 15:18
von ab08
Hallo meine Lieben,

allgemein kann / will ich mich nicht äußeren, denn davon verstehe ich zu wenig...
aber für alle, die meine Meinung interessiert:

Frau Becker und ich sind der gleiche Jahrgang. Aber ich bin betroffen und kenne mich bei Transsexualität (Einzelne Körperteile passen nicht zur Person) aus.
Historische Wurzeln der diversen Theorien im Bereich Intersexualität / Transsexualität interessierten mich stets...
-> In meinen Augen ist Frau Becker "belastet" *) - und - ihr fehlt es, in diesem Bereich(!), an fachlicher Kompetenz und vor allem an Lernbereitschaft.

Liebe Grüße
Andrea

*) vgl. Lebenslauf, Veröffentlichungen



Unabhängig von dem Beitrag: Dass die TAZ heute so ausführlich (11 Seiten) diese Thematik bringt, finde ich toll. (fwe3)