Gleichbehandlungsgesetz kontra Ehrlichkeit
Gleichbehandlungsgesetz kontra Ehrlichkeit

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Andrea aus Sachsen
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Gleichbehandlungsgesetz kontra Ehrlichkeit

Post 1 im Thema

Beitrag von Andrea aus Sachsen » Mo 27. Feb 2017, 21:26

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Im §1 des oben genannten Gesetzes heißt es:
„Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.“
So weit, so gut! Aber wie sieht es in der Praxis aus? Mit Sicherheit sind Ablehnungen und Vorbehalte gegenüber bestimmten Personengruppen noch weit verbreitet. Doch ändert das oben genannte Gesetz etwas daran? Oder zwingt es Öffentliche Einrichtungen, Firmen, Vereine und Privatpersonen nur dazu, eine Toleranz vorzuspielen, die gar nicht vorhanden ist?
Ich selbst befinde mich zur Zeit im Bewerbungsprozess und erlebe es immer wieder: Ablehnende Bescheide werden, wenn überhaupt, dann nur mit allgemeinen Floskeln begründet. Konkrete Aussagen zur Person könnten ja als Diskriminierung aufgefasst werden und Sanktionen nach sich ziehen. Wäre aber nicht manchmal eine ehrliche aber sachlich formulierte Antwort hilfreicher?
Um es noch etwas drastischer zu formulieren: Warum kann ein Arbeitgeber, der Vorbehalte gegen bestimmte Personengruppen hat, nicht dazu stehen und das in einer Stellenanzeige angeben? Für Betroffene mag das diskriminierend sein, aber sie wüssten dann, woran sie sind und können sich die Mühe der Bewerbung und danach die Enttäuschung einer Ablehnung sparen.
Über diese Fragen würde ich mit euch gern diskutieren.
Viele Grüße
Andrea aus Sachsen

ab08
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Re: Gleichbehandlungsgesetz kontra Ehrlichkeit

Post 2 im Thema

Beitrag von ab08 » Mo 27. Feb 2017, 21:44

Andrea aus Sachsen hat geschrieben:
Mo 27. Feb 2017, 21:26
Warum kann ein Arbeitgeber, der Vorbehalte gegen bestimmte Personengruppen hat, nicht dazu stehen und das in einer Stellenanzeige angeben? Für Betroffene mag das diskriminierend sein, aber sie wüssten dann, woran sie sind und können sich die Mühe der Bewerbung und danach die Enttäuschung einer Ablehnung sparen.
Wenn er nicht dazu gezwungen wird, wird er das nicht tun!! - Es gibt gesetzliche Vorgaben und es ist für ihn einfacher, als "tolerant" zu gelten.
-> Durch eine "Quote" entstünden unter Umständen bessere Chancen. Aber das klappt ja schon bei der Frauenquote nicht...
In der aktuellen Umfrage der Antidiskriminierungsstelle äußerte ich mich übrigens ausführlich mit Hilfe entsprechender Beispiele zu zusätzlichen Kompetenzen, mit denen eine transsexuelle Lehrkraft in der Regel ausgestattet ist.
Vielleicht setzt sich die Erkenntnis mal durch, dass es ein Gewinn für ein Unternehmen ist, bei Bedarf auch über solche Mitarbeiter zu verfügen...
-> Andererseits gilt, dass die menschliche Dummheit unendlich ist, daher bin ich leider skeptisch. :oops:

Ganz liebe Grüße
und alles Gute beim Kampf gegen die Windmühlen
Andrea
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Re: Gleichbehandlungsgesetz kontra Ehrlichkeit

Post 3 im Thema

Beitrag von Lina » Mo 27. Feb 2017, 22:03

@Um es noch etwas drastischer zu formulieren: Warum kann ein Arbeitgeber, der Vorbehalte gegen bestimmte Personengruppen hat, nicht dazu stehen und das in einer Stellenanzeige angeben? Für Betroffene mag das diskriminierend sein, aber sie wüssten dann, woran sie sind und können sich die Mühe der Bewerbung und danach die Enttäuschung einer Ablehnung sparen.


Das geht nicht, weil dann würde die Diskriminierung kein Ende haben. Es gab auch lange die Gleichberechtigung der Geschlechter auf dem Papier, bevor sie wirklich weiträumig in Praxis umgesetzt wurde.

JaquelineL
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Re: Gleichbehandlungsgesetz kontra Ehrlichkeit

Post 4 im Thema

Beitrag von JaquelineL » Mo 27. Feb 2017, 22:43

Liebe Andrea,
Andrea aus Sachsen hat geschrieben:
Mo 27. Feb 2017, 21:26
Warum kann ein Arbeitgeber, der Vorbehalte gegen bestimmte Personengruppen hat, nicht dazu stehen und das in einer Stellenanzeige angeben? Für Betroffene mag das diskriminierend sein, aber sie wüssten dann, woran sie sind
so sehr ich in diesem thread gerne über Vorgaben und Vorgehen herziehe, zu denen man als Arbeitgeber gezwungen wird und die einfach nur das Letzte sind, Deiner "Forderung" will ich mich nicht anschließen: Dass einem Chef "die Nase nicht passt", lasse ich noch durchgehen - aber ganze Personengruppen offen diskriminieren geht gar nicht! Auch wenn es in der Realität de facto zu einer solchen Diskriminierung kommt, darf sie einfach nicht salonfähig werden.

Dennoch verstehe ich Deinen Frust ob der vergeblichen Bewerbungen bei solchen Personen.

Liebe Grüße
Jackie
Today is the first day of the rest of my... forget it.

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Re: Gleichbehandlungsgesetz kontra Ehrlichkeit

Post 5 im Thema

Beitrag von Lex » Mo 27. Feb 2017, 22:49

Also ich denk mir nur: Wenn ein AArbeitgeber mich nicht will, weil er was gegen meine Transsexualität hat, und sich nicht um meine Kompetenzen schert, dann bin ICH diejenige, die nicht gewillt ist, für so eine Person zu arbeiten. Ganz einfach. Geschlecht definiert nicht können. Nichtmal Herkunft, oder sozialer Hintergrund tun das. Ich komm aus einer kroatische Hartz4-Familie, mit alleinerziehender Mutter und bin trans. Und trotzdem mach ich Abi und bin (wenn ich mal so arrogant sein darf) verdammt schlau. (Ich bezeichne mich jedoch meist nicht so, es ist nicht gut, stolz auf sich zu sein. Denk ich mir jedenfalls. Es führt zu Arroganz und macht blind [metaphorisch].)

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Re: Gleichbehandlungsgesetz kontra Ehrlichkeit

Post 6 im Thema

Beitrag von MichiWell » Mo 27. Feb 2017, 23:12

Hallo zusammen,

Es ist vollkommen richtig, dass etwas gegen Diskriminierung getan werden muss.

Dennoch frage ich mich zuweilen, was Sprechvorgaben und Diskrimminierungsverbote bringen, wenn dass letztlich nur dazu führt,
dass Toleranz geheuchelt und gelernt wird, Intoleranz unausgesprochen weiter zu betreiben.

Von daher kann ich das Problem von Andrea gut verstehen:
Wie soll man sich gegen Diskriminierung wehren, die unter dem Deckmantel der Antidiskriminierung fortgeführt wird?

Michi
Raider heißt jetzt Twix. Sonst ändert sich nix.

Der moderne Mensch ist leicht zu lenken, aber nur schwer zu etwas zu bewegen.

Wer so tut, als bringe er die Menschen zum Nachdenken, den lieben sie. Wer sie wirklich zum Nachdenken bringt, den hassen sie.

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Re: Gleichbehandlungsgesetz kontra Ehrlichkeit

Post 7 im Thema

Beitrag von Vicky_Rose » Di 28. Feb 2017, 06:09

Konkrete Aussagen zur Person könnten ja als Diskriminierung aufgefasst werden und Sanktionen nach sich ziehen. Wäre aber nicht manchmal eine ehrliche aber sachlich formulierte Antwort hilfreicher?
Es gibt viele Gründe, jemanden nicht einzustellen. Fachliche Kompetenz, Auftreten, Teamgedanken ... Natürlich wäre sie hilfreicher, wenn man wüsste woran es gelegen hat. Dann könnte man evtl. auch selber daraus etwas lernen, wenn es an konkreten Dingen, wie z.B. dem Auftreten liegt.

Ich weiß nicht, wie das private AG handhaben können, aber eine Aussage "weil sie TS sind", kann einem öffentlichen AG eine Klage einbringen, die verhindert, dass eine Stelle über längere Zeit besetzt wird. Deshalb wird man nie Formulierungen finden, die einem klar sagen, woran eine Bewerbung gescheitert ist. Eine Stellenvergabe beruht neben konkreten Kriterien auch immer zu einem großen Teil auf "Bauchgefühl". Auch das wird niemand gegenüber einem Kandidaten zugeben. Ich denke, Ablehnungen bei Bewerbungen muss man so hinnehmen, wie sie kommen, so lange sie formal korrekt sind.
Viele Grüße
Vicky

Nur Mannsein ist mir zu wenig, nur Frausein (noch) zu viel ...

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Re: Gleichbehandlungsgesetz kontra Ehrlichkeit

Post 8 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2018-08-04 » Di 28. Feb 2017, 08:29

Guten Morgen!

Ich finde solche Gesetze schon sehr wichtig, sie geben einen Rahmen vor, was richtig und was falsch ist in einer offenen, toleranten und demokratischen Gesellschaft. Auch wenn in der Praxis alles komplizierter ist.

Eine Freundin von mir sucht seit Jahren einen neuen Job in einem Bereich, in dem viele AG kirchliche Träger haben. Zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wird sie häufig. Aber die Gespräche dauern teilweise nur Minuten, dann heißt es "Danke, wir haben keine weiteren Fragen." Jeder im Raum einschließlich ihr selbst ist klar, was Sache ist. Sie wird den Job nicht bekommen, weil sie transsexuell ist. Aber das sagt natürlich niemand. :(

Dieses Gesetz wird TS nicht mehr Jobs verschaffen. Dazu braucht es vor allem Aufklärung, Förderung und Abbau von Berührungsängsten. Aber dafür sind wir auch selbst zuständig, das können wir nicht alles vom Gesetzgeber verlangen.

Liebe Grüße

Daenerys

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Re: Gleichbehandlungsgesetz kontra Ehrlichkeit

Post 9 im Thema

Beitrag von Michelle_Engelhardt » Di 28. Feb 2017, 09:30

TS haben es bei der Jobsuche wahrlich nicht leicht. Da genügen manchmal schon angeblich fehlende Sozialräume für weibliche Angestellte als Grund für eine Absage. Manche TS gelten auch für das Arbeitsamt als nicht vermittelbar (keine Ahnung aus welchen Gründen), sodass manche Mädels dann wirklich komplett auf sich allein gestellt sind. Wenn man dann evtl. auch noch auf eine bestimmte Branche bzw. ein bestimmtes Berufsfeld fixiert ist, kann es schon sehr eng werden. Das ist leider die traurige Realität. Auch kenne ich Fälle, wo nach einem CO im Betrieb zunächst die vollste Unterstützung seitens der Geschäftsleitung zugesichert wurde und nach einigen Monaten flatterte dann die Kündigung unter fadenscheinigen Begründungen ins Haus. Ich war in 2016 auch arbeitslos und habe über die Möglichkeit einer Umschulung nachgedacht. Dann habe ich die Sache mal realistisch betrachtet. Ich bin jetzt 48 Jahre und nach der Umschulung käme ich mit ca. 50 Jahren ohne jegliche Berufserfahrung auf den Arbeitsmarkt. Da kann ich mir an einer Hand abzählen, wie hoch da meine Chancen wären, von TS mal ganz zu schweigen. So habe ich im Januar eine neue Stelle angetreten. Gut....ich arbeite momentan für den gesetzlichen Mindestlohn, aber das ist mir ziemlich egal. Es ist auf jeden Fall erstmal wieder ein Einstieg und oftmals öffnen sich dadurch auch noch andere Türen. Wichtig ist es mir, nicht von irgendwelchen Ämtern abhängig zu sein und einen geregelten Tagesablauf zu haben.

Liebe Grüße
Michelle
Mnahcaml nib ihc dcuehrianendr

TessaLouboutin
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Re: Gleichbehandlungsgesetz kontra Ehrlichkeit

Post 10 im Thema

Beitrag von TessaLouboutin » Di 28. Feb 2017, 10:59

Ich bin zwar nicht selber von der Problematik betroffen, aber ich denke der Ansatz von Michelle ist gut.
Der gesetzliche Rahmen ist schön, aber eben keine Versicherung bzw. ein durchsetzbarer Anspruch. Vielmehr
muß man sich Stück für Stück wieder selbst (!) aus einer misslichen Lage befreien. Dabei wird man das Ziel
vielmals aber nur über Umwege erreichen. Auch wichtig ist bestehende Netzwerke zu nutzen und sich selbst einzubringen.
Durch die dort vorhandenen "spezifischen" Schnittmengen erhöhen sich nämlich auch die "spezifischen" Chancen eine
Lösung herbeizuführen.

Tessa.
Hat die Blume einen Knick, war der Schmetterling zu dick.

Magdalena
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Re: Gleichbehandlungsgesetz kontra Ehrlichkeit

Post 11 im Thema

Beitrag von Magdalena » Di 28. Feb 2017, 12:10

Hallo,
Warum kann ein Arbeitgeber, der Vorbehalte gegen bestimmte Personengruppen hat, nicht dazu stehen und das in einer Stellenanzeige angeben?
Ja warum wird ein Arbeitgeber nicht zugeben, Vorbehalte zu haben! Weil er rechnen muss, dass einige durchaus ihr Recht einzuklagen versuchen. Zum Anderen aber auch mögliche Kundschaft nicht zu verprellen. Denn als Kunden, die ihr Geld da lassen sind wir wieder gern gesehen. Somit ist es doch für jeden Arbeitgeber einfacher, hinter Floskeln und schwammigen Formulierungen, aus denen nicht gleich seine Abneigung gegenüber Personengruppen erkennbar ist, Ablehnungen gegenüber dem Bewerber oder Bewerberin auszudrücken.

Ja es ist Frust fördernd, im Alltag diese Doppelmoral zu erleben. Als Kundin hoffiert, aber als Kandidatin auf einen Job aufs Abstellgleis geschoben zu werden, ohne nachvollziehbaren Grund. Ja und immer mit einem Lächeln im Gesicht, von dem einem schlecht wird.

In wie weit es hilfreich ist, sich vor einer Bewerbung umfassend über das Unterhnehmen zu informieren, hängt auch oft davon ab, wie das Unternehmen öffentlich auftritt. Aber schon Informationen über den eventuellen Arbeitgeber zu haben und in der Bewerbung zu nutzen, kann aber muss nicht zum ersehnten Job führen. Oder je nach dem lohnt es sich überhaupt eine Bewerbung an das Unternehmen abzusenden, wenn ich erfahre, dass Mitarbeiter geheuert und gefeuert werden je nach Belieben. Ich hatte schon Gespräche unter ebenfalls Arbeitsuchenden, als ich auf Jobsuche war. Im Wartebereich vom Amt oder bei Arbeitsvermittlern ergaben sich die Gespräche oft ungezwungen. Wo brauche ich meine Bewerbung gar nicht erst einreichen.

LG Magdalena
Lebe jeden Tag.

Anne-Mette
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Re: Gleichbehandlungsgesetz kontra Ehrlichkeit

Post 12 im Thema

Beitrag von Anne-Mette » Di 28. Feb 2017, 16:47

Moin,

OFFEN wird ein Arbeitgeber nie sagen, dass er gewisse BewerberInnengruppen eher "nicht bevorzugt", aber es gibt viele Gründe, jemanden abzulehnen.
Einfacher ist es dabei, so ähnlich zu verfahren wie Türsteher, die an den Eingängen der angesagtesten Szeneclubs stehen: keinesfalls einen Grund nennen, der sich als Diskriminierungsvorwurf nutzen ließe.

Wir werden in Flensburg und Umgebung eine Erhebung zu "transsexuellenfreundlichen Arbeitsstellen" starten. Dabei bin ich mir sicher: unverbindlich gefragt werden die meisten Personalchefs uns sagen: "natürlich würden wir auch transsexuelle Mitarbeiter einstellen!"
Anders wird es allerdings aussehen, wenn es um konkrete Bewerbungen geht.

Gruß
Anne-Mette

conny
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Re: Gleichbehandlungsgesetz kontra Ehrlichkeit

Post 13 im Thema

Beitrag von conny » Di 28. Feb 2017, 18:18

Anne-Mette hat geschrieben:
Di 28. Feb 2017, 16:47

"natürlich würden wir auch transsexuelle Mitarbeiter einstellen!"
Anders wird es allerdings aussehen, wenn es um konkrete Bewerbungen geht.
Und das trifft auch für Menschen mit Behinderung, div. Ausländer, ältere Arbeitssuchende u.v.a. zu.
Natürlich sagt kein Arbeitgeber den wahren Ablehnungsgrund, denn dann käme er ja automatisch mit dem Gesetz in Konflikt. Und für jeden konkreten Fall hat ein potentieller Arbeitgeber bei Bedarf sicher noch einen anderen konfliktfreien Ablehnungsgrund parat.

Damit ist Deine Frage, Andrea, beantwortet, auch wenn das nicht nur für Dich sehr, sehr unbefriedigend ist. Zumal Du Dir ja nicht unberechtigterweise Hoffnung auf einen besseren Ausgang Deiner Gespräche machen konntest.
Das gut gemeinte Gesetz stößt leider schnell an die Grenze seiner Umsetzungsmöglichkeit.

Andrea aus Sachsen
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Re: Gleichbehandlungsgesetz kontra Ehrlichkeit

Post 14 im Thema

Beitrag von Andrea aus Sachsen » Mi 1. Mär 2017, 01:13

.
Danke erst mal für die rege Beteiligung an der Diskussion! Das ist durchaus ein sehr heikles Thema.
Meine „Forderung“, Vorbehalte oder gar ablehnende Haltungen gegen bestimmte Personengruppen öffentlich kundzutun, war eher provokativ. Zu einer derartigen öffentlichen Diskriminierung sollte es in der Tat nicht kommen.

In meinem Fall geht es übrigens nicht vorrangig um die Trans*-Problematik, weil ich diese erst im Vorstellungsgespräch anspreche, so es denn dazu kommt. Ich vermute die Gründe zahlreicher Ablehnungen eher in meinem Alter und der bei Frauen angeblich fehlenden Kompetenz in technischen Belangen.

Als Kernproblem sehe ich hier einen Interessenkonflikt zwischen einem diskriminierungsfreien Umgang miteinander und dem berechtigten Interesse an sachdienlichen Informationen. Durch besagtes Gesetz ist dies meines Erachtens eindeutig zu Ungunsten der letzteren geregelt. Es mag jede(r) individuell anders sehen, aber ich als Betroffene empfinde das Verweigern einer ehrlichen Kommunikation nicht minder diskriminierend, unwürdig und respektlos. Mein Vorwurf richtet sich hier nicht an diejenigen, welche die nichtssagenden Absagen schreiben, sondern vielmehr gegen eine gut gemeinte Gesetzesvorlage, die nicht bis zu Ende durchdacht wurde.

Wenn ich hier das Gleichbehandlungsgesetz kritisiere, dann nicht, ohne mir über Verbesserungen Gedanken zu machen. Als ersten Schritt dahin sehe ich da eine Erhöhung der Hürden, um rechtlich gegen tatsächliche oder nur vermeintliche Diskriminierungen vorzugehen. Einem Arbeitgeber müsste es möglich sein, in gewissem Maße sich gegenüber einem Bewerber zu äußern, ohne dafür eine Klage zu riskieren. Für den oben genannten Interessenkonflikt wäre ein beidseitig annehmbarer Kompromiss nötig.
Ich gehe mit meinen Überlegungen noch einen Schritt weiter und stelle erneut eine provokative Frage: Brauchen wir das Gleichbehandlungsgesetz überhaupt? Mehrere Diskussionsteilnehmer(innen) bestätigten mir, dass das Gesetz nichts an vorhandenen Vorbehalten oder Abneigung gegenüber einzelnen Personen oder Gruppen ändert. Dazu ist eher eine (möglicherweise langwierige) Überzeugungsarbeit nötig.

Ich sehe das Ganze als eine Frage des respektvollen Umgangs miteinander. Wie der konkret aussieht, hängt von vielen, meist sehr individuellen Faktoren ab. Wer wann welche Aussagen treffen darf, dazu kann es bestenfalls Richtlinien und Empfehlungen geben, aber keinen allgemeingültigen Gesetzestext.
Ich möchte also die bestehende gesetzliche Regelung nicht durch eine bedingungslose Offenheit ersetzen, sondern plädiere dafür, das Ganze einzelfallbezogen mit Fingerspitzengefühl anzugehen und nicht mit Hilfe von Paragraphen.
Weitere Wortmeldungen sind jederzeit willkommen.
Viele Grüße
Andrea aus Sachsen

maia
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Re: Gleichbehandlungsgesetz kontra Ehrlichkeit

Post 15 im Thema

Beitrag von maia » Mi 1. Mär 2017, 11:43

Hallo Andrea,

volle Zustimmung zu Deiner Aussage.

Ich bin auch der Meinung, dass die diese Regelung für beide Seiten wenig bis überhaupt nicht hilfreich ist und sich damit der Sinn des Gesetzes in Frage stellt. Wer rückt denn mit der Wahrheit raus, wenn er dadurch eine Klage riskiert. Dann verlieren ich mich doch lieber in allgemeinen Floskeln und Unverbindlichkeiten. Für Abgelehnte wäre es sicher hilfreicher die Gründe zu kennen. Nur dann kann man auch an einer Abstellung derselben für die Zukunft arbeiten.
Das setzt natürlich voraus, dass überhaupt die Möglichkeit besteht daran etwas zu ändern. Hier sehe ich persönlich das Hauptproblem in Deinem Fall. Um es aus meiner Sicht klar zu sagen: Wir sind einfach zu alt! Ich schliesse mich da ein, sind wir doch fast gleichaltrig. Nur bin ich noch in Arbeit. Doch sollte hier in meiner Firma das Licht ausgehen, was nicht ganz unwahrscheinlich ist, habe ich das selbe Problem. Die ganze Schwäzerei von den fehlenden Fachleuten .... geschenkt. Jeder Personalchef stellt sich doch die Frage, wieviel bringt es der Firma noch, einen älteren Firmenneuling einzuarbeiten. In wenigen Jahren geht er in Rente, dann muß ich wieder mit der Suche anfangen. Also lieber "Nein". Das sagt er Dir aber nicht - siehe oben!
Es mag Berufsfelder geben, wo es der Firma wirklich unter den Nägeln brennt und eine Einarbeitung unproblematisch ist, dann "Glück gehabt". Aber das sind bestimmt Ausnahmen. Nicht umsonst ist das Arbeitsamt froh, mit "Kunden" ab einem bestimmten Alter eine Übereinkuft zu treffen, sie aus der Vermittlung heraus zu nehmen.
Kommen dann noch andere "Unwägbarkeiten" hinzu, neigt sich die Waage beim Personaler weiter zu "Ablehnung".
Nun will ich Dir aber nicht allen Mut nehmen, sondern drücke weiter die Daumen.

Herzlichste Grüße
Maia

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