Statistik des Innenministeriums: Starker Anstieg homophober Übergriffe
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Anne-Mette
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Statistik des Innenministeriums: Starker Anstieg homophober Übergriffe

Post 1 im Thema

Beitrag von Anne-Mette » Do 10. Aug 2017, 11:57

Moin,

ein Beitrag von "heute": http://www.heute.de/statistik-des-innen ... 32478.html

Gruß
Anne-Mette

Elizabeth
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Re: Statistik des Innenministeriums: Starker Anstieg homophober Übergriffe

Post 2 im Thema

Beitrag von Elizabeth » Do 10. Aug 2017, 17:35

Hallo,
ich habe den Artikel mal genauer angeschaut:
"Bis Ende Juli wurden 130 Delikte gegen Schwule, Lesben sowie Bi-, Trans- und Intersexuelle gezählt" - also nicht nur homophobe Übergriffe.
Auch 5 Delikte pro Woche sind 5 zuviel, um daraus einen Trend zu konstruieren ist mir die Datenbasis aber zu dünn.
Die 130 Fälle beziehen sich wohl auf 7 Monate (bis Ende Juli 2017), die 102 auf das 1. Halbjahr 2016.
Die Aufklärungsquote liegt in beiden Fällen über 50 % - zumindest deutlich besser als beim Wohnungseinbruch.

Wenn man allerdings Dunkelziffer und nicht ermittelte Tatverdächtige einrechnet, dann sind mehr als 90% der Täter ohne Konsequenzen für ihr Handeln durchgekommen: Hier liegt m.E. ein Problem, an dem Betroffene und Augenzeugen noch viel tun können!

LG Elizabeth

Svetlana L
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Re: Statistik des Innenministeriums: Starker Anstieg homophober Übergriffe

Post 3 im Thema

Beitrag von Svetlana L » Fr 11. Aug 2017, 18:46

Wir haben das Problem aktuell auch wieder bei uns im Schöneberger Regenbogenkiez, da war in den letzten Wochen auch immer wieder in der Presse zu lesen, wie die Kriminalität ansteigt. Ich möchte lieber nicht die tatsächlichen Zahlen sehen, wenn die Dunkelziffer bekannt wäre. Und obwohl die Polizei und die Szenewirte im Kiez ganz gut zusammenarbeiten, ist das Anzeigeverhalten der Geschädigten bedauerlicherweise mehr als dürftig. Dafür gibt es verschiedene Erklärungsansätze, z. B. dass die Opfer zum Teil Touristen sind, die sowieso bald wieder weg sind und deshalb nicht zur Polizei gehen, es sich um nichtgeoutete Männer handelt, die z. T. zu Hause Frau und Kinder haben und darüber hinaus in der Community gewiss auch noch Ressentiments gegen Polizei und Staatsanwaltschaft aus 175er-Zeiten bestehen. Ich hoffe sehr, dass sich das künftig bessert, denn schließlich richtet sich die Polizei mit ihren Maßnahmen auch nach den entsprechenden Vorfallszahlen. Zurzeit ist der Regenbogenkiez als kriminalitätsbelasteter Ort eingestuft, das heißt, dass die Polizei anlasslos kontrollieren kann. Aber auch diese Einstufung hängt natürlich von den Zahlen ab. Andererseits ist die Berliner Polizei wohl auch so ziemlich die einzige, die homo- und transfeindliche Straftaten als solche erfasst.
Liebe Grüße aus Berlin
Svetlana

Jaddy
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Re: Statistik des Innenministeriums: Starker Anstieg homophober Übergriffe

Post 4 im Thema

Beitrag von Jaddy » Sa 12. Aug 2017, 01:01

Ein wichtiges Detail, Svetlana, in der Tat: Nur die Berliner erfassen Taten gegen LGBTI als solche. Daher wissen wir nicht, wie es in anderen Teilen aussieht.

Überhaupt gibt es kaum brauchbare Zahlen. Es fehlt z.B. die möglicherweise gestiegene Bereitschaft der Opfer, solche Taten auch anzuzeigen, seitdem Anti-Diskriminierung etc. offizielle Staatsräson ist.

Aber auch wichtig: "Dunkelziffer" ist ein anderes Wort für Bauchgefühl. Jeder malt sich da je nach persönlichem Bauchgefühl irgendwas aus. Je höher die angenommene Dunkelziffer, desto eher ein Indiz für tendenziösen Bullshit.

Svetlana L
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Re: Statistik des Innenministeriums: Starker Anstieg homophober Übergriffe

Post 5 im Thema

Beitrag von Svetlana L » Sa 12. Aug 2017, 08:58

Jaddy hat geschrieben:
Sa 12. Aug 2017, 01:01
Aber auch wichtig: "Dunkelziffer" ist ein anderes Wort für Bauchgefühl. Jeder malt sich da je nach persönlichem Bauchgefühl irgendwas aus. Je höher die angenommene Dunkelziffer, desto eher ein Indiz für tendenziösen Bullshit.
Na ja, Jaddy, ganz so drastisch würde ich es nicht ausdrücken, denn zumindest für Berlin werden neben den offiziellen Zahlen aus der Polizeistatistik auch Zahlen von Maneo, die übrigens auch unsere Kiezgesprächsrunden mit Polizei, Anwohner_innen und Gewerbetreibenden koordinieren, vorgelegt. Diese Zahlen sind, obwohl "nur" mit Schwerpunkt auf schwulen- bzw. bi-feindliche Straftaten, um einiges höher als es die Polizeistatistik hergibt. Sie beruhen auf Meldungen Betroffener und verdeutlichen auch, dass Opfer homo- oder transfeindlicher Gewalt zwar zu Gewaltschutz- bzw. Opferberatungsstellen, nicht aber zur Polizei gehen.

Wenn man zu Hause ungeoutet ist, dann gibt es beispielsweise auch die Möglichkeit, bei der Polizei eine ladungsfähige Anschrift zu hinterlassen, das kann z. B. eine Beratungsstelle sein, über die man dann erreichbar ist. Oder man kann auch über die "Internetwache" online Anzeige erstatten. Ich wünsche mir sehr, dass das "Berliner Modell" auch anderswo Schule macht. Dazu zähle ich zum einen die oben schon angesprochene Ausweisung von homo- und transfeindlichen Straftaten als solche in der Statistik und zum anderen haben wir hier in Berlin sowohl bei der Polizei als auch bei der Staatsanwaltschaft spezielle LSBTT*IQ-Ansprechpersonen. Mit beiden treffe ich mich demnächst zum Austausch, da wird es bestimmt auch um dieses unerfreuliche Thema gehen.

Ich plädiere ja schon seit längerer Zeit dafür, die Motivation für Gewalttaten gegen LSBTT*IQ als solche zu benennen was sie letztendlich ist: Homo- und Transfeindlichkeit, um mal von dem verharmlosenden Phobie-Begriff wegzukommen. Der impliziert in meinen Augen, dass die Täter für ihr krankhaftes Tun nichts können.

Link zum Maneo-Report

LSBTT*IQ-Ansprechperson der Berliner Polizei

LSBTT*IQ-Ansprechperson der Berliner Staatsanwaltschaft

Ich (noch im Aufbau) )))(:
Liebe Grüße aus Berlin
Svetlana

Jaddy
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Re: Statistik des Innenministeriums: Starker Anstieg homophober Übergriffe

Post 6 im Thema

Beitrag von Jaddy » Sa 12. Aug 2017, 13:51

Svetlana L hat geschrieben:
Sa 12. Aug 2017, 08:58
Na ja, Jaddy, ganz so drastisch würde ich es nicht ausdrücken, denn zumindest für Berlin werden neben den offiziellen Zahlen aus der Polizeistatistik auch Zahlen von Maneo, die übrigens auch unsere Kiezgesprächsrunden mit Polizei, Anwohner_innen und Gewerbetreibenden koordinieren, vorgelegt. Diese Zahlen sind, obwohl "nur" mit Schwerpunkt auf schwulen- bzw. bi-feindliche Straftaten, um einiges höher als es die Polizeistatistik hergibt. Sie beruhen auf Meldungen Betroffener und verdeutlichen auch, dass Opfer homo- oder transfeindlicher Gewalt zwar zu Gewaltschutz- bzw. Opferberatungsstellen, nicht aber zur Polizei gehen.
Hm ja, das sind dann auch keine Dunkelziffern in dem Sinne. Bei mir kamen die Erinnerungen hoch an die Dunkelziffer-Eskalationen zu jeweiligen Aufregerthemen. Seien es bzgl sexueller Übergriffe auf Kinder, Frauen, LGBT*, oder von rechtsaussen angebliche "Ausländerkriminalität", illegale Zuwanderer, usw. Ich mag den Satz mit den "Statistiken, die man nicht selbst gefälscht hat" nicht. Das Problem ist mE, dass a) bei journalistischen Darstellungen von Statistiken häufig die Einordnung und die Hintergründe fehlen, weil b) nicht nur Journalisten, sondern auch einem Großteil der Leser das Grundwissen wissenschaftlicher Statistik fehlt. Wie wurden die Daten gewonnen, wie verlässlich ist die Erhebung, wie wurden sie gruppiert, verknüpft, für die Darstellung klassizifiert? Und was man bei der grafischen alles vershentlich oder absichtlich falsch machen kann, beschreibt Prof. Gerd Bosbach ("Lügen mit Zahlen"). Siehe http://www.luegen-mit-zahlen.de/

Völlige Zustimmung sowohl zu den Programmen, als auch zur richtigeren Benennung. Es sind eben Gesinnungs- bzw. Hassverbrechen.

Gerade im Zusammenhang mit den Unterstützungsprogrammen in Berlin noch mal zu Statistiken. In irgendeiner Illustrierten mit Zielgruppe junge, urbane Frauen war vor Jahren ein Artikel über die Häufigkeit und Wahrscheinlichkeit von Vergewaltigungen in Deutschland. Schlagzeile: "Bremen ist die Hauptstadt der Vergewaltigungen". Hä? What? Wieso wusste hier in Bremen niemand davon? Weil das Ranking auf den polizeilich angezeigten Fällen beruhte. Und Bremen hatte als einziges Bundsland damals schon mehrere Jahre eine Kooperation zwischen Frauenhäusern, Beratungsstellen, Krankenhäusern, Polizei und Staatsanwaltschaft. Inklusive speziell geschulten PolizistInnen für die behutsame Opferbefragung, weitgehende Anonymität, usw. Also optimale Betreuung, so wie Du es für LGBT*-Fälle in Berlin beschreibst.

Folge: In Bremen wurden einfach mehr Fälle angezeigt, als vielleicht im ländlichen Bayern, wo die Polizei und Krankenhaus nicht nur das Opfer kennen, sondern mglw auch den mutmasslichen Täter; oder in Frankfurt, wo viele externe und Pendler arbeiten, die als Opfer dann erst mal hilflos sind oder als Ortsfremde lieber nach Hause fahren.

All das muss man wissen und verstehen - und gehört als beeinflussende Faktoren in eine gute Berichterstattung über solche Zahlen.

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